Torwart spielt seit Werder-Abschied in England

Felix Wiedwald im Interview über sein Leben in Leeds

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Felix Wiedwald steht seit Sommer 2017 bei Leeds United unter Vertrag.

Leeds/Bremen - Torwart Felix Wiedwald spricht im Interview über seinen Abschied von Werder Bremen, sein neues Leben in Leeds, einen Ex-Hamburger als Team-Kollegen und Biertrinker in England.

Anruf bei Felix Wiedwald. Der 27-Jährige lebt seit Sommer in England, spielt bei Leeds United. Ein nicht ganz freiwilliger Wechsel. „Ich wäre gerne in Bremen geblieben“, sagt der ehemalige Keeper des SV Werder. Schließlich stammt er aus Achim nahe Bremen und ist bei Werder groß geworden. Doch jetzt ist er auf der Insel glücklich geworden, wenngleich nicht alles optimal läuft.

Die Suche nach einem Haus war schwierig, nach einem Superstart saß er beim letzten Spiel plötzlich auf der Bank, und die Bratwürstchen aus der Heimat konnten nicht auf den Grill. Im Interview mit der DeichStube berichtet Wiedwald exklusiv und entspannt wie selten zuvor über sein neues Leben in der glücklichsten Stadt Englands, über den SV Werder und dessen Trainer Alexander Nouri.

Herr Wiedwald, wo erreichen wir Sie?

Felix Wiedwald: Ich sitze schön in meinem neuen Zuhause. Es hat ein bisschen gedauert, bis wir etwas gefunden haben, aber jetzt sind wir glücklich.

Ist der Immobilienmarkt in Leeds so schwierig?

Wiedwald: Na ja, der englische Standard ist schon etwas anders als der Deutsche. Und es gibt nur wenige Häuser zur Miete – und die werden nur selten renoviert. Da mussten wir uns schon einige Häuser angucken. Aber jetzt haben wir etwas Schönes gefunden. Ich wohne allerdings nicht direkt in Leeds, sondern in Harrogate.

Warum?

Wiedwald: Harrogate wurde in den vergangenen drei Jahren zum glücklichsten Ort Englands gewählt, hier ist wirklich sehr viel Grün. Das war früher mal ein Kurort – und das merkt man auch. Wir haben es echt gut getroffen.

Sie sprechen von Wir, also ist Ihre Frau auch schon auf der Insel?

Wiedwald: Sie war hier. Aber zur Geburt unseres Kindes ist sie jetzt zurück nach Bremen. Jetzt bin ich erst mal alleine – also fast alleine. Ein Teamkollege sucht gerade eine Wohnung, dem habe ich unser Gästezimmer angeboten. Eine Win-win-Situation, weil ich mit ihm nur Englisch sprechen kann, das schult.

Wie klappt es insgesamt mit der Verständigung?

Wiedwald: Viel besser als erwartet. In der Schule war ich in Englisch eigentlich immer schlecht, weil ich nie die Vokabeln gelernt habe. Aber jetzt läuft es ganz gut. Ich schaue auch Filme mittlerweile lieber auf Englisch.

Wollen Sie bei der Geburt Ihres Kindes in Bremen dabei sein?

Wiedwald: Natürlich. Deshalb darf es nicht nachts losgehen, da gehen keine Flieger nach Deutschland.

Zum Sport: Sie hatten einen super Start mit sechs Spielen ohne Gegentor vom zweiten bis zum siebten Spieltag. Haben Sie so etwas schon mal in Ihrer Karriere erlebt?

Wiedwald: Nein. Ich habe jetzt schon öfter zu Null gespielt als in meinen letzten beiden Spielzeiten bei Werder zusammen (lacht). Es war echt schön, ich war sofort voll drin – und wir hatten einen richtig guten Lauf.

Felix Wiedwald hat mit Leeds United einen Traumstart in die Saison erwischt, sitzt aktuell trotzdem auf der Bank.

Der dann endete: Sie haben in den nächsten vier Spielen sieben Gegentore bekommen, es gab drei Niederlagen – und danach saßen Sie plötzlich auf der Bank. Waren Sie überrascht?

Wiedwald: Nicht wirklich. Der Trainer meinte, dass ich davor in kurzer Zeit viele Spiele gemacht hätte und ich mal eine Pause bräuchte. Ich wäre das ja auch nicht gewohnt. Und es stimmt, man muss sich wirklich daran gewöhnen, immer dienstags und samstags zu spielen. Dazu noch die Reisen. Wir haben schließlich eine 24er-Liga mit 46 Spielen – dazu noch zwei Pokalwettbewerbe. Ich habe selbst gemerkt, dass ich etwas müde geworden bin. Als Torwart ist es vor allem für den Kopf nicht ganz so leicht, so oft zu spielen. Die Pause hat gut getan, muss aber auch nicht ewig dauern.

Wie unterscheiden sich die Bundesliga und die zweite englische Liga?

Wiedwald: Vor allem bei den Standards. Bei Ecken und Freistößen wirst du als Torwart angegangen, dein Arm wird festgehalten, damit du nicht hochkommst – und es wird fast nie gepfiffen. Daran muss man sich echt gewöhnen. Wenn du in Deutschland nur ein bisschen berührt wirst, ist es sofort ein Foul. Hier müssen dir die Mitspieler den Weg freiblocken, damit du überhaupt rausgehen kannst. Und die Arme solltest du immer oben haben, damit sie keiner runterdrücken kann.

Da müssten Sie doch bestens vorbereitet sein – Sie haben doch mal geboxt?

Wiedwald: Ja genau, das hilft mir bestimmt (lacht). Ich habe mir auch schon ein paar Tipps von Gerhard Tremmel (ehemaliger Werder-Ersatztorwart und Keeper von Swansea City, Anm. d. Red.) geholt, der kennt sich auf der Insel sehr gut aus.

Wie hoch sind denn die Erwartungen an einen deutschen Torwart?

Wiedwald: Der Verein hat eine Ablöse für mich bezahlt und erwartet natürlich, dass ich Stabilität reinbringe und Verantwortung übernehme. Ich bin einer der wenigen Spieler in unserer Mannschaft mit Erstliga-Erfahrung. Das will ich auch zeigen.

Spielen Sie anders als englische Torhüter?

Wiedwald: Ich denke schon. Das liegt aber auch an unserem Trainer Thomas Christiansen. Der ist ein dänischer Spanier, hat in der Bundesliga gespielt. Wir wollen hinten rausspielen – und der Torwart soll den Ball nicht einfach möglichst weit bis zum gegnerischen Strafraum schießen, wie es viele englische Trainer fordern. Ich glaube, mit meiner Spieleröffnung sind bislang alle zufrieden.

Gut eingeschlagen hat in Leeds auch Pierre-Michel Lasogga. Wie lebt es sich mit einem Ex-Spieler vom Nordrivalen Hamburger SV?

Wiedwald: Er trägt ja jetzt nicht mehr das falsche Trikot, also gibt es da auch keine Probleme. Wir machen schon einiges zusammen.

Haben Sie das Nordderby zusammen mit ihm geguckt?

Wiedwald: Nein, wir waren mit der Mannschaft mal wieder irgendwo auf der Autobahn unterwegs. Aber natürlich wurde da ein bisschen gefrotzelt.

Wie verfolgen Sie Werder?

Wiedwald: So gut es geht. Meistens sehe ich nur die Zusammenfassung, weil wir selbst so viel spielen. Es ist in Bremen wieder das alte Leid.

Haben Sie damit gerechnet?

Wiedwald: Nach der guten Rückrunde nicht, obwohl das Auftaktprogramm schon schwierig war. In den letzten Wochen hätte ich aber schon mal mit einem Sieg gerechnet.

Haben Sie eine Erklärung für die seit Jahren immer wiederkehrenden Bremer Herbst-Depressionen?

Wiedwald: Wenn ich die hätte, wäre ich wohl schon als Trainer installiert worden (lacht).

Wie finden Sie Ihren Nachfolger Jiri Pavlenka?

Wiedwald: Er macht einen guten Job. Er bekommt zwar immer noch die meisten Torschüsse in der Liga aufs Tor – so wie ich damals –, aber es sind nicht so viele drin.

Ist er also besser als Sie?

Wiedwald: Vielleicht waren die Schüsse auf sein Tor leichter zu parieren (lacht).

Werder-Coach Alexander Nouri wollte Sie nicht mehr wirklich haben, jetzt droht ihm der Rauswurf. Ärgern Sie sich, dass Sie nicht bei Ihrem SV Werder geblieben sind?

Wiedwald: Ich bin hier in Leeds zufrieden, Jiri Pavlenka hält gut – also ist es doch für alle Parteien so gelaufen, wie man sich das vorgestellt hat. Es ist aber schade, dass Werder noch sieglos ist und unten drin steckt. Das macht mich traurig. Was mit dem Trainer passiert, ist nicht meine Baustelle.

Werder Bremen ist nach wie vor der Herzensclub von Felix Wiedwald.

Schmerzt Sie der Abschied aus Bremen noch?

Wiedwald: Es war schade für mich – vor allem nach der guten Rückserie. Das ist meine Heimat, mit der werde ich immer verbunden bleiben. Klar, ich wäre gerne geblieben. Und mein Herz wird auch weiter für Werder schlagen, obwohl es nicht so schön war, wie es auseinandergegangen ist. Aber mein Kindheitstraum wurde ja erfüllt: Ich habe für meinen Club im Weserstadion gespielt. Deswegen bin ich auch erhobenen Hauptes gegangen.

Zu wem bei Werder haben Sie noch Kontakt?

Wiedwald: Fin Bartels und Philipp Bargfrede. Wenn im Dezember in Deutschland die Bundesliga-Pause ist, wollen sie rüberkommen und sich ein Spiel von mir angucken. Mit Fin und Philipp werde ich auch nach meiner Karriere noch viel zu tun haben.

Werden Sie nach der Karriere in Bremen leben?

Wiedwald: Davon gehe ich fest aus. Da müsste schon etwas Außergewöhnliches passieren.

Wie sehr vermissen Sie Bremen?

Wiedwald: Meine Freunde und meine Familie fehlen mir natürlich – und einige Lebensmittel auch.

Welche?

Wiedwald: Ein vernünftiges Brötchen, Schnitzel, Bratwurst – das gibt es hier alles nicht. Zum Glück kann man im Supermarkt deutsches Brot kaufen, und diese Woche sind mir Bratwürstchen zugeschickt worden.

Haben Sie die schon auf den Grill gelegt?

Wiedwald: Das wäre schön gewesen, aber die Engländer wollen einfach alles anders machen. Ich brauche für alles Adapter. Deswegen konnte ich meinen Grill noch nicht anschließen, also mussten die Bratwürste in die Pfanne.

Das klingt nach einem etwas schwierigen Alltag.

Wiedwald: Nein, so ist es nicht. Im Gegenteil: Die Menschen sind freundlicher und hilfsbereiter als bei uns. Im Straßenverkehr wirst du immer reingewinkt, sie machen einfach Platz.

Sie sehen wahrscheinlich, dass Sie Deutscher sind und Probleme mit dem Linksverkehr haben.

Wiedwald: Nein, ich habe doch ein englisches Auto und kriege das schon ganz gut hin. Ich glaube, es gibt hier kein Rechts vor Links. Mir wurde gesagt, hier wartet jeder auf den anderen. Das ist zwar ungewöhnlich, klappt aber ganz gut.

Was ist im Fußball-Alltag anders?

Wiedwald: Vor Heimspielen dürfen wir im eigenen Bett schlafen, müssen nicht ins Hotel. Ohnehin sind am Spieltag alle etwas entspannter und nicht so verkrampft.

Wird nach Siegen denn groß gefeiert?

Wiedwald: Außer mir hat nach einem Spiel noch kein Spieler ein Bier getrunken. Da habe ich mal nachgefragt, und sie haben mir gesagt: Das nächste Spiel sei ja schon in ein paar Tagen, und wenn sie erst mal ein Bier getrunken haben, dann müssten es auch gleich zehn werden (lacht).

Ihren Kindheitstraum haben Sie bei Werder verwirklicht, was haben Sie mit Leeds vor?

Wiedwald: Der Aufstieg in die Premier League ist das Ziel. Da gibt es eine große Aufmerksamkeit, die Vereine sind reich, es gibt viel zu verdienen. Aber das ist nicht so leicht. Von den 24 Mannschaften in der zweiten Liga wollen 15 aufsteigen. Es wurde im Sommer sehr viel investiert. Aber das macht die ganze Sache hier auch so interessant.

Felix Wiedwald - seine Karriere in Bildern

Felix Wiedwald
Felix Wiedwald ist ein echtes Werder-Eigengewächs. Das in Thedinghausen geboren und in Achim aufgewachsene Torwart-Talent kam im Alter von neun Jahren zum SVW, durchlief dort die Jugend-Teams, spielte auch in der A-Junioren-Bundesliga (Foto). © imago
Felix Wiedwald
Wiedwald nahm auch als Nachwuchsspieler gelegentlich am Profi-Training teil und fuhr mit ins Trainingslager. © nordphoto
Felix Wiedwald
Im Februar 2010 erhielt Wiedwald seinen ersten Profivertrag bei Werder, konnte sich aber noch nicht durchsetzen. © nordphoto
Felix Wiedwald
2011 zog Wiedwald weiter: Beim MSV Duisburg war er zunächst zweiter Torwart hinter Florian Fromlowitz, verdrängte ihn aber im Laufe der Saison und wurde erstmals Stammkeeper einer Profimannschaft. © nordphoto
GER, 2.FBL, 1. FC Union Berlin, MSV Duisburg
Als Duisburg 2013 keine Lizenz für die Zweite Liga bekam und in die Dritte Liga zwangsabsteigen musste, verließ Wiedwald den Verein und schloss sich Bundesligist Eintracht Frankfurt an. © nordphoto
Felix Wiedwald
Wiedwald war die Nummer zwei hinter Kevin Trapp - bis sich Trapp im September 2014 einen Syndesmose-Riss zuzog. © nordphoto
Felix Wiedwald
Wiedwald machte seine Sache als Ersatzmann gut, musste nach Trapps Genesung aber wieder Platz machen. Immerhin hatte er die Aufmerksamkeit anderer Clubs auf sich gezogen... © nordphoto
... in erster Linie von Werder. Wiedwald kehrte 2015/2016 zu seinem Herzensverein zurück. In seiner ersten vollen Saison als Nummer eins kassierte Wiedwald allerdings satte 65 Gegentore.
... in erster Linie von Werder. Wiedwald kehrte 2015/2016 zu seinem Herzensverein zurück. In seiner ersten vollen Saison als Nummer eins kassierte Wiedwald allerdings satte 65 Gegentore. © gumzmedia
Wiedwald ging auch als Stammtorwart in die Saison 2016/2017. Nach schwachem Saisonstart der Mannschaft degradierte ihn Trainer Viktor Skripnik.
Wiedwald ging auch als Stammtorwart in die Saison 2016/2017. Nach schwachem Saisonstart der Mannschaft degradierte ihn Trainer Viktor Skripnik. © gumzmedia
Skripnik setzte auf Jaroslav Drobny. Nur wegen einer Handverletzung des Oldies rutschte Wiedwald nochmal ins Tor...
Skripnik setzte auf Jaroslav Drobny. Nur wegen einer Handverletzung des Oldies rutschte Wiedwald nochmal ins Tor... © gumzmedia
... doch als Drobnys Verletzung auskuriert war, musste Wiedwald auch unter dem neuen Coach Alexander Nouri wieder auf die Bank. Wiedwalds Tage in Bremen scheinen damit gezählt. Oder bekommt er nochmal seine Chance?
... doch als Drobnys Verletzung auskuriert war, musste Wiedwald auch unter dem neuen Coach Alexander Nouri wieder auf die Bank. Wiedwalds Tage in Bremen scheinen damit gezählt. Oder bekommt er nochmal seine Chance? © gumzmedia
Ja, er bekam sie und nutzte die Chance eindrucksvoll. Als Drobny wegen einer roten Karte und einer anschließenden Schulterverletzung einige Spiele ausfiel, zeigte Wiedwald starke Leistungen.
Ja, er bekam sie und nutzte die Chance eindrucksvoll. Als Drobny wegen einer roten Karte und einer anschließenden Schulterverletzung einige Spiele ausfiel, zeigte Wiedwald starke Leistungen. © gumzmedia
Vor der Saison 2017/18 verließ der Keeper die Bremer jedoch - und wechselte zum englischen Zweitligisten Leeds United, wo er einen Drei-Jahres-Vertrag erhalten hat.
Vor der Saison 2017/18 verließ der Keeper die Bremer jedoch - und wechselte zum englischen Zweitligisten Leeds United, wo er einen Drei-Jahres-Vertrag erhalten hat. © gumzmedia

Quelle: DeichStube

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