Fans sorgen sich um Werder – und Allofs verspricht keine rosigen Zeiten / Mertesackers Ahnung

Der Fehler im System

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Werder-Coach Thomas Schaaf hat im Trainingslager in Belek viel erklärt – seine Spieler setzten davon in den Testspielen jedoch sehr wenig um.

Werder-Bremen - BELEK · „Es war ja nur ein Testspiel.“ Was Werder Bremens Mediendirektor Tino Polster in seinem Trainingslager-Tagebuch von Belek lapidar kleinzureden versuchte, hatte in Wahrheit eine ganz andere, viel bedeutendere Dimension: Es war ein Debakel, ein Schock für alle Werder-Fans. Die peinliche 1:3-Pleite gegen Eskisehirspor, Elfter der türkischen Liga, war schlichtweg ein Armutszeugnis. Und es war ein Vorgeschmack auf das, was den Bremern zum Rückrundenauftakt gegen Hoffenheim in der Liga blühen könnte.

Doch Werder wollte den peinlichen Auftritt der Mannschaft und damit den Schaden für den Club im World-Wide-Web für die Daheimgebliebenen anscheinend so gering wie möglich halten. Denn auch der Spielbericht auf der vereinseigenen Internetseite (http://www.werder.de) vermittelt den Eindruck, dass die Bremer über weite Strecken die klar bessere Mannschaft mit zahlreichen Chancen gewesen waren, die Tore der Türken quasi „aus heiterem Himmel“ gefallen sind. Das war natürlich Blödsinn.

Werders Trainingslager in Belek in Bildern

Werders Trainingslager in Belek

Nicht nur die kritischen Augen der Journalisten, sondern auch die der mitgereisten Fans hatten eine Werder-Mannschaft gesehen, die in dieser Verfassung am Sonnabend gegen Hoffenheim keine Chance haben wird. Eine Mannschaft, die in dieser Form mehr denn je gegen den Abstieg kämpft: Leblos, leidenschaftslos, kampflos. Von „großer Sorge um meinen Verein“ bis hin zu „ich bin erschüttert“ reichten später die Aussagen der Bremer Anhänger. Davon war auf dem Vereinsorgan freilich nichts zu lesen.

Vier Tage vor dem Rückrundenstart liegen bei Werder die Nerven blank. Was darin gipfelte, dass Co-Trainer Matthias Hönerbach den zweifelsfrei schlechten, kleingewachsenen türkischen Schiedsrichter mit den Worten „du kleine Wurst, bei uns im Hotel ist noch ein Posten als Kellner frei, du Idiot“, beschimpfte. Da spielte wohl auch der Frust über das desaströse Spiel der Mannschaft mit rein.

Die Alarmglocken bei Werder schrillen jedenfalls so kräftig wie vor der Weihnachtspause. Auf dem Rückflug gestern Mittag hatten die Bremer die gleichen Sorgen und Nöte im Gepäck, die sie schon mit nach Belek getragen hatten. Plus die Tatsache, dass Neuzugang Denni Avdic einen Stürmer wie Hugo Almeida noch nicht ersetzen kann. Plus die Gewissheit, dass Naldo und Wesley noch länger ausfallen – und den Frust, sich in den Testspielen kein Erfolgserlebnis geholt zu haben. Sicher, die Bremer haben in Belek wirklich gut, intensiv und hart trainiert – doch unterm Strich wurde das wieder mal nicht auf den Platz projiziert. Wie so häufig in den vergangenen Monaten.

Und die Ursachenforschung beschränkte sich auch diesmal wieder aufs Schulterzucken. Zu oft hatte es Erklärungsversuche gegeben, die nach jeder Niederlage immer wieder aufs Neue hervorgekramt worden waren. Die sportliche Leitung scheint mit ihrem Latein am Ende. Trainer Thomas Schaaf wirkt angeschlagen, ratlos. Und Werder-Boss Klaus Allofs verstärkte noch die Sorgen, als er sagte: „Es wird eine schwierige Saison, die Mannschaft ist im Wandel. Es ist möglich, dass es noch dauern kann, bis sie zu der Leistung findet, für die sie steht. Nach der schlechten Hinrunde können wir den Schalter nicht von heute auf morgen umlegen.“

Schöne Aussichten . . . Zumal ein erfolgreicher Rückrundenstart eigentlich die Voraussetzung dafür ist, nicht komplett in den Abstiegssog zu geraten. „Wenn wir in den ersten drei Spielen keine Punkte holen, dann werden wir gegen den Abstieg spielen“, mahnte Mittelfeldspieler Aaron Hunt. Nach dem Spiel gegen Eskisehirspor kann man sich darauf einstellen. Und Per Mertesacker schien auch so eine Ahnung gehabt zu haben. Nachdem in Belek von allen Seiten ein neuer Geist im Team ausgemacht worden war, hatte der Vizekapitän bereits gewarnt: „So ein Eindruck kann auch täuschen. Wir können uns nicht nur darauf verlassen, was wir hier sehen und besprochen haben. Wir müssen es auf dem Platz zeigen.“ Wie Recht er hatte.

Dass die Mannschaft auf dem Platz wieder mal versagt hat, war deutlich zu erkennen. Bleibt die Frage, welche Rolle Trainer Thomas Schaaf und Allofs in dieser Situation zukommt. Der Sportchef muss sich fragen, ob es ein Fehler war, nach dem Verkauf von Mesut Özil keinen echten Spielmacher verpflichtet zu haben. Das wäre sicher schwer gewesen, denn sie wachsen nicht auf den Bäumen, sind schwer zu bezahlen. Ein Regisseur hat Werder in den letzten Jahren – siehe auch Diego und Micoud – aber immer stark gemacht: genialer Pass, Schuss, Tor. Dass so eine Person fehlt, zeigt die spielerische Tristesse, die Chancenarmut deutlich auf.

Und Schaaf muss sich fragen, ob es ein Fehler war, das System zu wechseln. Fast 80 Prozent seiner Spieler haben die Raute sozusagen mit der Muttermilch aufgenommen. Die neue 4-2-3-1-Variante erfordert eine enorme taktische Disziplin, die die meisten seiner Spieler nicht gewohnt waren. Fehler wurden schon immer gemacht – nur gingen die Spiele mit Raute meist 5:3 aus. Jetzt, wie gegen Eskisehirspor, eben 1:3. Auch wenn’s nur ein Testspiel war . . .

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