Ex-Werder-Coach ist nach der 1:4-Klatsche Hannovers letzter Kämpfer

Auf nichts ist Verlass, nur auf Thomas Schaaf

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Thomas Schaaf eilte in die Kabine, aber Claudio Pizarro wollte ihn vorher unbedingt noch trösten.

Bremen - Von Björn Knips. Ein Club ist am Ende – nur einer lässt sich nicht unterkriegen: Thomas Schaaf. Nach der peinlichen 1:4 (1:2)-Klatsche seiner Hannoveraner in Bremen wusste der Coach zwar nicht, „wie ich den Abend überleben soll, so verärgert bin ich“. Aber als einziger 96er hat der 54-Jährige im Abstiegskampf noch nicht aufgegeben: „Die Möglichkeit ist doch noch da, man kann immer noch rechnen.“ Allerdings beträgt der Rückstand zum Relegationsplatz sieben Punkte, zum rettenden Ufer sogar neun. Und in der aktuellen Verfassung muss der Tabellenletzte froh sein, überhaupt noch irgendwo ein Pünktchen zu ergattern.

Ausgerechnet in seinem Wohnzimmer, wo er als Spieler und Coach Jahrzehnte verbracht hatte, erlebte Schaaf einen seiner bittersten Fußball-Momente. „Ich mache da kein Ranking“, wiegelte Schaaf zwar ab, aber seine Reaktion nach dem Schlusspfiff hatte Bände gesprochen: Der Trainer klatschte nicht seine Spieler auf dem Feld ab, sondern auf dem direkten Weg in die Kabine nur die guten alten Bekannten seines Ex-Clubs. Torschütze Claudio Pizarro eilte noch schnell herbei und tröstete seinen einstigen Entdecker: „Ich habe ihm gewünscht, dass er da unten rauskommt.“

Aber wie soll das gehen? Im achten Spiel unter Schaafs Regie gab es die siebte Niederlage. Der Coach hat viel probiert, immer wieder System und Personal gewechselt. Ohne Erfolg. „Man kann sich nur darauf verlassen, dass man sich auf nichts verlassen kann“, seufzte der Coach. Das kam eigentlich einer Bankrotterklärung gleich. Doch Schaaf schlug sofort wieder mit der rechten Faust in seine linke Hand, um den vor ihm stehenden Journalisten seine Kampfbereitschaft zu demonstrieren. Und auf den Hinweis, bei den Spielern sei wenig Hoffnung zu erkennen, stellte er klar: „Ich bin dafür da, das zu ändern. Leider bin ich nicht mehr auf dem Platz…“

Seinen trockenen Humor hat Schaaf also noch nicht verloren. Den Rückhalt im Club auch nicht. „Wir diskutieren viel intern, aber Thomas ist unser Trainer und er weiß ganz genau, wie er die Situation jetzt angehen muss. Thomas marschiert vorneweg“, betonte Martin Bader. Sechs Spieler hatte der Geschäftsführer Sport im Winter verpflichtet, um Schaaf die schwierige Mission Klassenerhalt zu erleichtern. Eingeschlagen hat keiner. „Wir müssen uns alle an die eigene Nase packen. Es ist bis jetzt relativ wenig aufgegangen – in allen Bereichen“, gestand Bader.

Das dürfte sich Martin Kind ganz anders vorgestellt haben. Er hatte im September erst Bader geholt, im Winter dann Schaaf – als den großen Retter. „Martin Kind ist ob der Ergebnisse erschüttert“, berichtete Bader. Kind selbst schwieg nach dem Debakel in Bremen. Kein Wunder, sein Lebenswerk ist in Gefahr. Die Gesellschafter, die viel Geld in den Club gepumpt haben, sollen ihm im Nacken sitzen und Erklärungen fordern. Es ist nicht auszuschließen, dass der 71-Jährige unter diesem Druck die Trainerfrage anders bewertet und noch einmal handelt.

Doch erst einmal macht Schaaf weiter. Seine Taktik ist ganz einfach. Einerseits sprach er die Defizite seiner Mannschaft nach den Bremer Toren von Fin Bartels (18.), Pizarro (26.), Theodor Gebre Selassie (56.) und Zlatko Junuzovic (67.) offen an: „Wir wollten in den Zweikämpfen drin sein, und dann sieht man so ein Tor von Pizarro, da wird man als Trainer verrückt.“ Andererseits kramte er das minimal Positive nach dem Anschlusstreffer von Kenan Karaman (45.) hervor: „Wir können durch Kenan das 2:2 machen, dann sieht es ganz anders aus.“

Doch schließlich stand ein hochverdientes 4:1 auf der Anzeigetafel – und darunter entrollten die Werder-Fans ein „Danke Thomas“-Banner. Es galt der Vergangenheit, passte aber perfekt zur Gegenwart. So einfach hatten die Gastgeber in dieser Saison noch kein Spiel gewonnen, es war ohnehin erst ihr zweiter Heimsieg. Schaaf wollte den Gruß gar nicht gesehen haben („Dafür hatte ich keinen Blick“). Seine Gedanken kreisten angeblich nur um Hannover 96 – und natürlich um die Rettung. Dabei spielte Werder dann aber doch wieder eine Rolle. Schaaf erinnerte an 1999, als er an der Weser vier Spieltage vor Schluss Felix Magath abgelöst hatte: „Da hat keiner mehr einen Pfifferling auf uns gesetzt, das war wesentlich brenzliger.“ Werder blieb drin.

Also kämpft Schaaf auch diesmal. Und anders als vor Jahren auf seiner Zielgeraden in Bremen, als er im Abstiegskampf nur noch verbittert und muffig wirkte, geht er die Aufgabe diesmal freundlich und offen an. Schaaf nimmt die Medien mit, schließlich hat er schon genug Probleme. „Einen schönen Abend noch“, wünschte er zum Abschied – wohwissend, dass er selbst sicher keinen haben würde.

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