Europa oder Niemandsland?

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Beim desaströsen 0:5 in Gladbach – aber teilweise auch in anderen Partien in dieser Saison – wurden einige wunde Punkte beim Tabellenfünften sichtbar.

Bremen - Von Malte Rehnert. Sportchef Klaus Allofs sagt es, Keeper Tim Wiese ebenso. Auch Stürmer Marko Arnautovic – und Kapitän Clemens Fritz: Werder hat den Anspruch, um die internationalen Plätze mitzuspielen und gehört nach oben. Wirklich?

Beim desaströsen 0:5 in Gladbach – aber teilweise auch in anderen Partien in dieser Saison – wurden einige wunde Punkte beim Tabellenfünften sichtbar. Und wenn die nicht verheilen, fährt der Werder-Zug am Ende womöglich nicht nach Europa, sondern wieder ins graue Niemandsland. Zumindest Anlass zur Sorge geben nach 13 Spielen:

21 Gegentore in 13 Spielen. Das ist – gemeinsam mit Hannover 96 – der schlechteste Wert in der oberen Tabellenhälfte. Es ist ein Problem, das die Bremer seit Jahren begleitet und das sie offenbar nicht lösen können. „Wir haben es nicht auf die Reihe bekommen, weil wir Fehler gemacht haben. Man muss sich die Tore nur anschauen – da waren wir oft in Überzahl“, sagt Trainer Thomas Schaaf mit Blick auf die Gladbach-Pleite. Beim ersten Gegentreffer schlief Aleksandar Ignjovski, beim zweiten sahen Sebastian Prödl und Andreas Wolf ganz schlecht aus. Beim dritten und vierten, vor denen Wiese den Ball direkt nach vorne abgewehrt hatte, ging gar kein Bremer zum Abpraller. Insgesamt war Werder vor allem hilflos bei den ständigen Offensiv-Rochaden der flotten Borussen.

Die Einzelkritik: Eine Mannschaft als Totalausfall

Tim Wiese: Bekam kaum eine Hand an den Ball – und musste ihn fünf Mal aus dem Netz holen. Beim 0:1 etwas zu zögerlich, wehrte in der zweiten Halbzeit zwei Bälle genau in die Mitte ab. Note 5 © Nordphoto
Sokratis: Ein ganz übler Auftritt des griechischen Rechtsverteidigers. Nichts nach vorne – und hinten mit haarsträubenden Stellungsfehlern. Seine Seite war mehrfach offen wie ein Scheunentor. Als Krönung dann noch Gelb-Rot. Note 6 © Nordphoto
Andreas Wolf: Es gelang ihm nicht, Naldo zu ersetzen. Bei weitem nicht so souverän wie der fehlende Brasilianer. Wer seine Chance nutzen will, muss anders auftreten. Note 5 © Nordphoto
Sebastian Prödl: Vor dem 0:2 – wie Wolf – von Reus düpiert. Ansonsten machte der Österreicher keine groben Fehler, er strahlte aber eben auch keine Sicherheit aus. Note 5 © Nordphoto
Aleksandar Ignjovski: Als wuseliger Zweikampf-„Terrier“ prädestiniert dafür, die flinken Gladbacher zu bremsen. Doch das gelang ihm fast nie, der junge Serbe bekam kaum Zugriff. Note 5 © Nordphoto
Philipp Bargfrede: Guter Auftakt mit einigen Balleroberungen. Verlor als „Sechser“ dann aber immer mehr die Orientierung und konnte die Gladbacher Angriffe nicht mehr bremsen. Note 5 © Nordphoto
Clemens Fritz: Dass der Kapitän sich energisch wehrt und vorwegmarschiert, war nicht zu erkennen. Auch er konnte das Mittelfeld werder ordnen noch dichtmachen. Note 5 © Nordphoto
Aaron Hunt (bis 78.): Seine gute Form hatte er irgendwo zwischen Bremen und Gladbach verloren. Kein Esprit, keine Gefahr, dazu sehr schwache Zweikampfführung. Note 5,5 © Nordphoto
Mehmet Ekici (bis 46.): Die nächste Chance als Spielmacher – und die nächste Enttäuschung. Ein schöner Freistoß (15.), danach kam nichts mehr. Wirkte im Vergleich mit den Gladbachern schwerfällig und uninspiriert. Nun droht wieder die Bank. Note 5,5 © Nordphoto
Marko Arnautovic (bis 61.): Eine Stunde total unsichtbar – ohne Torchance oder brauchbare Vorlage. Dass er überhaupt mitgespielt hatte, fiel erst bei seiner Auswechslung auf. „Ich bin sehr enttäuscht über meine Leistung“, sagte der Österreicher. Note 6 © Nordphoto
Claudio Pizarro: Der Torjäger hatte diesmal keine Munition dabei. Wirkte nach seiner anstrengenden Länderspielreise bei weitem nicht so spritzig wie zuletzt. Versuchte sich meistens als „Ableger“ – ebenfalls mit wenig Erfolg. Note 5 © Nordphoto
Lukas Schmitz (ab 46.): Ziemlich undankbar, bei einem 0:3-Rückstand in eine wehrlose Mannschaft zu kommen. Passte sich dem niedrigen Niveau an. Note 5 © Nordphoto
Markus Rosenberg (ab 61.): Hatte eine der wenigen Bremer Chancen – und vergab sie. Danach nicht mehr zu sehen. Note 5 © Nordphoto
Aleksandar Stevanovic (ab 78.): Bundesliga-Debüt für den jungen Serben beim Stand von 0:5 – es gibt sicher Schöneres... Note - © Nordphoto

Gar nicht auszudenken, wenn Naldo länger fehlen würde. Werder braucht so einen erfahrenen Klassemann, um der Abwehr den nötigen Halt zu geben. Ohne den nach einer Bronchitis noch nicht ganz fitten Brasilianer schwamm Werder in Gladbach gewaltig. Doch Naldo-Vertreter Wolf und Prödl waren sicher nicht allein die Sündenböcke, wie Allofs betont: „Man darf die Schuld nicht nur bei den Innenverteidigern suchen.“ Findet auch Fritz: „Es ist nicht nur die Abwehr, es ist auch das komplette Mittelfeld und der Angriff.“

Die Außenverteidiger

Sokratis hatte auf rechts extrem stark begonnen, galt schon als Top-Nachfolger für den ins Mittelfeld gewanderten Fritz. Der Grieche machte seine Seite zu und zeigte starke Offensivaktionen. Inzwischen aber wachsen die Zweifel, ob’s der gelernte Innenverteidiger tatsächlich außen kann. Sehr durchwachsen in Hannover und gegen Dortmund, schwach in Augsburg. Nun der Tiefpunkt in Gladbach: Eklatante Mängel im Stellungsspiel und im Eins-gegen-Eins – und dann auch noch der Platzverweis.

Auf der anderen Seite sucht Werder seit Jahren die Idealbesetzung – und hat sie noch immer nicht gefunden. Perfekt wäre eine Mischung aus den Neuzugängen Lukas Schmitz und Aleksandar Ignjovski. Der eine (Schmitz) kann die Offensive beleben, hat aber in der Defensvie deutliche Schwächen. Der andere (Ignjovski) ist ein aggressiver Zweikämpfer, zeigte bisher jedoch fast nichts nach vorne.

Für links hinten hat Werder bald noch die Rekonvaleszenten Sebastian Boenisch und Mikael Silvestre als Alternativen – aber ob die beiden Abhilfe schaffen können . . .?

Das harmlose Mittelfeld

Herausragende Treffer-Zahlen aus dem Mittelfeld liefern die erste Drei: Bayern München (14), Borussia Dortmund (15) und Borussia Mönchengladbach (14). Und Werder? Bringt es gerade mal auf fünf! Das ist hinter Hannover (4) und mit Schalke der schlechteste Wert der Top 9. Nur Aaron Hunt (2), Clemens Fritz, Mehmet Ekici und Wesley (je 1) trafen bisher.

Philipp Bargfrede und Aleksandar Ignjovski noch gar nicht. Beide durften mehrfach auf der „Sechs“ ran, beide haben noch nicht mal ein Tor vorbereitet. Das Problem: Sie sind Defensivspezialisten, Kämpfer – aber sie reißen die Spiele nicht an sich, scheuen oft das Risiko und kommen fast nie zum Abschluss. Ganz anders als etwa Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos beim FC Bayern oder Schalkes Lewis Holtby.

Was aus dem Bremer Mittelfeld kommt, ist insgesamt zu mager für ein vermeintliches Spitzenteam – und zu wenig, um ein anderes Problem zumindest zu entschärfen:

Die Pizarro-Abhängigkeit 

„Von ihm sind wir gerne abhängig“, hatte Sportchef Allofs nach Claudio Pizarros Dreierpack beim 3:2 gegen Köln gesagt. Aber wehe, der 33-jährige peruanische Torjäger (an 15 von 23 Werder-Toren beteiligt) fehlt oder ist mal nicht in Gala-Form: Dann herrscht vorne tote Hose. So wie in Gladbach, als Pizarro (nach seinem Länderspiel-Trip nach Südamerika bei weitem nicht so frisch wie zuletzt) nur einen Torschuss zustandebrachte – und Sturmpartner Marko Arnautovic gar keinen. Allerdings mangelte es auch an Unterstützung aus dem Mittelfeld.

Demnächst müssen Markus Rosenberg und Arnautovic (je drei Tore) wohl zeigen, dass sie es auch mal ohne Pizarro (11) können. Werders „Lebensversicherung“ hat schon vier Gelbe Karten gesammelt . . .

0:5 - Werder gerät in Gladbach unter die Räder

Herber Rückschlag für Werder Bremen. Beim Gastspiel in Mönchengladbach gingen die Bremer mit 0:5 unter und verloren den Anschluss an die Spitzengruppe. Überragender Mann auf dem Feld war Marco Reus, der drei Treffer erzielte. © dpa/Nordphoto
Herber Rückschlag für Werder Bremen. Beim Gastspiel in Mönchengladbach gingen die Bremer mit 0:5 unter und verloren den Anschluss an die Spitzengruppe. Überragender Mann auf dem Feld war Marco Reus, der drei Treffer erzielte. © dpa/Nordphoto
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Die Rückstände

Sieben Mal in Folge lag Werder hinten, zehn Mal insgesamt in dieser Saison. Fünf Mal ging’s am Ende noch gut, doch nun voll nach hinten los. „Wir sind komplett eingebrochen und haben nach dem 0:2 aufgehört, an uns zu glauben“, schimpft Wiese. Die Bremer Moral scheint stark angegriffen. „Fünf oder sechs Mal geht es, da kann man zurückkommen – aber nicht immer“, meint Allofs.

Die fehlende Konstanz

Zwischendurch sah’s so aus, als sei Werder stabil – und zwar auf hohem Niveau. Vom dritten bis zum siebten Spieltag gab es fünf Spiele in Folge ohne Niederlage (Siege gegen Freiburg, Hoffenheim, Hamburg und Hertha, Unentschieden in Nürnberg). Dann folgte der Durchhänger mit den Pleiten in Hannover und gegen Dortmund sowie dem Remis in Augsburg, ehe sich Werder wieder fing. Für Trainer Schaaf und Sportchef Allofs ist das Auf und Ab keine Überraschung. „Sicherheit und Klarheit sind noch längst nicht so, wie wir uns das vorstellen“, sagt Schaaf. „Wir sind noch nicht gefestigt“, ergänzt Allofs: „Einiges, was sich in den letzten Wochen zum Positiven gewendet hat, hätte auch in die andere Richtung gehen können.“

Die Topspiel-Schwäche

„Wir haben mehr Qualität“, hatte Torwart Wiese vor der Gladbach-Pleite noch getönt. Diese Behauptung konnte Werder jedoch in keinster Weise untermauern. Stattdessen gab’s die nächste Niederlage in einem Spitzenspiel. Aus der oberen Tabellenhälfte haben die Bremer nur gegen Hoffenheim (9.) gewonnen, gegen Dortmund (2.), Gladbach (3.), Leverkusen (7.) und Hannover (8.) dagegen verloren. Und vor der Winterpause warten in Stuttgart (6.), Bayern (1.) und Schalke (4.) weitere Hochkaräter. Allofs: „Wir müssen uns aber nicht in die Hose machen und werden sehen, wie wir diese schwierigen Aufgaben bewältigen. Wenn die Hinrunde abgeschlossen ist, können wir eher sagen, wohin die Reise geht.“

Die Empfehlung von Marko Arnautovic: „Wir müssen den Kopf oben behalten und jedes Spiel als Endspiel sehen. Egal, wo eine Mannschaft steht – in der Bundesliga sind alle top.“

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