Strikter Defensivkurs

Eine Revolution auf Zeit

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Stars unter Decken. Marko Arnautovic (re.) und Aaron Hunt (li.) hatten trotz der Verbannung aus der Startelf offensichtlich Spaß auf der Reservebank.

M'Gladbach / Bremen - Der Mann, der alle Anstrengungen in etwas Zählbares verwandelt hatte, war einfach nur müde. Zu müde, um sich zu freuen. „Ich muss jetzt erstmal regenerieren“, japste Aleksandar Ignjovski nach dem 1:1 (0:0) bei Borussia Mönchengladbach – einer Partie, die Werder Bremen ganz anders angegangen war als die 24 Bundesliga-Spiele zuvor.

Defensiv und mit zwei „Sechsern“ im Mittelfeld. So sehr war Werder nach drei Niederlagen in Serie auf Verteidigung ausgerichtet, dass im ausgepumpten Ignjovski sogar ein Defensivspezialist das Tor erzielen musste, der bis dato noch nie in der Bundesliga getroffen hatte.

„Ein Punkt in Gladbach – das ist in unserer Situation okay“, sagte „Iggy“, bevor er sich am Samstagabend in Richtung Entmüdungsbecken schleppte. Wie alle anderen hatte er alles gegeben. Wie bei allen anderen lag auch seine Laufleistung im zweistelligen Kilometerbereich. Insgesamt legte das Bremer Team im Borussia-Park 131 Kilometer zurück. „Das ist absoluter Rekord“, staunte Gladbach-Coach Lucien Favre und bescheinigte dem Gegner, dass der sein Ziel erreicht hatte. „Für uns“, ächzte der Schweizer auf der Pressekonferenz, „war es schwer eine Lücke zu finden. Werder hat sehr kompakt gestanden.“

Zwei Stühle neben ihm saß Thomas Schaaf und hörte gern, was der Gladbacher Kollege so schön analysierte. Denn sein Konzept zur Beendigung der Bremer Talfahrt hatte gegriffen. Der in der Kritik stehende Schaaf hatte zwar den Fußball nicht neu erfunden, für Bremer Verhältnisse aber etwas fast schon Revolutionäres angezettelt. Er hatte der Mannschaft einen strikten Defensivkurs verordnet, der mit gleichermaßen mutigen wie spektakulären personellen Maßnahmen umgesetzt wurde. Aaron Hunt und Marko Arnautovic standen nicht in der Startelf, sondern saßen auf der Bank. Mehmet Ekici und Eljero Elia ebenso. Beinahe ausschließlich offensive Kräfte wärmten sich dort also mit grün-weißen Decken, während eine völlig neu formierte und strukturierte Mannschaft auf dem Platz mit großer Einsatzbereitschaft und Leidenschaft – siehe die 131 Kilometer – um Stabilität rang. „Irgendwo müssen wir ja ansetzen können“, erklärte Schaaf anschließend: „Gegentore verhindern – das ist ein wichtiger Punkt, den wir verfolgt haben.“

Es gelang nicht ganz. Peniel Mlapa köpfte 117 Sekunden nach seiner Einwechslung die Gladbacher Führung (72.), Ignjovski glich wenig später aus (77.). „Gott sei Dank“, meinte Stürmer Nils Petersen, „wenn wir verloren hätten, wüssten wir wieder nicht, wofür dieses Spiel steht.“

Letztlich wurde das 1:1 von Werder-Sportchef Thomas Eichin als „Erfolgserlebnis, das wir gut gebrauchen können“ und als „Belohnung für ein hohes Engagement“ gefeiert. Schaaf gab an, dass er „sehr zufrieden“ sei. Das System mit nur zwei Offensivbeauftragten (Kevin de Bruyne, Petersen) hat Werder erstmal aus dem größten Schlamassel geholt. Die Talfahrt ist gestoppt, der Abstand auf den Relegationsplatz um einen Punkt auf acht Zähler angewachsen. Aber ist die Art und Weise, wie die Bremer organisiert waren, deshalb ein Fingerzeig für die restlichen neun Saisonspiele?

Die Maßnahme, zwei defensive Mittelfeldspieler (Clemens Fritz und Saisondebütant Tom Trybull) vor die Viererkette zu stellen, war nach zuvor 48 Gegentoren in 24 Partien mehr als überfällig. Zudem agierten auch die beiden Außen Ignjovski und Zlatko Junuzovic zurückgezogen. Alles mit dem Etappenerfolg, Lucien Favre an den Rand der Verzweiflung getrieben zu haben. Ob es deshalb bei dem Kurs bleibt, ist allerdings nicht garantiert. Schaaf: „Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass man Dingen folgt, die gut funktionieren. Aber wir werden sehen, welches Personal wir zur Verfügung haben und was wir in der Trainingswoche erleben.“ Der Ausfall von Clemens Fritz (siehe rechts) spricht gegen eine Fortsetzung, die allgemein positive Wahrnehmung der Neuerung dafür. „Die Doppel-Sechs hat uns gut zu Gesicht gestanden“, meinte Petersen. „Wir haben sicher gestanden. Ich denke, wir werden weiter so agieren“, sagte Torhüter Sebastian Mielitz.

Doch Thomas Schaaf machte schon mal klar, dass die Gladbach-Taktik im großen Bremer Konzept nur eine Übergangslösung darstellt. „Wir bleiben unserer Philosophie treu“, erklärte er – und das heißt bei ihm seit jeher: Angriffsfußball.

Die Noten

Die Einzelkritik: De Bruyne als Motor im Angriff

Schon am Samstag muss das sogar so sein. Schlusslicht Greuther Fürth kommt ins Weserstadion. „Eine Partie mit einer ganz anderen Ausgangslage“, merkte Nils Petersen an: „Dann müssen wir das Spiel nach vorne treiben. Kann sein, dass wir da wieder mit einem ganz anderen System spielen.“ · csa

Bilder zum Spiel

Werder holt Punkt in Gladbach

Hinweis: Wir haben zwei Fehler korrigiert. Der Abstand zu einem Relegationsplatz beträgt für Werder Bremen acht Punkte. Peniel Mlapa machte selbstverständlich nach seiner Einwechselung das Tor.

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