„Eine historische Chance für 96“

+
Die gute Laune ist berechtigt: Christian Schulz steht mit Hannover auf Platz vier.

Werder-Bremen - Von Arne Flügge · Zwölf Jahre lang trug Christian Schulz das Trikot von Werder Bremen, ehe der Defensivspezialist im Sommer 2007 nach Hannover ging. Am Sonntag kommt „Schulle“ als Tabellenvierter mit „96“ zum Nordderby wieder einmal in die Hansestadt zurück.

Im Interview spricht der 27-Jährige über Hannovers Höhenflug im Jahr eins nach der Tragödie um Robert Enke, den für ihn völlig überraschenden Absturz der Bremer in dieser Saison und seine Liebe zum Weserstadion.

Herr Schulz, in der vergangenen Saison ist Hannover gerade noch dem Abstieg entronnen – jetzt steht „96“ auf Platz vier. Was macht die Mannschaft in diesem Jahr so stark?

Die vergangene Saison war wirklich schlimm. Aus verschiedenen Gründen. Und deshalb sind wir alle froh, dass es zur Zeit für uns so gut läuft. Bei uns herrscht ein toller Teamgeist, wir sind eine Einheit auf dem Platz. Jeder weiß, wie er sich zu verhalten hat. Wir verschieben gut über das gesamte Feld, sind daher schwer zu bespielen. Vorn sind wir immer für Tore gut, hinten stehen wir recht sicher. Wie heißt es doch so schön: Bei uns greift ein Rad ins andere.

Sie sprechen das schwere letzte Jahr an, das vom Tod ihres Torwarts Robert Enke geprägt war.

Ja, es war eine unvorstellbare Tragödie. Nicht nur die Mannschaft – die ganze Stadt war wie gelähmt. Auch das hat sich auf die Spieler projiziert. Es herrschte eine riesengroße Verunsicherung in der Mannschaft, ich glaube, wir haben zehn Spiele in Folge verloren. Am Ende haben wir uns dann gerade noch gerettet.

Und wie hat die Mannschaft die Tragödie schlussendlich verarbeitet?

Wir haben viel darüber gesprochen. Die Pause im Sommer vor der neuen Saison hat uns geholfen, die Köpfe einmal freizubekommen. Wir haben aus dem schrecklichen Ereignis viel gelernt, sind ruhiger, sensibilisierter, demütiger geworden. Wir passen mehr aufeinander auf. Auch jeder Einzelne hat seine Schlüsse daraus gezogen, sich Gedanken gemacht. Damit haben wir es geschafft, die Sache zu verarbeiten und uns wieder auf unsere Arbeit zu konzentrieren.

Mit Erfolg, Hannover ist aktuell Tabellenvierter. Dennoch scheinen höhere Ziele als der Klassenerhalt immer noch tabu. Sergio Pinto spricht davon, 40 Punkte zu holen – nur das sei das Ziel.

Wir sind im letzten Jahr so gebeutelt worden, dass wir kleinere Brötchen backen sollten. Von daher ist es richtig, erstmal die 40 Punkte zu holen. Klar, wenn du nach 21 Spieltagen Vierter bist, wirst du nicht mehr nach ganz unten durchgereicht. Das wissen wir auch. Doch erstmal müssen wir diese 40 Punkte holen, damit wir eine Basis haben. Dann werden wir uns mit der Mannschaft und dem Trainer zusammensetzen und sehen, ob wir neue Ziele formulieren.

Aber wird in der Kabine nicht insgeheim doch schon vom Europapokal geträumt, nicht doch ein wenig geliebäugelt?

Natürlich, geflachst wird schon. Doch dabei bleibt es. Viele große Mannschaften haben Probleme. Das macht einerseits den Reiz der Bundesliga in dieser Saison aus. Andererseits ist es auch eine historische Chance für Hannover. Der Glaube in der Mannschaft ist da, alle wollen mehr, angeführt vom Trainer bis zum letzten Spieler. Doch wir müssen uns auch ein Stück Realismus bewahren, die Füße auf dem Boden behalten.

Hannover kommt als Tabellenvierter nach Bremen, Werder ist 13. – eine verkehrte Welt?

Wenn man sich das Abschneiden beider Teams in den letzten Jahren anschaut, muss man schon sagen: Ja, das ist eine verkehrte Welt. Aber auch in Hannover wird gute Arbeit geleistet. Seit Mirko Slomka als Trainer das Ruder übernommen hat, ist bei uns auch der Glaube zurückgekehrt, dass wir uns gegen Mannschaften mit großen Namen durchsetzen können. Und das haben wir auch bewiesen. Jetzt vor Werder zu stehen, ist schön, schließlich gab’s das bisher nicht so häufig.

Wie sehr überrascht Sie das schwache Abschneiden der Bremer in dieser Saison?

Platz 13 – das ist eine Position unter ferner liefen und kann nicht der Anspruch von Werder sein. Von daher verwundert mich die Heftigkeit schon, mit der sie da unten drinstecken. Klar, du kannst nicht jedes Jahr Hurra-Fußball spielen. Doch es ist mir schon ein Rätsel, warum die Spieler mit ihrer großen individuellen Klasse nicht als Mannschaft funktionieren. In einigen Spielen haben sie wirklich kein gutes Bild abgegeben.

Sie informieren sich immer noch viel über Werder. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für die seit Monaten anhaltende Krise?

Ich schaue zwar häufiger nach Bremen, aber ich bin nicht mehr so dicht dran, dass ich mir ein Urteil erlauben kann. Ich weiß nicht, was in der Mannschaft vorgeht. Wir in Hannover funktionieren als Team. Auffällig ist, dass Werder es anscheinend nicht tut. Ich denke aber, dass Werder nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird, auch wenn die Lage derzeit sehr ernst ist.

Sie haben vor dreieinhalb Jahren Bremen verlassen und spielen seitdem in Hannover. Sind Begegnungen gegen Werder trotzdem immer noch etwas Besonderes?

An Spiele gegen Bremen in Hannover habe ich mich inzwischen gewöhnt. Doch ins Weserstadion zurückzukehren, ist für mich immer noch etwas ganz Besonderes. Schließlich war ich bei Werder im Internat und habe drei Jahre meines Lebens im Weserstadion gewohnt. Wenn du zwölf Jahre in einem Verein gespielt und in dem Stadion über 100 Spiele bestritten hast, dann ist dir dieses Stadion schon ans Herz gewachsen – obwohl man es durch den Umbau kaum wiedererkennt.

Können Sie sich eine Rückkehr zu Werder vorstellen? Schließlich sind Sie im Sommer ablösefrei, dazu noch ein Linksverteidiger. Solche Spieler suchen die Bremer ja bekanntlich.

Generell will ich das nicht ausschließen, denn Bremen ist schließlich meine Heimat, mit der mich noch immer besondere Gefühle verbinden. Gespräche mit Werder oder Kontakt gab’s aber nicht. Werder damals zu verlassen, war vielleicht vom sportlichen Aspekt her ein Schritt zurück. Doch in meiner Persönlichkeitsentwicklung waren es zwei Schritte nach vorn. Es hat sich für mich gelohnt, auch für meine Entwicklung als Fußballer.

Sie haben mit dem VfL Wolfsburg verhandelt. Wechseln Sie in die VW-Stadt?

Es ist richtig, dass es Gespräche mit Wolfsburg gegeben hat, die aber nicht zum Abschluss gekommen sind. Das ist alles. Es wurde geschrieben, dass ich mir mit Wolfsburg bereits einig bin. Das stimmt nicht. Ich bin weiterhin nach allen Seiten offen, habe mehrere Ansprechpartner. Und in Wolfsburg haben sie momentan auch andere Sorgen, als einen Spieler für die nächste Saison zu holen. Die müssen erstmal Ruhe in den Verein kriegen.

Zumal der Club gerade Trainer Steve McClaren gefeuert hat. Wirkt sich so eine Trainerentlassung auch auf Ihre Entscheidungsfindung aus?

Natürlich ändert das meine Überlegungen. Der Trainer ist ein ganz wichtiger Faktor für mich, er stellt die Mannschaft auf. Ich bin ein variabler Spieler, der wissen muss, wer Trainer ist und wo er mich in der Mannschaft sieht.

Das könnte Sie auch interessieren

Haben sich Ihre Fingernägel so verändert? Dann sofort zum Arzt!

Haben sich Ihre Fingernägel so verändert? Dann sofort zum Arzt!

Google Pixel 2 und Pixel 2 XL im Test

Google Pixel 2 und Pixel 2 XL im Test

Pizarros Treffer gegen Werder

Pizarros Treffer gegen Werder

FCB-Trainingsbilder: Vidal im Abschlusstraining dabei

FCB-Trainingsbilder: Vidal im Abschlusstraining dabei

Meistgelesene Artikel

„Das Abstiegsgespenst als Reisebegleiter? Nein, danke!“

„Das Abstiegsgespenst als Reisebegleiter? Nein, danke!“

Sargent verliert mit USA bei U17-WM

Sargent verliert mit USA bei U17-WM

Kein Trainingslager

Kein Trainingslager

Das passiert am Samstag

Das passiert am Samstag

Kommentare