„Noch gar nichts erreicht“

Ein Anfang, mehr nicht

+
Zunge raus – so sieht Torjubel bei Davie Selke aus.

Bremen - Es war nach seinem ersten Spiel als Werder-Chefcoach. Viktor Skripnik saß im winzigen Presseraum des Chemnitzer FC und sprach über große Namen aus der Vergangenheit des Clubs. Micoud, Diego, Özil – Werder habe viele starke Spielmachertypen gehabt, meinte Skripnik und träumte öffentlich davon, irgendwann wieder einen aus dieser Kategorie im Bremer Trikot zu sehen. Seit Samstag ist es nicht mehr die Frage, wie weit der SV Werder von der Erfüllung dieses Traums noch weg ist, sondern wie nahe er möglicherweise schon dran ist.

Der Grund, wieso die Frage mittlerweile verdreht wird, heißt Levent Aycicek. Der Grund, weshalb Skripnik damals in Chemnitz in die gute alte Zeit abdriftete, war ebenfalls Aycicek gewesen. Im DFB-Pokalspiel bei dem Drittliga-Spitzenteam hatte der Neu-Coach seinen Schützling aus der U23 von Anfang an gebracht. Gegen einen zwei Spielklassen tiefer angesiedelten Gegner habe er das riskieren können, meinte Skripnik anschließend. Werder gewann die Partie mit 2:0, Aycicek spielte dabei so lala. Niemand hätte in dem Moment – bei aller Freude über Skripniks Rückgriff auf ein vereinseigenes Talent – geglaubt, dass Aycicek in Kürze in der Bundesliga eine Duftmarke setzen würde. Selbst der Trainer nicht. „Wir haben gesagt: Gegen Chemnitz war es okay. Aber für die Bundesliga reicht es vielleicht noch nicht.“

Ein Monat lag zwischen dieser Aussage und Ayciceks überzeugendem Auftritt beim 4:0 gegen den SC Paderborn. Der Junge aus Nienburg spielte so stark, dass die Vergleiche mit Micoud, Diego, Özil den Bereich der maßlosen Übertreibung tatsächlich verließen. Levent Aycicek ist die Spielmacher-Hoffnung bei Werder Bremen – doch ob sich der 20-Jährige tatsächlich weiter in die gewünschte Richtung entwickeln wird, ist von vielen Faktoren abhängig.

Bleibt er gesund, bleibt er fokussiert, bleibt er geerdet, bleibt er geduldig, bleibt er lernwillig? Laut Clemens Fritz, dem erfahrenen Kapitän des SV Werder, sind das die zentralen Punkte, die es für junge Spieler wie Aycicek zu beachten gilt. Aber auch für Davie Selke (19), Janek Sternberg (22) und Maximilian Eggestein (17), die am Wochenende mit ihren Einsätzen und Leistungen für eine kleine Jugend-Revolution bei Werder gesorgt hatten. Es war ein Anfang für alle, mehr aber nicht, meint Fritz: „Wichtig ist, dass die Jungs jetzt dranbleiben. Es ist ein Unterschied, ob du mal ins kalte Wasser springst oder dauerhaft konstant deine Leistung bringst.“

Was er damit sagen will: Bevor den Fans jetzt die Erwartungen davongaloppieren und ein jeder von neuen goldenen Zeiten mit jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchs träumt, macht ein Blick zurück auf die Vorgänger von Aycicek, Selke und Co. sowie deren Werdegang Sinn. Sie hießen Florian Trinks, Lennart Thy, Tom Trybull, Johannes Wurtz, Niclas Füllkrug und waren Talente, von denen sich der SV Werder viel versprach. Sie alle haben zwar den Sprung ins kalte Wasser überstanden, den Bundesliga-Freischwimmer aber nicht geschafft. Derzeit gilt für die meisten: Neuer Anlauf in Liga zwei (siehe hier). „Daran merkt man ja, dass es noch gar nichts zu sagen hat, wenn einer mal vier, fünf Bundesliga-Spiele gemacht hat“, erklärt Clemens Fritz. Also: Immer schön langsam mit den jungen (See)Pferd(ch)en. Die 90 Minuten gegen Paderborn seien nur „ein ganz, ganz kleiner Schritt“ gewesen, mahnt Geschäftsführer Thomas Eichin: „Wir haben noch gar nichts erreicht, auch die Spieler nicht.“ Ihm sei die aktuelle Begeisterung nach dem 4:0 „fast schon ein bisschen zu viel“, sagt der 48-Jährige.

Aber fraglos dürfen alle rund um den SV Werder nicht nur träumen, sondern hoffen, dass die neue Generation unter Mentor Skripnik voll einschlägt. „Wir haben da ein paar vernünftige Jungs. Sie werden eine gute Entwicklung nehmen“, behauptet Clemens Fritz.

Von U19-Europameister Selke und von Aycicek wird dabei am meisten erwartet. Das Duo regt die Phantasie gewaltig an – auch beim gegen Paderborn gesperrten Kapitän. „Davie ist wirklich ein unangenehmer Gegenspieler. Er gibt immer Gas, wirbelt, macht Betrieb. Das ist sein Spiel“, urteilt der 33-Jährige. Und der nur 1,69m große Aycicek sei zwar ein feiner Techniker, aber anders als viele andere Edel-Kicker überhaupt nicht ballverliebt, lobt Fritz: „Er spielt geradlinig, hat ein gutes Auge für den Mitspieler. Er ist sehr wendig, schwer zu packen.“ Und Ayciceks Größe sei ganz klar mehr Vor- als Nachteil. „Sein Körperschwerpunkt liegt so tief, das macht es sehr schwer, gegen ihn zu spielen“, ächzt Fritz.

csa

Werder in der Einzelkritik

Werder Bremen gewinnt gegen Paderborn mit 4:0

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Viele Tote bei Anschlägen von IS und Taliban in Afghanistan

Viele Tote bei Anschlägen von IS und Taliban in Afghanistan

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Messer-Attacken in München - Bilder vom Polizeieinsatz

Messer-Attacken in München - Bilder vom Polizeieinsatz

Meistgelesene Artikel

Das passiert am Samstag

Das passiert am Samstag

Zehn Fakten zum Werder-Spiel gegen Gladbach

Zehn Fakten zum Werder-Spiel gegen Gladbach

Wohin mit Kainz? Nouri hat die Wahl

Wohin mit Kainz? Nouri hat die Wahl

Das passiert am Dienstag

Das passiert am Dienstag

Kommentare