Fluch und Segen

Der VfB Stuttgart und der Selbstreinigungsprozess

Der in der Schweiz ausgebildete Kongolese Chadrac Akolo (22) ist aktuell der erfolgreichste Stuttgarter Torschütze.
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Der in der Schweiz ausgebildete Kongolese Chadrac Akolo (22) ist aktuell der erfolgreichste Stuttgarter Torschütze.

Stuttgart - Von Frank Hellmann. Vermutlich haben sich selten so viele deprimierte Menschen frühmorgens durch den Bremer Hauptbahnhof geschleppt wie am 3. Mai 2016.

Wie in Trance bestieg die Anhängerschaft des VfB Stuttgart nach einer kurzen Nacht von Montag auf Dienstag die Fernzüge in Richtung Süden. Es war der Tag nach einem Genickschlag, von dem sich die Fans und Fußballer kaum erholen konnten. Die schwäbische Fraktion hatte sich im Weserstadion eine 2:6-Abfuhr eingehandelt. Es sollte der Vorbote des Bundesliga-Abstiegs sein, der elf Tage später mit einer 1:3-Niederlage beim VfL Wolfsburg Wirklichkeit wurde.

Der stolze Verein mit dem roten Brustring – genau wie der SV Werder eigentlich ein Leuchtturm der ganzen Region – lag in Trümmern. Dass seitdem kein Stein auf dem anderen geblieben ist, verdeutlicht dieses Detail: Von den damals eingesetzten VfB-Akteuren wird am Samstag beim nächsten Gastspiel in Bremen wohl nur ein einziger in der Anfangself stehen: Emiliano Insua, der argentinische Linksverteidiger. Die Namen seiner Kollegen aus dem Frühjahr 2016 muten nur eineinhalb Jahre später wie Relikte aus einer anderen Epoche an: Im Tor Przemyslaw Tyton, in der Abwehr Georg Niedermeier, vorne Filip Kostic, Daniel Didavi und Martin Harnik. Timo Werner war damals nur gut genug als Joker. Der Trainer hieß Jürgen Kramny und der Manager Robin Dutt.

Stuttgart hat sich komplett gehäutet

Niemand von denen ist geblieben. Der VfB, zuletzt 2007 Deutscher Meister, hat sich komplett gehäutet. „Wir haben damals Selbstreinigungsprozesse angestoßen, die sonst nicht in Gang gekommen wären“, sagte einmal der Dutt-Nachfolger Jan Schindelmeiser, der zu Saisonbeginn wieder gehen musste, weil die Chemie mit Präsident Wolfgang Dietrich nicht passte.

Mit dem begabten Trainer Hannes Wolf und dem bestens vernetzten Sportdirektor Michael Reschke, der eine von Borussia Dortmund, der andere von Bayern München abgeworben, hat der VfB heute kluge Köpfe auf der Kommandobrücke. 17 Punkte sind kein Zufall. So groß die (finanziellen) Risiken des Abstiegs waren, so groß auch die (personellen) Chancen für eine Zäsur. Bei der notwendigen Umstrukturierung des Kaders galt die Prämisse, hungrige Profis an den Neckar zu locken, seitdem die eigene Nachwuchsarbeit nicht mehr genug Nachschub produziert.

Werder trifft auf junges VfB-Team

Heimlich, still und leise hat der VfB Stuttgart eine neue Generation der jungen Wilden hervorgebracht. Timo Baumgartl und Benjamin Pavard, neuerdings französischer A-Nationalspieler, sind mit ihren 21 Jahren verlässliche Fixpunkte in der Verteidigung. Im zentralen defensiven Mittelfeld spielen zeitweise die beiden Neuzugänge Dzenis Burnic (19) und Santiago Ascacibar (20) zusammen und in der Offensive machen Chadrac Akolo (22/mit vier Saisontoren der Top-Torschütze des VfB) oder Eigengewächs Berkay Özcan (19) mächtig Betrieb.

Nicht selten stammt die halbe Startelf aus den Jahrgängen 1995 und jünger. Wolf kennt die alte VfB-Heldengeschichte der „jungen Wilden“ um Philipp Lahm oder Kevin Kuranyi, aber diesen Rucksack will der 36-Jährige der neuen Generation gar nicht aufschnallen: „Es wäre schön, wenn hier wieder was wächst. Es liegt allein an uns.“

Stuttgarter Auswärtsschwäche

Und nur auf die Jugend setzt der Trainer ja auch nicht: Erfahrene Profis wie Ron-Robert Zieler, Andreas Beck, Holger Badstuber oder Christian Gentner haben Stammplätze bei ihm. Insgesamt stimmt die Mischung. Ein Rätsel ist Wolf nur, warum die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen so groß ist. Das 1:1 bei Hannover 96 war der erste Punktgewinn auf fremden Plätzen überhaupt. In Bremen soll nun mindestens der zweite folgen.

Der VfB ist nicht nur sportlich wieder gut aufgestellt, auch wirtschaftlich stehen die Weichen auf Wachstum. Mit der nach einigen Mühen vollzogenen Ausgliederung der Profi-Abteilung besteht die Möglichkeit, deutlich mehr Kapital die nächsten Jahre in den Lizenzspielerbereich zu pumpen. 41,5 Millionen Euro bekam der Verein in einer ersten Tranche vom Hauptinvestor Daimler, insgesamt können 100 Millionen Euro fließen, wenn bis zu 24,9 Prozent der Anteile veräußert werden. Ein üppiger Batzen, der im Ländle viel schneller bessere Perspektiven eröffnet, als es die frustrierten Fans im Bremer Hauptbahnhof im Mai 2016 jemals hätten vermuten können.

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