Teil 4: Özkan Yildirim

Serie „Wech vom Deich“: Yildirims Traum ist noch nicht vorbei

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Özkan Yildirim sagt Tschüss: Das einstige Werder-Talent hat Bremen 2016 verlassen.

Bremen/Braunschweig - Wie das einstige Werder-Talent Özkan Yildirim nach zahlreichen Rückschlägen wieder angreifen will – Teil 4 unserer Serie „Wech vom Deich“.

Özkan Yildirim sitzt auf gepackten Koffern. Nicht nur weil er mit Freundin Denise und Töchterchen Dilara kurz vor dem Abflug in den Urlaub nach Miami steht, als ihn der Anruf der DeichStube erreicht. Sondern auch, weil das ehemalige Nachwuchstalent von Werder Bremen ziemlich bald wieder umziehen muss. Wohin? Das weiß er selber noch nicht. Deswegen hat er das Handy im Urlaub überall dabei. Sein Berater könnte jederzeit mit dem Angebot eines neuen Clubs durchklingen.

Klar ist: Yildirim verlässt Eintracht Braunschweig nach nur einem Jahr wieder, sein dritter Vereinswechsel in zwei Jahren steht an. Der kreative Mittelfeldspieler ist weiter auf der Suche nach dem Glück im Profi-Fußball. Die vergangene Saison erst hatte für Yildirim wieder eine dieser Geschichten geschrieben, die man so gerne mit dem Wörtchen „Ausgerechnet“ überschreibt. Ausgerechnet Fortuna Düsseldorf steigt auf, ausgerechnet Eintracht Braunschweig steigt ab, ausgerechnet Özkan Yildirim ist vor der Saison von dem einen Zweitliga-Club zum anderen gewechselt. Es war das nächste Kapitel in einer problematischen Karriere, in der es schien, als hätte der junge Profi das Pech gepachtet.

„So spielt das Leben. Das ist ein Teil von mir“, sagt Yildirim. „Ich habe es erst mit den Verletzungen erlebt, jetzt das mit dem Abstieg. Aber es geht für mich immer weiter.“ Yildirim gibt nicht auf, auch wenn man es ihm nicht verübeln könnte, wenn er schon vor langer Zeit die Flinte ins Korn geworfen hätte.

Die Liste der Verletzungen in der jungen Karriere Yildirims wirkt endlos. Exakt 1677 Tage hat der gebürtige Sulinger laut „transfermarkt.de“ in seiner Laufbahn schon wegen Verletzungen gefehlt. Das sind viereinhalb Jahre. 143 Pflichtspiele hat er in seiner Karriere seit der U17 absolviert, 201 hat er verpasst. Dabei ist Yildirim erst 25 Jahre alt.

„Was sich andere in viereinhalb Jahren aufbauen, musste ich versuchen, in ein paar Monaten hinzukriegen. Es gibt wenige Spieler, die dem standgehalten haben und immer noch auf hohem Niveau spielen“, sagt Yildirim, der eigentlich nicht mehr gerne über seine Verletzungen spricht: „Es ist einfach zu viel gewesen.“ Er stemmt sich gleichzeitig gegen das Image als ewiger Pechvogel und betont: „Mir geht es definitiv gut. Ich habe seit Längerem alles auskuriert. Ich bin fit.“ Seine Botschaft: Die Leidenszeit ist vorbei, der Blick geht nach vorne, die Zukunft beginnt jetzt. Und der Traum von der Bundesliga-Karriere lebt weiter.

Abstieg nach Wechsel: Özkan Yildirim im Dress von Eintracht Braunschweig.

Bei Werder Bremen hatte alles anfangen. 2003 war Yildirim als Zehnjähriger vom TuS Sulingen an die Weser gewechselt und durchlief sämtliche Jugendmannschaften. „Werder ist mein Herzensclub. Ich habe meine Kindheit dort verbracht, ich bin dort erwachsen geworden, dort hat sich meine Persönlichkeit entwickelt.“ Und dort wurde er 2013 Bundesliga-Spieler.

„Zehn Jahre habe ich darauf hingearbeitet, unter Thomas Schaaf zu spielen. Dass der Kulttrainer auch noch mein Trainer wurde, war sehr schön“, sagt Yildirim. Dass es dazu kam, war zwei Jahre vorher nicht selbstverständlich. Schon im ersten Profi-Training brach sich der Nachwuchsspieler bei einem Zweikampf mit Tim Borowski das Wadenbein. „Mir wurde der Start in die Karriere schwer gemacht“, ist Yildirim noch heute verärgert. „Einen Jungspieler so im Training umzuhauen, gehört sich nicht.“

Yildirims Bundesliga-Debüt 2013 war zwar eines zum Vergessen – Werder verlor 0:5 gegen Borussia Dortmund –, dafür bereitete der Mittelfeldmann schon in seinem zweiten Spiel einen Treffer für Nils Petersen vor. Yildirim war schnell, quirlig, trickreich und galt als Rohdiamant. 28 Länderspiele von der U16 bis zur U21 stehen in seiner Vita, und im Club gab ihm Trainer Schaaf zunehmend die Chance, sich zu beweisen.

Doch Yildirims Körper hielt nicht. Zwischen 2013 und 2016 stand er nur 20 Mal für die Grün-Weißen in der Bundesliga auf dem Platz. 2014 bis 2016 machte er pro Kalenderjahr sogar nur ein einziges Spiel – darunter die Last-Minute-Rettung am letzten Spieltag 2016 gegen Eintracht Frankfurt. „Nach so einer langen Verletzungspause in so einem Spiel reinzukommen, war ein hoher Vertrauensbeweis“, blickt Yildirim zurück. „Das weiß ich sehr zu schätzen.“

Es blieb allerdings sein letzter Auftritt für Werder. Yildirim ließ seinen Vertrag trotz mehrerer Angebote des Clubs auslaufen. „Ich wollte einen Cut setzen und irgendwo neu anfangen.“ Nach den vielen Zwangspausen brauchte er eine Luftveränderung. Also heuerte er bei Zweitligist Fortuna Düsseldorf an – wo es nicht grausamer für ihn hätte anfangen können: Nur Sekunden vor Abpfiff in seinem ersten Zweitliga-Spiel wird Yildirim heftig gefoult. Die Folge: Oberschenkelbruch, Meniskusriss, Außenbandteilriss, alles auf einmal.

In Düsseldorf sollte alles besser werden, doch nun war Yildirim wieder monatelang raus, und Friedhelm Funkel setzte fortan auf andere Spieler. „Ich habe nach meiner schweren Verletzung keine richtige Chance mehr bekommen“, ärgert sich Yildirim. „Es ist schwer, zu zeigen, was man draufhat, wenn man nicht spielt. Nach Verletzungen braucht man Spiele.“ Düsseldorf erwies sich nicht als das erhoffte Sprungbrett, war letztlich nur ein weiteres verlorenes Jahr. „Ich bin ehrlich“, sagt Yildirim, „die Zweite Liga sollte eigentlich nur ein kurzer Abstecher sein, um mich wieder aufzubauen.“

Yildirim flüchtete nach Braunschweig. Die Eintracht hatte in der Vorsaison noch in der Relegation ans Tor zur Bundesliga geklopft. Und als endlich Yildirims Körper mitspielte, lief es sportlich miserabel: Der vor der Saison erneut als Aufstiegskandidat gehandelte Club stieg ab. „Ich bin megaenttäuscht“, sagt Yildirim, „weil ich so etwas noch nie erlebt habe und nie erleben wollte. Braunschweig ist ein super Verein mit super Fans.“ Dort hätte sich der Profi vorstellen können, länger zu bleiben.

Doch die Dritte Liga ist für ihn keine Option. „Ich bin noch jung, ich will noch in den oberen Ligen spielen“, sagt Yildirim. Er ist immer noch überzeugt, es in einer Topliga packen zu können. „Wenn ich regelmäßig spiele und mir das Vertrauen geschenkt wird, werde ich sicher wieder in der Bundesliga spielen. Die Qualität habe ich dazu, ich muss nur fit bleiben.“ Und dann müsste noch ein neuer Club anbeißen. Mittlerweile ist Özkan Yildirim zurück aus dem Urlaub, einen neuen Verein hat er noch nicht. Aber für ihn ist klar: Auf gepackten Koffern wird er nicht mehr lange sitzen.

Serie „Wech vom Deich

Teil 1: Die unglaubliche Odyssee des Kevin Schindler

Teil 2: Banecki - wenn ein Baum fällt

Teil 3: Auf die harte Tour: Kevin Artmanns schmerzhafte Reise

Quelle: DeichStube

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