Trainer Tuchel

Der Bessermacher

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Trainer Thomas Tuchel hat versprochen, noch bis 2015 in Mainz zu bleiben.

Bremen / Mainz - Erst in dieser Woche unterbreitete Thomas Tuchel wieder einen interessanten Vorschlag. Ob es nicht sinnvoll wäre, einen zusätzlichen Beobachter bei Bundesligaspielen auf der Tribüne zu platzieren.

Einen, der nicht direkt von Emotionalität und Tempo auf dem Platz beeinflusst werde, sondern das System und die Taktiktreue aus der Vogelperspektive im Blick habe. „Man darf nicht unterschätzen, dass man von oben ein völlig anderes Spiel sieht“, begründete er seinen Vorstoß. Bislang ist es beim FSV Mainz 05 so, dass Analyst Benjamin Weber die erste Halbzeit aufzeichnet und in Windeseile ein kurzes Video zusammenschneidet, mit dessen Hilfe der Cheftrainer bereits in der Spielpause erste Korrekturen anzeigt.

Dass der 39-Jährige nun ein weiteres Analyse-Tool hinzufügen möchte, ist typisch Tuchel. Immer rastlos, immer suchend. Nach Stellschrauben, die sich einem Trainerteam bieten, um ihre Mannschaft noch besser ein- und aufzustellen. Zwar wurde der Freiburger Christian Streich als Trainer des Jahres ausgezeichnet, doch sind sich viele sicher: Der beste Bessermacher arbeitet nach wie vor in Mainz.

Aktuell ist der selbst ernannte Karnevalsverein Sechster. Ein Pünktchen hinter Platz vier. Nach Rang 13 sowie den Plätzen fünf und neun in den vergangenen Spielzeiten eine mal wieder sehr formidable Platzierung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der FSV Mainz bei einem Gesamtumsatz von 68 Millionen Euro gerade einmal 22,7 Millionen (2011/2012) fürs Personal ausgibt. Also rund 13 Millionen weniger als der kommende Gegner SV Werder. Und doch sind die Mainzer inzwischen kontinuierlich besser platziert als die Bremer.

FSV-Manager Christian Heidel führt das auf den Trainer zurück: Tuchel sei ein Glücksfall, seine Beförderung vom A-Jugend- zum Bundesligatrainer im Sommer 2009 gleichwohl eine „Überzeugungstat“ gewesen. Bei der Mitgliederversammlung rechnete Heidel vor, dass die Rheinhessen in einer imaginären Tabelle seit Tuchels Amtsantritt auf Platz sechs liegen würden.

Für die Verantwortlichen ist dieser facettenreiche Fußballlehrer durchaus anstrengend. Die früheren Nachbarn am Wiesbadener Sonnenberg haben ihn dagegen als höflichen Familienvater kennengelernt, wenn er mit seinen Töchtern Emma-Josefine und Kim unterwegs war. Mittlerweile ist die Familie nach Mainz umgezogen – acht Autominuten vom Bruchweg entfernt. Hier, hinter dem alten Stadion, hat der gebürtige Krumbacher, der wegen einer Knorpelverletzung seine Spielerkarriere (FC Augsburg, Stuttgarter Kickers, SSV Ulm) früh beenden musste, sein Revier. Sein Training wirkt immens anspruchsvoll; der Trainer fordert unglaublich viel. Vom Spielerkader wie vom Mitarbeiterstab. Aber: Er vermittelt selbst den Spaß, Überzeugungen und Werte weiterzugeben. Seine Rolle sei die eines „Dienstleisters.“ Er gibt seinen Profis nur „die Werkzeuge an die Hand“, sagte Tuchel einmal. Aber in den Werkzeugkasten greifen und entscheiden, „ob sie den Hammer oder die Zange nehmen, das müssen die Spieler selbst.“ Und doch will er immer diese Werkstatt im Blick haben: Er hat zugegeben, 80 Prozent seiner Wach-Zeit mit Gedanken über Fußball zu verbringen. Heidel sieht in ihm einen „selbstbewussten Überzeugungstäter“.

Der hagere, großgewachsene Typ mit dem stechenden Blick aus blauen Augen hat sich in der Branche Anerkennung verschafft. Wer so ehrgeizig, eloquent und authentisch auftritt, weckt Begehrlichkeiten. Doch Tuchel reagiert mittlerweile unwirsch, will ihm wieder jemand eine Liaison mit irgendeinem Club andichten. Heidel lächelt darüber: „Wir beide haben uns in die Hand versprochen, dass wir diesen Weg bis 2015 zusammen gehen.“ Doch spätestens dann könnte die Zeit gekommen sein, dass dieser Trainer sich woanders verdingt. Wahrscheinlich bei einem Verein, der zu den ganz Großen der Branche zählt. · mb

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