Robin Dutt im Interview:

„Das ist kein Krankheitsbild“

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Anpfiff und Lob – Robin Dutt hat das Pokal-Aus zwar extrem geärgert, aber er vertraut seiner Mannschaft trotzdem.

Bremen - Auf dem Rasen muss er noch kurz für den Bezahl-Sender Sky posieren, dann hetzt Robin Dutt die Stufen des Weserstadions zum Interviewtermin im Logenbereich hinauf.

Der neue Werder-Coach ist kurz vor dem Bundesliga-Start mächtig im Stress. Dafür hat auch seine Mannschaft mit dem peinlichen Erstrunden-Aus im DFB-Pokal in Saarbrücken gesorgt. Doch der 48-Jährige sieht sich als Hoffnungsträger in der Pflicht, Optimismus zu verbreiten – auch in diesem Gespräch.

Herr Dutt, Werder-Legende Max Lorenz hat Mitleid mit Ihnen, dass Sie mit so einem Material bei Werder arbeiten müssen. Freut Sie die Rückendeckung?

Robin Dutt:Die Aussage hätte er sicher etwas mannschaftsfreundlicher treffen können. Ich erkenne zwar den positiven Ton mir gegenüber, aber ich bin auch ein Teil dieser Mannschaft. Spieler sind kein Material, Spieler sind Menschen.

So böse hat das Max Lorenz nicht gemeint. Also noch einmal: Haben Sie Mitleid für diesen Kader verdient?

Dutt:Das habe ich auch nicht böse aufgenommen. Mitleid ist fehl am Platz. Es hat mich ja keiner gezwungen, hier zu unterschreiben. Es ist mir hier von keinem etwas vorgemacht worden – nicht von den Verantwortlichen, nicht von den Medien, nicht von den Fans. Alle haben gesagt, dass das hier eine schwierige Aufgabe ist, weil die Mannschaft jung ist, seit Februar nicht mehr gewonnen hat und weil es das Erbe von Thomas Schaaf ist. Die Aufgabe ist tatsächlich schwierig. Aber es kann doch auch niemand gedacht haben, der Trainer drückt hier auf einen Schalter – und wir rauschen durch die Liga.

Wahrscheinlich war das Entsetzen nach dem Pokal-Aus so groß, weil Werder gegen einen Drittligisten quasi chancenlos war.

Dutt:Letztes Jahr sind sechs Bundesligisten ausgeschieden, dieses Jahr vier – und jeder Bundesligist muss sich vorwerfen lassen, wie er ausgeschieden ist. Die unterklassige Mannschaft hat ihre Kontertaktik durchgebracht. Bei Werder kommt hinzu, dass es das dritte Jahr in Folge so war. Doch einige dieser Teams werden am Samstagabend schon wieder ein Lächeln im Gesicht haben.

Hat das Pokalspiel demnach keine Bedeutung für die Bundesliga, weil dort anders gespielt wird?

Dutt:Natürlich hat es eine Bedeutung. Es erschwert die Situation, weil die Mannschaft immer noch auf ihren ersten Sieg seit Februar wartet. Aber es bringt mich nicht von meinem grundsätzlichen Plan ab. Und der Plan braucht seine Zeit.

Rechnen Sie mit mehr gewonnenen als nicht gewonnenen Spielen?

Dutt:Wenn wir mehr Spiele gewinnen als alles andere, dann wäre das stark. Dann hätten wir mindestens schon mal 54 Punkte. Ich denke, die erwartet in diesem Jahr keiner von uns. Es ist ein harter Kampf, da unten rauszukommen. Es gibt nicht jedes oder jedes zweite Wochenende drei Punkte.

Sie betonen stets, wie zufrieden Sie mit Ihrem Kader sind. Ist das nur Höflichkeit gegenüber dem Club?

Dutt:Ich will zwischen Transfers und vorhandenem Kader trennen. Ich finde, dass wir eine Qualität in dem Kader haben. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, wer von diesen Spielern in drei, vier Jahren, wenn wir uns eine erfolgreichere Mannschaft in anderen Sphären vorstellen, noch dabei ist. Dieser Kader gibt vieles her, um die nächsten Schritte zu machen. Ich finde, einem neuen Trainer steht es nach sechs Wochen nicht zu, öffentlich über seinen Kader zu urteilen. Das würde ja bedeuten, dass ich schon nach sechs Wochen das komplette Potenzial der Spieler ausgeschöpft hätte und zu der Erkenntnis gekommen wäre: Ich brauche neue Spieler. Wer das denkt, der hat den Trainerberuf verfehlt.

Wie interpretieren Sie Ihren Trainerjob?

Dutt:Trainer zu sein, heißt Entwicklungsarbeit. Der Aufbau einer Mannschaft dauert mindestens ein Jahr. Es gibt mehrere Vereine, die in den vergangenen Jahren aus den internationalen Rängen abgestürzt sind. Die sind diesen Prozess nicht gegangen, sie haben Jahr für Jahr die Spieler ausgetauscht und sind bisher nicht wieder oben angekommen. Vielleicht wäre es einigen in Bremen lieber, man würde kurz fünf, sechs Spieler kaufen und damit den Prozess beschleunigen. Aber wäre das wirklich Werder? Nein – und es wäre schon gar nicht das Werder von heute.

Was ist das Werder von heute?

Dutt:Wir haben uns ein ganzheitliches Konzept auf die Fahne geschrieben. Wir wollen mittelfristig möglichst viele eigene Talente nicht nur im Kader, sondern in der Stammformation haben. Zunächst aber muss ich mich auf die jetzige Profimannschaft konzentrieren.

Ist damit ausgeschlossen, dass Werder noch auf dem Transfermarkt tätig wird?

Dutt:Nein. Aber ich bin noch nie ein Trainer gewesen, der in der Öffentlichkeit etwas fordert.

Nach dem Pokal-Desaster besteht allerdings die große Sorge: Ist diese Mannschaft überhaupt in der Lage, die Klasse zu halten?

Dutt:Die Fans dürfen sich Sorgen machen, ich nicht. Wenn ich nicht derjenige wäre, der Optimismus in dieser gerade etwas depressiven Bremer Welt versprüht, dann wäre ich ein schlechter Trainer. Ich bin als Hoffnungsträger geholt worden, der den Club zu neuen Ufern führt. Da kann ich mich doch nicht nach sechs Wochen hinsetzen, ein trauriges Gesicht machen und jammern: Ich brauche neue Spieler, sonst klappt es nicht. Meine Aufgabe ist es, alles aus den Jungs herauszuholen. Ich kann nicht versprechen, dass das schon ganz schnell klappt. Aber wir versuchen alles Menschenmögliche, dass wir im Lauf der Saison eine Stabilität hinbekommen. Wenn wir im Transferbereich Unterstützung von der Geschäftsführung bekommen, dann ist das gut. Wenn nicht, dann arbeite ich weiter mit den Jungs, die ich hier habe.

Training am Mittwoch

Werder-Training am Mittwoch

Auch ein Hoffnungsträger darf mal Bauchschmerzen haben – hatten Sie schon welche in Bremen?

Dutt:Bisher noch nicht, dafür ist es viel zu früh. Wissen Sie, was ich schon für Vereine trainiert habe? Die Stuttgarter Kickers standen damals vor der Insolvenz. Da hockten Menschen auf der Geschäftsstelle, die ihren Arbeitsplatz verlieren würden – und zwar alle auf einmal. Da haben mich Familienväter angefleht: Bitte keine Insolvenz mit Abstieg! Dann hast du Bauchschmerzen. Daraus habe ich eine gewisse Ruhe mitgenommen, ohne die Bedeutung der aktuellen Situation zu verkennen.

Wie beurteilen Sie die Situation von Marko Arnautovic?

Dutt:Er macht einen ruhigen Eindruck, er gibt auf dem Platz Gas – und er schiebt Zusatzschichten, weil die Phase der Suspendierung ihm mehr zugesetzt hat als Eljero Elia.

Ist die fehlende Fitness von Arnautovic also ein Resultat der Suspendierung und nicht eines unprofessionellen Verhaltens im Urlaub?

Dutt:Letztlich weiß ich das nicht. Aber die Phase der Suspendierung schlägt bei einem schmalen Typen wie Elli eben weniger an als bei einem 90-Kilo-Mann wie Marko. Er musste da mehr aufholen, aber das tut er auch. Er beschwert sich nicht, dass er nicht in der Startelf steht, und er gibt Gas, wenn er reinkommt. Glauben Sie mir: Ich hatte schon schwierigere Typen als ihn.

Die Frage ist aber: Will er noch Werder und will Werder noch ihn?

Dutt:Die eine Frage kann ich nicht, die andere Frage möchte ich nicht beantworten. Ich weiß nicht, ob es ein Angebot gibt. Ich tue mich schwer damit, gute Spieler abzugeben. Ich wäre froh, wir hätten einen topfitten Marko. Seine Qualität würde uns gut tun.

Viele wünschen sich, dass Werder Arnautovic verkauft, um Geld für einen anderen Stürmer zu haben.

Dutt:Wenn sie dann für dieses Geld auch noch eine Alternative parat hätten . . . Es ist immer einfach zu sagen: Holt mal was. Die Preise sind aber gerade total versaut.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Wochen?

Dutt:Ich muss einfach um das werben, das mit dafür verantwortlich war, dass ich hier in Bremen bin: Wenn du zu Werder gehst, bekommst du Zeit. Das fordere ich für die Mannschaft ein. Das ist kein Krankheitsbild, bei dem ein Mittel verabreicht wird und dann ist alles gut. Das ist eine ganz junge Mannschaft, mit der wir viel arbeiten müssen. Nach einem Pokal-Aus lassen wir uns Kritik gefallen, aber bitte nicht bei jeder Niederlage gleich den Charakter der Mannschaft in Frage stellen. · kni

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