Hannovers Christian Schulz möchte gegen Ex-Club Werder die Abstiegssorgen minimieren

„Das ist eine Riesenchance“

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Seit fast sieben Jahren trägt Christian Schulz nun schon das Trikot von Hannover 96 – und deshalb wird die Beziehung zum Ex-Club SV Werder „immer weniger“. ·

Hannover - Bei den Werder-Fans ist er noch immer sehr beliebt, schließlich gehört Christian Schulz zu den Double-Helden von 2004. Doch am Sonntag könnte sich der 30-Jährige ziemlich unbeliebt machen.

Mit Hannover 96 will Schulz unbedingt die Abstiegssorgen minimieren – und das geht nur mit einem Sieg gegen den Ex-Club. Ein schlechtes Gewissen plagt ihn deshalb nicht. Warum, erklärt „Schulle“ im Interview.

Herr Schulz, ist die Stimmung in Hannover genauso schlecht wie in Bremen?

Christian Schulz:Ich weiß nicht, was in Bremen abgeht. Hier ist die Stimmung nach den zwei Niederlagen in dieser Woche natürlich ein bisschen gedrückt. In der Tabelle ist es unten ganz schön eng. Das heißt auch für uns bei fünf Punkten Vorsprung auf Platz 16 und 17, dass wir aufpassen müssen.

Wie groß ist die Angst vor dem Abstieg?

Schulz:Angst ist das falsche Wort. Wir haben Respekt vor unserer Situation und wissen, was los ist. Wir haben fünf Punkte Vorsprung, also stehen alle Mannschaften unter uns mehr unter Druck. Ein paar von uns waren vor vier Jahren beim Abstiegsendspiel in Bochum dabei. Das hat wahrhaftig keinen Spaß gemacht – und das haben wir den Spieler in der Mannschaft, die nicht dabei waren, jetzt auch noch mal klar und offen gesagt.

Wie brutal ist der Abstiegskampf?

Schulz:Jeder, der das mal mitgemacht hat, möchte das nicht wiederhaben. Das ist schon heftig. Da zählt nicht mehr das Potenzial einer Mannschaft oder der aktuelle Leistungsstand. Es kommen viele Faktoren dazu – vor allem der Kopf. Die Stimmung ist dann meistens schlecht. Da wird es schwer, befreit aufzuspielen. Vor allem für die jungen Spieler.

Hannover 96 ist mit dem Ziel Europa League in die Saison gestartet und muss nun um den Klassenerhalt zittern. Ist Ihre Mannschaft deshalb besonders gefährdet, weil diese Situation eher unerwartet kommt?

Schulz:Das könnte man denken, aber so ist es nicht. Natürlich wollten wir uns Richtung Europa League bewegen. Aber wir wussten auch, dass es in einer schlechten Saison auch mal wieder anders laufen kann. In der Winterpause hatten wir auch nur vier Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze, es hat sich also gar nicht so viel verändert.

War der Trainerwechsel von Mirko Slomka zu Tayfun Korkut am Ende des vergangenen Jahres also wirkungslos und damit ein Fehler?

Schulz:Nein! Mirko Slomka hat viel bewirkt für den Verein. Wir haben mit ihm die erfolgreichste Zeit hier erlebt. In der Punkteausbeute haben wir uns mit dem neuen Trainer natürlich auch mehr erhofft, aber man sieht schon, dass wir spielerisch einen Tick vorangekommen sind. Alle müssen ein bisschen Geduld haben. Es geht nicht von heute auf morgen, eine Philosophie zu verändern.

Sie sprechen das Spielerische an: Man hat inzwischen den Eindruck, dass bis auf die Bayern keiner mehr wirklich spielen will, fast alle anderen Bundesligisten stellen sich nur noch hinten rein. Was halten Sie davon?

Schulz:Wir haben gerade erst darüber in der Mannschaft gesprochen. Das ist wirklich ein Trend, aber nicht unsere Philosophie. Wir wollen schon über den Ballbesitz kommen. Doch die Gefahr ist, dass man dann ausgekontert wird – und das ist uns in Hoffenheim passiert. Früher haben wir es wie Hoffenheim gemacht und sind so in die Europa League gekommen. Vielleicht müssen wir das jetzt im Abstiegskampf auch wieder so machen.

Aber was für ein Spiel soll das bitteschön am Sonntag werden, denn Werder will auch nur reagieren? Bleibt der Ball dann in der Mitte liegen?

Schulz:(lacht) Irgendwie wird die eine Mannschaft schon vor das Tor der anderen kommen. Außerdem spielen wir zu Hause, wir wollen unseren Fans zeigen, dass wir die Situation annehmen und meistern können. Und zwar nicht nur mit einem Sieg, sondern auch mit überzeugendem Fußball.

Wäre die 96-Welt mit dann 32 Punkten auf dem Konto wieder in Ordnung?

Schulz:Das ist ja das Paradoxe am Fußball. Werder und wir können mit einem Spiel sehr viel wieder rausholen. Das ist eine Riesenchance, die wollen wir nutzen.

Es gibt da eine interessante Statistik: Drei Tore in zehn Spielen – gegen keinen anderen Bundesligisten waren Sie erfolgreicher als gegen Bremen.

Schulz:Das ist doch super!

Wieviele Tore machen Sie am Sonntag?

Schulz:(lacht) Nein, nein, so denke ich wirklich nicht. Ich freue mich einfach, wenn ich ab und zu auch mal das Tor treffe. Es ist reiner Zufall, dass es ausgerechnet gegen Werder am besten geklappt hat. Als Defensivspieler hoffe ich erst einmal, dass wir den Laden hinten dicht halten können. Aber die eine oder Standardsituation wird sich sicher ergeben – und vielleicht kann ich da in Aktion treten.

Hätten Sie kein schlechtes Gewissen, ausgerechnet Werder in den Abstiegssumpf zu schicken?

Schulz:Nein. Natürlich ist ein bisschen Verbundenheit noch da. Aber ich bin jetzt schon das siebte Jahr in Hannover und habe hier Wurzeln geschlagen.

Welche Beziehung haben Sie überhaupt noch zu Werder?

Schulz:Es wird immer weniger. Sieben Jahre sind im Fußball eine Ewigkeit. Von den ehemaligen Mitspielern sind nur noch Aaron Hunt und Clemens Fritz da. Der eine wird wahrscheinlich weggehen, der andere beendet irgendwann seine Karriere – dann kenne ich gar keinen mehr. Das ist leider so. Ab und zu fahre ich noch nach Bremen. Und wenn ich die Stadt betrete, ist es schon etwas Besonderes. Ich war erst neulich zum Treffen mit meiner alten C-Jugend-Mannschaft da. Das war witzig. Leider hat es fußballerisch keiner bis nach ganz oben geschafft, aber auch die anderen Werdegänge waren sehr, sehr interessant.

Hat Sie Frank Baumann schon angerufen?

Schulz: Nein, warum?

Frank Baumann soll die Double-Sieger von 2004 für ein offizielles Treffen zusammentrommeln. Werden sie kommen?

Schulz:Wenn ich angerufen werde, auf jeden Fall. Ich habe zwar meine Handy-nummer gewechselt, aber „Baumi“ wird die neue schon rauskriegen . . .

Denken Sie ab zu daran, dass sich das Double zum zehnten Mal jährt?

Schulz:Natürlich. Das war sportlich das Größte, was ich erlebt habe. Und das gleich im ersten Jahr meiner Karriere. Das war ein Glücksfall für mich. Danach sind ja leider keine Titel mehr dazugekommen.

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus – wie geht es weiter?

Schulz:Das steht noch nicht fest. Aber ich bin ganz entspannt und erst einmal froh, dass ich wieder fester Bestandteil der Mannschaft bin. Ich habe alle Spiele der Rückserie gemacht. Das war zu Saisonbeginn noch anders.

Wo ist die Stimmung am Sonntag nach dem Spiel besser – in Bremen oder in Hannover?

Schulz:Natürlich hier in Hannover. Wir können mit einem Spiel, vieles gerade rücken. Das haben wir in der Mannschaft besprochen – und dementsprechend werden wir gegen Werder auch auftreten. · kni

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