Schaaf erklärt den Bremer Aufschwung

„Das ist eine gelenkte Entwicklung“

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Bestens gelaunt: Thomas Schaaf ist wieder wesentlich gelöster, weil sein Team frei von Verletzungssorgen ist und deshalb guten Fußball bietet. ·

Bremen - Thomas Schaaf hat es geschafft: Fußball-Deutschland spricht wieder positiv über den SV Werder – und in Bremen ist der Glaube an eine erfolgreiche Zukunft zurück. Der 51-Jährige, der bereits seit 1999 Chefcoach der Grün-Weißen ist, wirkt in diesem Sommer so gut gelaunt wie lange nicht mehr.

Warum das so ist und wie er seine Arbeit mit der jungen Mannschaft definiert, das beschreibt Thomas Schaaf ausführlich im Interview.

Herr Schaaf, wann sind Sie zufrieden?

Thomas Schaaf:Womit zufrieden?

Mit Ihrem Leben, mit dem SV Werder Bremen?

Schaaf:Zufrieden muss man erst einmal definieren. Zufriedenheit hat etwas Positives, aber eben auch etwas Negatives. Positiv zufrieden ist, wenn man Dinge, die man verfolgt, auch erreicht hat. Negativ zufrieden ist, wenn man sagt, der ist jetzt satt, weil er etwas erreicht hat. Zufriedenheit ist immer nur eine Momentaufnahme. Deswegen gefällt es mir besser, wenn man sagt: Ich bin mit meinem Leben glücklich, weil es einen längeren Zeitraum überblickt und nicht von einzelnen Momenten abhängig ist.

Sind Sie glücklich?

Schaaf: Was mich und meine Familie betrifft, kann ich sagen: Wir sind sehr glücklich. Wir wissen, dass wir in vielen Momenten auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Und wir wissen, dass viele Dinge auch anders laufen können. Ich war am Freitag bei den Paralympics und habe das Finale im Rollstuhl-Basketball mit den deutschen Frauen gesehen. Diese Mannschaft war am Ende sehr glücklich, aber alle Spielerinnen hatten in ihrem Leben auch schon einen Moment, in dem sie sich sehr unglücklich fühlten. Sie mussten erst lernen, mit dieser Situation umzugehen und wieder glücklich zu werden. Wir sind auch schon mal unglücklich und denken, die Sache wäre der Mittelpunkt der Erde. Aber wenn man dann mal vernünftig darüber nachdenkt, stellt man schnell fest: Ach, das ist doch nicht so schlimm.

Sind Sie glücklich mit Werder?

Schaaf:Glücklich ja, zufrieden nicht (lacht).

Haben Sie sich gewundert, dass Werder in den Medien gefeiert wurde, obwohl die ersten beiden Pflichtspiele verloren gingen?

Schaaf:Na ja, nach dem ersten Spiel in Münster haben wir schon einige Schläge mit dem Hämmerchen auf den Helm bekommen. Was dann in Dortmund passiert ist, war von der Leistung her ja auch positiv. Wir haben dem großen Favoriten, dem Double-Sieger, auf eine Art Paroli geboten, dass man einen Punkt verdient gehabt hätte.

Warum finden plötzlich alle wieder Werder toll?

Schaaf:Vielleicht sehen sie wieder die Dinge in uns, die sie schon gesehen haben, die sie mögen.

In der Tat ist oft vom alten SV Werder die Rede, der endlich wieder spielerisch begeistert.

Schaaf:Wir haben über Jahre ein Niveau abgeliefert, das sensationell war. Das nimmt man dann als gesetzt, als normal hin. Bekommt man es plötzlich nicht mehr, dann fehlt einem was, dann ist man enttäuscht. Das haben wir jetzt zwei Jahre erlebt. Dass es dafür immer auch Gründe gibt, das interessiert nicht. Wir haben trotzdem versucht, unseren Weg weiterzugehen, die Dinge wieder hinzubekommen, die Werder auszeichnen. Wenn man diesen Moment nun wieder erreicht oder zumindest ansatzweise, dann ist alles wieder positiver, dann ist man erfreut.

So wie Sie auch.

Schaaf: Wenn man nicht mehr nur stopfen und auffüllen muss oder erst einmal etwas erarbeiten muss, von dem aus man eigentlich starten wollte, dann ist es viel schöner. Wir haben keine zehn Verletzten mehr, uns fehlen nicht die wichtigsten Spieler, die das Fundament bilden.

Ist das der Hauptgrund, warum Sie in dieser Saison freundlicher und fröhlicher wirken im Umgang mit den Spielern und den Medienvertretern?

Schaaf:Es wird so viel geschrieben, so viel gesagt, jeder will etwas interpretieren. Ich habe aber über die ganzen Jahre immer auf meine Art und Weise gearbeitet. Wenn etwas nicht funktioniert, werden Sie nicht erleben, dass wir lachend durch die Gegend hüpfen. Wenn wir spaßig damit umgehen würden, bekämen wir es doch um die Ohren gehauen, weil wir die Sache angeblich nicht ernst genug nehmen würden.

Klaus Allofs hat kürzlich gesagt, dass Sie anders arbeiten würden, weil die Spieler anders wären: keine fertigen Stars, sondern junge Talente. Hat er Recht?

Schaaf:Ich kann einen jungen Spieler nicht so kritisieren wie einen erfahrenen, der schon ein größeres Paket mitbringt. Dem kann ich sagen: Ich kenne etwas von dir, das will ich wieder sehen. Dem jungen Spieler muss ich das Paket erst einmal füllen. Und jeder ist doch anders. Der eine möchte den persönlichen Kontakt, der andere will gar keine Nähe. Der will eine klare Ansage.

Ist es in dieser Saison einfacher, einen Teamgeist zu entwickeln, weil sich die Spieler von der Altersstruktur und von dem Paket, das sie mitbringen, ähnlicher sind?

Schaaf: Es gibt viele Spieler, die einen ähnlichen Startpunkt haben, die jetzt auf ihrem Weg bei Werder sind. Es sind ja viele neu reingerutscht, auch unsere jungen Spieler aus der letzten Saison – die suchen alle ihren Platz in der Gemeinschaft. Und wir haben ihnen mitgegeben: Stärkt euch gegenseitig, bleibt aber Konkurrenten und bekriegt euch positiv.

Ist es also ein Vorteil, dass Stars wie Tim Wiese, der bei Gegentreffern schnell mal abgewunken hat, oder wie Claudio Pizarro, auf dessen Tore man sich vielleicht zu sehr verlassen hat, weg sind?

Schaaf:Jetzt sehen Sie nur die negative Seite. Die Medaille hat immer zwei Seiten. Claudio hat der Mannschaft auch sehr oft mit außergewöhnlichen Dingen geholfen – genauso wie Tim.

Mit den vielen Stars ist auch Ihre berühmte Mittelfeld-Raute verschwunden. Erklären Sie uns Ihr neues Spielsystem?

Schaaf:Wir spielen immer das, was die Spieler am besten können. Als ich jetzt auf der Trainertagung der Uefa in Nyon war, ging es auch um das Thema System. Da erinnerte Michel Platini an Arrigo Sacchi. Der habe immer gesagt: ,Ich gebe vor – und das haben die Spieler zu erfüllen.’ Das kann man so machen. Was aber muss man dafür haben? Einen Verein wie damals den AC Mailand, der das Geld hatte, um jeden Spieler, der in dieses System gepasst hat, zu verpflichten. Die andere Situation ist die wahrscheinlichere: Was die Mannschaft bietet, das spielt man. So haben wir das hier immer gemacht.

Aber Sie stellen den Kader mit Klaus Allofs zusammen. Und wenn Sie einen Außenstürmer wie Eljero Elia holen, dann haben Sie doch die Idee im Kopf, künftig mit Außenstürmern und nicht mehr mit Raute zu spielen.

Schaaf:Wir gehen andersherum an die Sache heran: Wir schließen nichts aus. Elia hat in den Gesprächen mit uns gesagt, dass er auch zweite Spitze spielen kann. Im Moment sieht es so aus, als wenn es mit dem jetzigen System gut passt. Aber ob wir das auf Dauer spielen werden, kann ich jetzt noch nicht sagen. Wenn wir die Möglichkeit haben, alle Systeme, die es gibt, zu spielen, wäre das umso besser. Wir wollen flexibel sein.

Ist es eine besondere Herausforderung, die Spielweise zu verändern?

Schaaf: Ich verändere doch nicht. Was ich mache, das ist eine gelenkte Entwicklung. Ich ziehe da, schiebe dort, drücke hier – das ist meine Aufgabe.

Bei all dieser Euphorie, die momentan um die neue Mannschaft herum herrscht, worauf kommt es in den nächsten Wochen am meisten an?

Schaaf: Wir müssen hungrig bleiben, wir müssen weiter an uns herumbasteln, an uns arbeiten. Wir brauchen noch mehr Sicherheit. Wir müssen die Dinge mit einer absoluten Überzeugung darbieten. Wir wollen auch die Individualität der einzelnen Spieler bewahren, denn wir wollen keinen Einheitsspieler. Das ist eine interessante Puzzle-Arbeit.

Können Sie das noch näher erklären?

Schaaf: Nehmen wir mal Aaron Hunt. Da feilen wir daran, dass er zum Beispiel mit einem Nils Petersen so optimal wie möglich harmoniert. Haben wir das geschafft, sind aber noch die anderen Spieler auf dem Platz, die auch miteinander agieren, voneinander abhängen. Dann geht‘s also weiter und weiter. Daran sieht man, dass es ein verdammt schwieriges Gebilde ist. Ich vergleiche das mal mit einer bestimmten langen Geraden, die man zeichnen möchte. Das scheint einfach, ist aber ohne Hilfsmittel unmöglich. Dazu brauche ich mehrere aufeinander abgestimmte Geräte, damit die Linie immer in der gleichen Flucht, der gleichen Länge, in der gleichen Dicke, in der gleichen Farbe, in der gleichen Haltbarkeit gelingt.

Wie sieht die Werder-Gerade aus?

Schaaf:Wir zeichnen noch.

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