Werder-Aufsichtsrat Hans Schulz war einst der erste Profi, der von Werder zum HSV wechselte

„Das Derby darf nicht sterben“

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Dreimal Hans Schulz: 1965 im Werder-Triko....

Bremen - Heute würden ihn die Unverbesserlichen unter den Fans vermutlich Judas schimpfen. Doch damals, es war der Sommer 1966, war das noch anders. Als erster Werder-Profi wechselte Hans Schulz damals zum Erzrivalen Hamburger SV. Aufregung? Anfeindungen? „Kaum. Kein Vergleich zu heute“, sagt Schulz, der 1965 als 22-Jähriger mit Bremen Deutscher Meister geworden war.

Fünf Jahre blieb er dann beim HSV, doch nach der Karriere wurde Bremen wieder die Heimat. Seit 1999 sitzt Hans Schulz in Werders Aufsichtsrat. Im Interview wirft er einen Blick auf die vergangenen und die aktuellen Derby-Verhältnisse. „Es ist extrem geworden“, sagt der 71-Jährige.

Herr Schulz, mussten Sie in den 60er-Jahren eigentlich wegen Schizophrenie behandelt werden?

Hans Schulz: Nein, wieso?

Weil Sie als der „HSV-Profi mit dem grün-weißen Herzen“ galten.

Schulz (lacht):Das stimmt. Aber das hat mir in Hamburg nie jemand wirklich übel genommen. Auf dem Platz habe ich immer alles gegeben für den HSV, das haben die Zuschauer honoriert. Aber im Herzen war ich tatsächlich immer ein Bremer.

Wieso dann der Wechsel – ausgerechnet zum großen Nordrivalen?

Schulz:In Bremen wurde mein Vertrag nicht rechtzeitig verlängert, der damalige Geschäftsführer Hansi Wolf dachte wohl, der Schulz bleibt sowieso, der ist doch seit 1953 im Verein. Das hat mich ein bisschen verletzt. Also habe ich mich umgeguckt. Bei Hannover 96 hatte ich schon einen Vorvertrag unterschrieben, doch dann kam Uwe Seeler. Der große Uwe Seeler. Er besuchte mich in Bremen, fragte mich, ob ich nicht zum HSV kommen will. Wenig später war alles klar. Der HSV war damals ein richtig großer Club, das muss man einfach zugeben. Gespickt mit Nationalspielern. Ich war schon geschmeichelt, dass dieser Club mich wollte und extra Uwe Seeler nach Bremen geschickt hatte. Heute ist der Uwe ein guter Freund.

Sie kennen das Nordderby von beiden Seiten. Fühlt es sich als Hamburger anders an als als Bremer?

Schulz:Als Spieler nicht. Da war in beiden Clubs klar, dass das Derby gewonnen werden musste. Aber als Beobachter habe ich manchmal den Eindruck, dass sich der Hamburger bei einer Niederlage noch mehr ärgert als der Bremer. Spätestens seit den tollen Duellen 2009 und Tim Wieses Auftritten ist das so.

Hat sich das Derby in seiner Emotionalität seit dem ersten Bundesliga-Duell am 12. Oktober 1963 – Werder gewann übrigens 4:2 – und der 100. Auflage am Samstag verändert?

Schulz:Ja, ganz bestimmt. Ich habe es früher im Umfeld als nicht so emotional empfunden. Heute geht das schon extrem nach oben. Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen war schon immer groß, aber niemand möchte jemals wieder Fan-Krawalle mit Verletzten erleben – oder mit einem Toten wie im tragischen Fall Adrian Maleika. Diese Bilder der Gewalt müssen doch abschrecken, immer noch. Eigentlich müsste man bei einem Derby doch von einem Fußball-Fest sprechen – wenn nicht diese Begleiterscheinungen wären.

Die sportliche Brisanz ist vor dem 100. Nordderby so groß wie selten. Beide Clubs kämpfen um den Klassenerhalt. Befürchten Sie deshalb, dass einigen Fans die Nerven durchgehen könnten am Samstag?

Schulz:Durch gewisse Situationen können natürlich große Emotionen entstehen. Aber ich hoffe inständig, dass alles ruhig bleibt.

Die Lage für den HSV ist prekär, für Werder würde sie es bei einer Niederlage werden. Ihre Einschätzung: Steigt ein Nordclub am Ende der Saison ab?

Schulz:Als Aufsichtsrat von Werder Bremen denke ich natürlich vor allem an Werder. Und ich muss sagen: Ich mache mir Sorgen. Wenn man unsere Situation sachlich analysiert, muss man sagen, dass es richtig eng wird. Wenn die Mannschaft aber in jedem Spiel wie in Frankfurt (0:0 in Unterzahl, d. Red.) um jeden Zentimeter kämpft, dann gebe ich uns eine Chance.

Hunt und Fritz fit fürs Nordderby

Hunt und Fritz fit fürs Nordderby

Der HSV würde Werder mit einem Sieg im Weserstadion ganz tief mit reinziehen in den Abstiegsschlamassel.

Schulz:Das mag ich mir gar nicht vorstellen. Dann stellt sich die Frage: Wie nervenstark sind wir, halten wir das Zittern auch im zweiten Jahr hintereinander aus? Mut macht mir, dass sich die Mannschaft am Ende immer als Einheit gezeigt hat. Und dass wir von einem unglaublichen Publikum getragen werden. Diese Fans muss man einfach lieben.

Wie beurteilen Sie die Situation des HSV?

Schulz:Ich möchte es mal so sagen: Vor einer Woche hatte sich der HSV schon aufgegeben. Die Mannschaft befand sich in einem desolaten Zustand, da war kaum noch Hoffnung. Doch nach dem 3:0 gegen Dortmund spricht in Hamburg doch niemand mehr von schlechten Spielen. Die sind jetzt wieder obenauf, und es ist erstaunlich, dass sich eine so kaputte Mannschaft so schnell wieder erholt.

Fans beider Clubs würden sich über den Abstieg des anderen vermutlich diebisch freuen. Aber die Bundesliga hätte dann kein großes Nordderby mehr.

Schulz:Sollte der HSV oder Werder wirklich absteigen, wäre das natürlich der Tod des Derbys. Aber das Derby darf nicht sterben. Es wäre traurig, wenn es das Duell Werder gegen den HSV nicht mehr geben würde. · csa

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