Ein Rückblick auf die Heimspiele der Hinrunde: Überzahl als Übel, Pizarro als Phänomen und ein seidener Faden, der nur gegen Dortmund reißt

Bremer Festspiele in der Festung

Claudio Pizarro (Mitte) schoss und köpfte neun von 20 Werder-Toren im Weserstadion – die meisten waren richtig wichtig.

Bremen - Wie sich die Zeiten doch ändern können. „Die Festung Weserstadion bröckelt“ – so titelte diese Zeitung vor fast exakt einem Jahr nach vier Siegen, einem Remis und drei Niederlagen über Werders Hinrunden-Heimbilanz.

Inzwischen sind die Bremer zu Hause wieder eine Macht, haben ihr Publikum mehrfach mit Krimis begeistert, sieben Spiele gewonnen und nur eines verloren. Mit 21 Punkten ist Werder (zwei Punkte vor Meister Dortmund) die stärkste Heimmannschaft der Bundesliga! „Wir haben gute Voraussetzungen geschaffen. Wenn es in der Rückrunde so weitergeht, wäre ich sehr zufrieden“, sagt Sportchef Klaus Allofs. Ein Rückblick auf Werders Heimspiele:

1. FC Kaiserslautern 2:0

Werder Bremen gewinnt gegen Kaiserslautern

So titelte die Kreiszeitung

Riesenerleichterung

Das Spiel: Nach dem peinlichen 1:2 im Pokal bei Drittligist Heidenheim gelingt Werder die Wiedergutmachung – und ein erfolgreicher Bundesliga-Start. Der aus Santander zurückgekehrte Schwede Markus Rosenberg trifft doppelt und zurrt den ersten Auftaktsieg seit fünf Jahren fest.

Die Reaktionen: Sportchef Klaus Allofs atmet tief durch: „Der Sieg ist sehr wichtig für das allgemeine Betriebsklima.“

Die Folgen: Werder ist nach dem ersten Spieltag Vierter.

SC Freiburg 5:3

Werder besiegt Freiburg 5:3

So titelte die Kreiszeitung

Spektakel wie

zu alten Zeiten

Das Spiel: Der 700. Werder-Sieg in der Bundesliga ist ein denkwürdiger. Clemens Fritz und Torjäger Claudio Pizarro (Saisondebüt in der Startelf) drehen den frühen Rückstand durch Cisse. Nach der Pause stechen die Bremer „Joker“ Marko Ar-nautovic und Wesley. Die Vorentscheidung zum 4:3 gelingt Aaron Hunt per Elfmeter.

Die Reaktionen: „Der Trainer ist auf der Bank wahrscheinlich ausgerastet“, grinst Clemens Fritz. Coach Thomas Schaaf „hätte es gerne etwas ruhiger gehabt. Wir müssen noch die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive finden.“

Die Folgen: Es geht rauf von Acht auf Fünf.

Hamburger SV 2:0

2:0-Sieg im Nordderby

So titelte die Kreiszeitung

Pizarro der Derby-Held

Das Spiel: Während Werder den Nordrivalen schlägt, gibt der für elf Millionen Euro verkaufte Ex-Kapitän Per Mertesacker sein Debüt für den FC Arsenal. Claudio Pizarro sorgt mit seinem Doppelpack für meisterliche Stimmung. Kurz vor Schluss explodiert das Weserstadion fast: Nach 16 Monaten Verletzungspause gibt Naldo sein Comeback – an seinem 29. Geburtstag! Da geht die absolut gelungene Pflichtspiel-Premiere von Aleksandar Ignjovski („Meine Leistung war ganz o.k.“) fast unter.

Die Reaktionen: Pizarro legt seine Zurückhaltung ab: „Unser Ziel ist jetzt Platz eins.“ Neu-Kapitän Clemens Fritz empfiehlt dagegen: „Wir tun gut daran, die Füße still zu halten.“ Rückkehrer Naldo spürt „unglaubliche Freude. Der Sieg ist das schönste Geschenk.“

Die Folgen: Punktgleich mit Tabellenführer Bayern München (beide 12) ist Werder Zweiter, doch als einer von vielen mahnt Verteidiger Sebastian Prödl: „Es ist noch viel zu früh, Luftsprünge zu machen.“

Hertha BSC 2:1

Werder siegt gegen Hertha BSC

So titelte die Kreiszeitung

Immer wieder Pizarro

Das Spiel: Was für ein Finale! In der dritten Minute der Nachspielzeit köpft 1:1-Torschütze Claudio Pizarro auch noch den Siegtreffer und verhindert eine Blamage. Denn Werder spielt nach Platzverweisen gegen Lell und Ramos knapp eine halbe Stunde in doppelter Überzahl – und das ziemlich kopflos. Schaaf regt sich über Schiedsrichter Felix Brych auf und muss zum ersten Mal seit Dezember 2002 (damals gegen Stuttgart) auf die Tribüne.

Die Reaktionen: Die Hymnen auf Pizarro beginnen. „Claudio ist für uns unbezahlbar“, sagt Keeper Sebastian Mielitz, der den rotgesperrten Tim Wiese vertritt.

Die Folgen: Werder bleibt Zweiter. Doch Sportchef Klaus Allofs weiß um die mangelnde Souveränität: „Fast alle unsere Spiele hingen am seidenen Faden.“

Borussia Dortmund 0:2

Die Festung ist gefallen: Werder Bremen verliert

So titelte die Kreiszeitung

Die Festung ist gefallen

Das Spiel: Gegen den Meister gibt’s die einzige Heimpleite – trotz guter Chancen und erneut langer Überzahl nach der Gelb-Roten Karte gegen Torschütze Perisic (47.). Der zweite BVB-Treffer gelingt ausgerechnet dem Ex-Bremer Patrick Owomoyela. Naldos Startelf-Comeback misslingt.

Die Reaktionen: Schaaf ist sauer über das erneut fahrlässige Überzahlspiel: „Wir haben nichts dazugelernt, waren zu statisch und nicht diszipliniert genug.“ Fritz ärgert sich über den sechsten Rückstand im neunten Spiel: „Wir müssen konzentrierter arbeiten.“

Die Folgen: Nach der zweiten Niederlagge in Folge (vorher 2:3 in Hannover) rutscht Werder vom zweiten auf den fünften Platz. Marko Marin gibt sich trotzdem kämpferisch: „Wir gehören nach oben.“

1. FC Köln 3:2

Werder siegt gegen den 1. FC Köln

So titelte die Kreiszeitung

Pizarro –

einfach unglaublich

Das Spiel: 0:2 zur Pause, am Ende 3:2 – dank eines Hattricks des alles überragenden Pizarro. In der „grausamen ersten Halbzeit“ holt Trainer Thomas Schaaf Mehmet Ekici und Lukas Schmitz nach 36 Minuten vom Feld. Pizarro schießt kurz vor Schluss gegen nur noch neun Kölner (eine Rote Karte, eine Verletzung nach bereits drei Wechseln) das Siegtor.

Die Reaktionen: „Wie wichtig er für uns ist, kann man mit Worten gar nicht mehr beschreiben – ein fantastischer Spieler“, schwärmt Fritz über Pizarro, der an 14 der letzten 15 Bremer Tore beteiligt ist. Er hat nach elf Spielen elf Tore auf dem Konto und staunt: „Zurzeit treffe ich einfach alles.“

Die Folgen: Werder ist nicht mehr Vierter, sondern nun Dritter.

VfB Stuttgart 2:0

Werder besiegt Stuttgart 2:0

So titelte die Kreiszeitung

Ein Sieg mit

zuckersüßen Zugaben

Das Spiel: Es geht auch ohne Pizarro! Aaron Hunt und Naldo mit einem tollen Freistoß-Strahl (108 km/h) treffen in Abwesenheit des am Knie verletzten Peruaners. Werder dominiert, schlägt endlich einen direkten Konkurrenten im Kampf um die internationalen Plätze – und spielt erstmals seit dem 2:0 gegen den HSV wieder zu Null.

Die Reaktionen: „Wir haben die richtige Reaktion auf die Partie in Gladbach (0:5, Anm. d. Red.) gezeigt“, betont Schaaf. Naldo schwärmt nach seinem ersten Freistoß-Tor seit dem 9. Februar 2010: „Das ist etwas ganz Besonderes für mich.“

Die Folgen: Von fünf auf vier – und das Selbstvertrauen ist riesig. Vor dem Auswärtsspiel beim FC Bayern sagt Aaron Hunt: „Wir fahren nach München, um etwas mitzunehmen.“ Werder verliert aber klar mit 1:4.

VfL Wolfsburg 4:1

Werder Bremen gewinnt mit 4:1 gegen VfL Wolfsburg

So titelte die Kreiszeitung

So leicht war es selten

Das Spiel: Werder spaziert im letzten Heimspiel 2011 gegen desolate „Wölfe“ zum höchsten Sieg der Hinrunde. Sokratis trifft erstmals, dazu die drei Stürmer Pizarro, Rosenberg und Arnautovic. Florian Trinks und Arnautovic vergeben zwei Tausendprozentige.

Die Reaktionen: „Es war ein sehr gutes Spiel“, findet Schaaf, schränkt aber ein: „Bei diesen unglaublich vielen Chancen hätte ein ganz anderes Ergebnis ‘rauskommen können.“

Die Folgen: Werder überwintert auf einem Europacup-Platz – das ist bereits vor dem Abschluss auf Schalke sicher. Fritz bringt es auf den Punkt: „Man kann jetzt schon sagen, dass es eine gute Hinrunde war.“ · mr

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