Vierte Pleite in Folge – die Werder-Krise verschärft sich / Schaaf sagt Trainertagung ab: „Genug zu tun“

Bayern-Tornado verwüstet Bremen

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Thomas Schaaf.

Werder-Bremen - Von Carsten Sander · Mindestens einer hat die Zeichen der Zeit erkannt: Thomas Schaaf sagte gestern seine Teilnahme an dem für heute angesetzten Treffen der Bundesliga-Trainer mit DFB-Coach Joachim Löw in Stuttgart kurzfristig ab. „Ich werde nicht hinfahren, ich habe hier genug zu tun“, erklärte der Werder-Trainer nach der denkwürdigen 2:3 (1:2)-Heimniederlage gegen Bayern München.

Er machte dabei den Eindruck eines Mannes, dessen Eigenheim gerade durch einen Tornado verwüstet wurde und der nun Ordnung in das Chaos bringen muss. Im Grunde ist es auch so: Die Bayern haben Werder durcheinandergewirbelt und einen schweren Schaden hinterlassen. Wie in der Vorsaison steht die Mannschaft nach dem 19. Spieltag mit 13 Punkten Rückstand auf Rang eins und zehn Zählern auf einen Champions-League-Platz im Bundesliga-Niemandsland. Nach der vierten Niederlage in Folge wächst die Verunsicherung. „Wir sind angeknockt, es sieht nicht gut aus“, bestätigte Verteidiger Per Mertesacker.

Die Krise ist da – und sie greift tief. So tief wie seit fast sieben Jahren nicht mehr. In der Saison 2002/2003 gingen vom 19. bis 23. Spieltag fünf Partien in Folge verloren, es war die bislang schlimmste Phase in der Ära Thomas Schaaf. Das aktuelle Team ist nun auf dem besten Weg, diesen „Rekord“ am kommenden Samstag im Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach einzustellen.

Was tun? In der Woche vor dem Bayern-Spiel hatte Schaaf verstärkt Zweikämpfe und Torabschluss trainieren lassen. Mit bescheidenem Erfolg, wie der Coach zugab: „Es schmerzt, dass wir wieder nicht umgesetzt haben, was wir uns vorgenommen hatten. Verbesserungen habe ich nur im Ansatz gesehen.“ Einzig, dass nach zuvor nur einem Treffer in vier Spielen nun durch Aaron Hunt (10.) und Hugo Almeida (75.) zwei Tore in einem Spiel gelangen, durfte als kleiner, wenngleich wertloser Erfolg verbucht werden. Doch die Mängelliste war länger.

Die Bilder vom Spiel

Dominante Bayern Tabellenführer: 3:2 bei Werder

Durchsetzungsvermögen, Umschalten von Angriff auf Abwehr, Druck auf den Gegner – nichts funktioniert derzeit, wie es soll. Oder wie Club-Chef Klaus Allofs es zusammenfasste: „Die totale Bereitschaft muss weiter wachsen.“

Eine erste Knospe wollte er am Samstag im tiefsten Bremer Fußball-Winter bereits entdeckt haben. „Es war schon besser als gegen Frankfurt“, meinte Allofs. Doch nach einem Spiel, in dem der Gegner Chancen für zehn Tore besaß, ist es schwer, von Fortschritten zu sprechen. Eigentlich war das Spiel sogar ein schlimmer Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten. Denn Werder präsentierte eine Viererkette, die im Stile der Vorsaison zu weit vorne stand und so zu Kontern mit langen Bällen einlud. „Werder“, stellte Münchens Coach Louis van Gaal fest, „hat mit viel Risiko gespielt. Das haben wir genutzt.“

Allerdings nur zu drei Toren. Thomas Müller (25.) und Ivica Olic (36.) trafen vor der Pause. Arjen Robben gelang mit einem perfekten Freistoß der Siegtreffer (78.). Zwischendrin wirbelte alle sieben, acht Minuten ein Münchner allein auf das Bremer Tor zu. „Die schnellen Stürmer“, japste Nationalverteidiger Per Mertesacker, „waren unheimlich schwer zu greifen“.

Folge einer falschen Taktik? Nein, wehrte Allofs ab: „So offen wollten wir nicht stehen.“ Aber die Bayern seien halt stark gewesen –  zu stark für individuell zu schwache Bremer. „In unserer momentanen Verfassung“, erklärte der Sportdirektor, „können wir da nicht mithalten“.

In der Hinrunde wäre das gewiss anders gewesen. Doch der Nord-Süd-Klassiker hat gezeigt, wie kurzlebig Trends im Fußball sein können. Hier Werder, vor wenigen Wochen noch bejubelt und für eine Serie von 23 Spielen ohne Niederlage bestaunt. Dort Bayern, Mitte der Hinrunde noch verspottet und verhöhnt. Jetzt sind die, die obenauf waren, am Boden. Und die, die am Boden waren, obenauf. Das ist für alle Grün-Weißen derzeit zwar schwer zu ertragen, es zeigt aber auch, dass eine Wende immer möglich ist. So sieht es auch Werder-Keeper Tim Wiese. Für ihn ist die Krise nur eine „Durststrecke. Und die geht auch wieder vorbei.“

Die ehemals formulierten Ziele gelten aber schon jetzt nicht mehr. Von der Champions League geschweige denn vom Titel redet in Bremen niemand mehr. „Wir sind schließlich nicht blind und können die Tabelle lesen“, sagte Thomas Schaaf. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt.

Die Noten der Spieler:

Tim Wiese: Es wird gewiss gestritten, ob der Werder-Schlussmann den 3:2-Siegtreffer der Bayern hätte verhindern können. Der Robben-Freistoß senkte sich mit viel Effet genau unter die Latte – deshalb: Keine Schuld für Wiese. Dafür aber ein klarer Vorwurf für den Kamikaze-Sprung gegen Thomas Müller. „Rot“ wäre richtig gewesen, denn so darf kein Spieler einsteigen! Es gab nur „Gelb“ für Wiese, doch die Aktion trübte den insgesamt guten Eindruck, den der Keeper mit etlichen Paraden – vor allem in Eins-gegen-eins-Situationen – hinterlassen hatte. Note 3

Clemens Fritz: Dicker Fehler in Minute fünf, als er Olic eine Riesenchance ermöglichte. Beim 1:2 kam er zu spät. Aber in Hälfte zwei wurde Fritz zum besten Bremer. Innerhalb weniger Minuten vereitelte er mit tollem Einsatz drei Bayern-Chancen. Zudem vereinzelt mit gefährlichen Vorstößen. Note 3

Per Mertesacker: Selten hat man den Innenverteidiger so hilflos gesehen. Mertesacker wurde immer wieder überlaufen, offenbarte im Vergleich mit den Bayern-Angreifern erschreckende Tempo-Defizite. Note 5

Naldo: Der Brasilianer fiel nicht ganz so negativ auf wie Nebenmann Mertesacker. Aber auch Naldo fehlte in der viel zu weit vorne stehenden Viererkette oft der Durchblick. Seine Freistoß-Künste sind ihm zudem abhanden gekommen. Naldos Versuch in der 47. Minute landete – geschätzt – in der 32. Reihe der Ostkurve. Note 4

Aymen Abdennour: Klar, gegen einen Arjen Robben in der Form von Samstag haben 99,9 Prozent aller Abwehrspieler Riesenprobleme. Aber Abdennour sah in seiner Heimpremiere für Werder extrem schlecht aus gegen den Niederländer. Es war schon bemitleidenswert, wie Robben den Tunesier ein ums andere Mal vorführte. Note 5,5

Torsten Frings: Spiel eins nach seinem WM-Aus brachte nicht die erhoffte Trotzreaktion. Vor den Augen von Bundestrainer Löw zeigte Frings eine für seine Verhältnisse unterdurchschnittliche Leistung. Fehlpässe, Ballverluste, verlorene Zweikämpfe und Laufduelle – das war keine Gala-Vorstellung des Ex-Nationalspielers. Note 4,5

Tim Borowski (bis 58.): Man wollte schon eine Vermisstenanzeige für ihn aufgeben, als Borowski in der 42. Minute mit einem Distanzschuss urplötzlich in Erscheinung trat. Mehr zeigte der Ex-Nationalspieler gegen seinen Ex-Club jedoch nicht. Erneut enttäuschend. Note 5,5

Aaron Hunt: Vor der Pause der agilste Bremer und nicht durch Zufall Schütze des schönen 1:0. Hunt baute im zweiten Durchgang allerdings ab. Note 3

Mesut Özil: Reifeprüfung nicht bestanden! In der ersten Halbzeit versteckte er sich völlig, setzte sich offensiv nicht in Szene und arbeitete defensiv nicht mit. Die zweiten 45 Minuten brachten eine kleine Steigerung. Wenigstens hin und wieder blitzte sein Können auf. Note 4,5

Hugo Almeida: Keine Frage: Das Tor zum 2:2 war richtig schön gemacht. Artistische Ballannahme, präziser Abschluss – davon hätte er gerne mehr zeigen können. Hat er aber nicht. Note 4

Marko Marin: An beiden Werder-Toren war der 20-Jährige als Passgeber direkt beteiligt. Immer bemüht, in der Bayern-Abwehr Unruhe zu stiften. Manchmal gelang’s, oft rannte sich Marin jedoch fest. Note 3,5

Markus Rosenberg (ab 58.): Sekunden nach seiner Einwechslung wurschtelte er sich durch, kam aber ins Straucheln und nicht mehr zum kontrollierten Abschluss. Danach war der Schwede nicht die erhoffte Belebung des Bremer Angriffsspiels. Note 4 

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