Fin Bartels im Interview

„Werder und ich – das passt“

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Längst ein Liebling bei den Bremer Fans: Offensivmann Fin Bartels überzeugt in seiner ersten Saison bei Werder, hat in 24 Bundesliga-Spielen vier Mal getroffen und fünf Tore vorbereitet.

Bremen - Dieses Kompliment klingt im ersten Moment ein bisschen seltsam. „Er ist unsere Cinderella“, sagt Werder-Trainer Viktor Skripnik über seinen Offensivmann Fin Bartels. Der 28-Jährige als Bremer Aschenputtel?

Ein skurriler Vergleich – doch Skripnik erklärt schnell, was er damit meint: den märchenhaften Aufstieg des ehemaligen Zweitliga-Akteurs vom FC St. Pauli an neuer Wirkungsstätte. „Er kam fast aus dem Nichts und ist jetzt hier ein Topspieler. Echt klasse“, schwärmt Skripnik: „Werder ohne ihn – das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen.“ Bartels, der in dieser Bundesliga-Saison in 24 Spielen vier Tore geschossen, fünf vorbereit und inzwischen spürbar Selbstvertrauen aufgebaut hat, staunt selbst ein bisschen über seinen starken Einstand – wie er im Mediengespräch verrät.

Die Länderspielpause bietet die perfekte Gelegenheit, ein bisschen auf die vergangenen, aufregenden Wochen und Monate zurückzuschauen. Machen Sie das auch?

Fin Bartels: Ja, schon. Es gibt immer mal Phasen, in denen man alles Revue passieren lässt. Was man besser machen kann und was in Ordnung war. Wenn man trainingsfrei hat, schaltet man aber auch einfach mal komplett ab, verbringt Zeit mit der Familie, lässt die Seele baumeln. Das tut auch sehr gut.

Sie haben den Vergleich: Ist das Leben für einen Profi in der ersten anstrengender oder total anders als in der zweiten Liga?

Bartels: Das kann man so nicht sagen. Es ist eine höhere Herausforderung, die Qualität ist eine andere. Das ist der Unterschied. Laufen und ackern – das macht man überall, auch in der Kreisliga. Die Beine werden immer gebraucht. Was in der ersten Liga anders ist: Du musst im Kopf immer auf zack, schnell und hellwach sein – sonst ist der Ball weg. Da musste ich mich am Anfang reinarbeiten. Mittlerweile komme ich ganz gut zurecht. Der Kopf spielt eine ganz entscheidende Rolle.

Sie sind ein prima Beweis, dass der Sprung in die Erstklassigkeit klappen kann.

Bartels: Es gibt genug Spieler in der zweiten Liga, die Riesenpotenzial haben. Aber man muss eben auch mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Werder und ich – das passt. Das ist eben manchmal so, dafür gibt es dann nicht immer eine Erklärung. Ich nehme es natürlich gerne so mit und versuche, weiter meine Leistung abzurufen und das hier in Bremen als eine Art Happy End zu sehen (schmunzelt). Im Ernst: Es läuft ordentlich, daran will ich anknüpfen. Und ich fühle mich hier pudelwohl.

Bleiben Sie vielleicht sogar bis zum Karriereende Bremer?

Bartels: Wenn es so weiterläuft, muss ich nicht noch unbedingt irgendwo anders hin. Aber das ist Zukunftsmusik, weit weg. Ich bin jetzt erst mal glücklich über die Situation und kann sie genießen.

Kaum bei Werder, schon Stammspieler: Es gab nicht wenige, die das überrascht hat. Sie selbst auch?

Bartels: Dass es so schnell ging, hat mich schon ein bisschen überrascht, ja. Als ich hierher kam, dachte ich im Training: Upps, das ist aber eine andere Geschichte, die Qualität war riesig, da habe ich mich schon umgeschaut. Aber ich wollte es unbedingt, wollte so viel wie möglich spielen. Dass es dann so viel ist, war nicht unbedingt zu erwarten.

Wie erklären Sie sich selbst Ihre schnelle Integration?

Bartels: Ich habe fest an mich geglaubt und daran, dass ich es schaffen kann. Und dass ich es denjenigen, die skeptisch waren, weil ich aus der zweiten Liga kam, beweisen will. Das ist noch mal ein zusätzlicher Ansporn. Ich bin guter Dinge, dass es weiter so läuft. Aber ich weiß, dass ich mich nicht ausruhen darf. Ich muss mich jeden Tag anbieten, meine Leistung zeigen, mich weiterentwickeln. Noch bin ich ja keine 35 – da sehe ich noch Potenzial.

Sie wurden im vergangenen Sommer als offensiver Außenspieler für das 4:2:3:1-System geholt. Inzwischen spielen Sie im 4:4:2 oft zentral. Wie sehr haben Sie sich schon daran gewöhnt?

Bartels: Man musste sich da ein bisschen reinfuchsen. Mittlerweile fühle ich mich dort sehr wohl. Auf dieser Position kann man sich noch ein bisschen freier bewegen, mal in die Spitze stoßen, sich mal zurückfallen lassen. Das Läuferische und das Erkennen der freien Räume – das gehört zu meinen Stärken.

Levin Öztunali liebt die Zehner-Position, genau wie Levent Aycicek und der wieder genesene Özkan Yildirim. Wie fühlen Sie sich als Gejagter?

Bartels: Darüber denke ich gar nicht großartig nach. Der Konkurrenzkampf ist natürlich da, man will sich immer durchsetzen. Letztendlich habe ich fast in jedem Spiel zwei, drei Positionen gespielt. Dann Zehner, dann rechts, dann links, dann Stürmer. Da gibt es viele Möglichkeiten.

Sie sprechen Ihre Flexibilität selbst an. Überall in der Offensive spielen zu können – ein Vor- oder Nachteil?

Bartels: Es kann auch mal zum Nachteil werden, aber für mich ist es momentan eher ein Vorteil. Ich bin am Anfang auf dieser oder jener Position mal reingerutscht. So habe ich mich irgendwann etabliert.

Und was ist mit der Nummer „10“ – die ist bei Werder momentan frei und passt zu Ihrer Position. Greifen Sie im Sommer zu?

Bartels: Nein, nein – niemals. Ich bin sehr zufrieden mit der „22“. Die „10“ ist immer noch eine spezielle Nummer. Die überlasse ich dann doch lieber den ganz feingeistigen Technikern und Spielgestaltern auf dieser Welt.

Was sind Sie denn für ein Spielertyp?

Bartels: (grübelt) Ein Zwischending aus Dynamik und Spielstärke. Ach, sich selbst zu beschreiben, ist irgendwie immer schwer. Was man sagen kann: Ich bin nicht der klassische Zehner, der die Bälle ansaugt, 100 Ballkontakte im Spiel hat und munter rechts und links verteilt.

Erst zweite Liga, dann erste Liga – und nun Europa League? Ist das Ihr Karriereplan?

Bartels: Natürlich darf man mal träumen, dieses Europa-Feeling ist einfach irgendwo im Kopf. Aber wir sollten vorsichtig sein. Wir wissen ganz genau, wo wir herkommen und wo wir noch vor ein paar Wochen waren. Wir wollen jetzt erst mal punkten, Schritt für Schritt gehen. Und falls wir zu gegebener Zeit in Reichweite sind, will jeder attackieren.

Sie sind aber auch aktuell nicht weit weg von den internationalen Plätzen. Werder hat als Neunter drei Punkte Rückstand auf den Siebten und vier auf den Sechsten.

Bartels: Ja, aber es ist noch lange hin bis zum Saisonende. Acht Spiele, da kann viel passieren. Ich hatte schon mal eine ähnliche Situation mit St. Pauli vor vier Jahren. Da hatten wir am 22. Spieltag 28 Punkte und waren Elfter – aber dann haben wir nur noch einen einzigen Punkt geholt und sind abgeschlagen als Tabellenletzter abgestiegen. Deshalb bin ich noch mehr gewarnt als andere und kann mich noch nicht zurücklehnen.

mr

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