Aufsichtsratschef Bode kündigt Gespräche an / Nicht alle Werderaner sind mit dem Sportchef zufrieden

„Entscheider“ Eichin soll verlängern

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Marco Bode (links) will schon bald mit Thomas Eichin über einen neuen Vertrag verhandeln.

Bremen - Es war kurz vor dem Anpfiff in Freiburg. Thomas Eichin erklomm schnellen Schrittes die Pressetribüne – von dort aus schaut der Werder-Sportchef immer die Spiele seiner Mannschaft. Im Schwarzwald-Stadion sitzt dort ab und zu auch Joachim Löw. Gegen Werder war der Bundestrainer ebenfalls da, sah den heranstürmenden Eichin und machte sich schon begrüßungsfein. Umsonst, denn Eichin rauschte vorbei. Er hatte Löw nicht gesehen, denn sein Blick ging nur nach vorne.

Das ist Thomas Eichin. Er will immer schneller sein als andere, vergisst dabei auch mal rechts und links, denn er will den Erfolg. Bei Werder hat er ihn nun – nach zwei extrem schwierigen Jahren. Der Aufschwung hat den Sportchef aus der Schusslinie gebracht, der Verein will den im Sommer 2016 auslaufenden Vertrag mit dem Ex-Profi verlängern.

„Wir sind zufrieden mit seiner Arbeit. Wir werden sicherlich in der nächsten Zeit Gespräche mit ihm über eine Verlängerung seines Vertrags führen. Und wenn man miteinander spricht, kann es auch mal schnell zu einer Entscheidung kommen“, sagt Marco Bode. Der neue Aufsichtsratschef ist vorsichtig. Er lobt den Geschäftsführer Sport zwar, aber er huldigt ihm nicht. Schließlich muss noch verhandelt werden.

Außerdem ist Eichin wahrlich keiner, dem alle bei Werder zu Füßen liegen. Im Verein gibt es Mitarbeiter, die ihn zu schroff und zu kalt finden. Oder zu eitel und zu selbstdarstellerisch. Eichin ist eben keiner von ihnen, kein Werderaner. Und der 48-Jährige macht auch keine großen Anstalten, das zu verändern. Nach der Mitgliederversammlung im November war er sofort verschwunden, während seine Kollegen aus der Führungsebene mit den Mitgliedern noch ein Bierchen tranken. „Die Werder-Familie ist schon etwas ganz Wichtiges hier“, hat Eichin kürzlich in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt: „Aber es ist genauso wichtig, einen gesunden Mittelweg zu finden. Wir dürfen hier nicht verstauben, sondern wir müssen auch Input von außen zulassen. Ich sehe meine Rolle schon darin, auch mal den Finger in die Wunde zu legen und unbequeme Entscheidungen zu treffen.“

So sieht und so fordert es auch Bode. „Thomas Eichin muss viele Entscheidungen treffen – und er ist ein Entscheider, diese Rolle liegt ihm von seiner Mentalität her“, sagt der Aufsichtsratschef und fügt noch an: „Es ist immer die Rede von den Werderanern. Aber ich sage auch: Es müssen nicht alle gleich sein. Unterschiedliche Persönlichkeiten in der Führungsriege zu haben, das ist gut. Wichtig ist, dass wir alle eine gemeinsame Philosophie entwickeln und auch vertreten, und das machen wir.“

Wichtig ist auch die Außendarstellung. Eichin scheut keine Kamera. Weder in guten noch in schlechten Zeiten. Als es unter Thomas Schaaf gewaltig kriselte, stellte sich Eichin den Medien. Genauso war es bei Robin Dutt. Rumeiern ist nicht sein Ding. Er mag die klaren Worte – und wählt dabei auch schon mal die etwas derbere Fußballer-Sprache. Er legt sich auch mit dem großen FC Bayern an. „Ich fand es in Ordnung, was Thomas Eichin gesagt hat. Es ist auch eine Werder-Haltung, öffentlich zu sagen, was man denkt“, erklärt Bode und betont: „Es hat uns nicht geschadet. Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn wir danach unentschieden gespielt hätten.“ Werder verlor aber 0:4, die Bayern reisten hochzufrieden zurück. Diesem Eishockey-Manager hatten sie es gezeigt.

Die Vergangenheit auf dem Eis verfolgt Eichin auch zwei Jahre nach seiner Rückkehr in den Fußball. Obwohl er 180 Bundesliga-Spiele absolviert und im Management von Borussia Mönchengladbach mitgearbeitet hat, wird seine Kompetenz gerne mal infrage gestellt. Von Anfang an hat er dagegen angekämpft – durchaus öffentlichkeitswirksam. Wie zum Beispiel mit Wyscout – einer Plattform, die Fußballer aus der ganzen Welt gespeichert hat. Eichin ging zudem mit Juventus Turin eine Kooperation ein, um auch an deren große Datenbank zu gelangen. So wollte der Ex-Profi nicht nur den Rückstand zu seinen Manager-Kollegen aufholen, sondern sie überholen. Denn aufgrund der finanziell angespannten Situation bei Werder sind Schnelligkeit und Kreativität gefragt.

„Thomas Eichin musste hier unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten – und hat leider schon zwei Trainerwechsel mitgemacht. Es herrschte fast immer Abstiegskampf. Aber Thomas Eichin ist ein Kämpfer, er fühlt sich in dieser Rolle nicht unwohl“, sagt Bode. Eichins Transfers will der Aufsichtsratschef einzeln nicht bewerten, insgesamt sei die Bilanz positiv. Das würde die aktuelle sportliche Situation belegen.

Elf Spieler hat Eichin in seinen zwei Jahren fest verpflichtet – und dafür eine geschätzte Ablöse von rund 14 Millionen Euro bezahlt. Hinzu kommen noch zwei Leihspieler. Der beste Transfer trägt den Namen Franco Di Santo. Der Argentinier kam ablösefrei und ist inzwischen Millionen wert. Ein echter „Mehrwertspieler“, wie Eichin die Profis nennt, die er möglichst billig bekommt, um sie irgendwann für Werder zu Geld zu machen.

Verkauft wurden in Eichins Zeit neun Spieler für 15,5 Millionen Euro. Nicht mehr da, aber noch unter Vertrag sind sechs Profis – darunter so namhafte wie Eljero Elia und Nils Petersen. Es wird spannend, wenn deren Leihgeschäfte im Sommer enden. Bringen sie dann eine Ablöse oder kehren sie zurück und belasten wieder den von Eichin extrem heruntergefahrenen Spieleretat? Gebraucht werden sie hier nicht mehr, der neue Coach Viktor Skripnik hat sie aussortiert und durch Spieler aus der U 23 ersetzt.

Apropos Skripnik: Das Verhältnis Skripnik/Eichin ist speziell. In den Pressekonferenzen sitzen sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, schauen sich trotzdem selten an. Dem Gerücht, er habe Skripnik nicht als Trainer gewollt, hat Eichin jedoch vehement widersprochen: „Das ist kompletter Unsinn! Es ist doch klar, dass es hier keinen Trainer geben wird, von dem ich als verantwortlicher Geschäftsführer nicht hundertprozentig überzeugt bin. Ansonsten wäre ich doch verrückt. Schließlich kannst du nur erfolgreich arbeiten, wenn da ein enger Draht besteht.“

Immerhin: Eichin und Skripnik bewegen sich inzwischen mit ihren Statements immer häufiger in dieselbe Richtung. Bode spricht von einer guten Zusammenarbeit der sportlichen Leitung. Der Weg sei richtig. Nur dürfe jetzt niemand nachlassen. „Wir müssen in den nächsten Spielen verteidigen, was wir uns erarbeitet haben“, fordert der Aufsichtsratschef. Deswegen ist es ihm auch nicht so recht, dass er zum Thema Vertragsverlängerung gefragt wird. Nichts soll jetzt ablenken. Bei Thomas Eichin muss er sich dabei allerdings keine Sorgen machen, der übersieht ja vor lauter Fokussierung auf Werder sogar den Bundestrainer. kni

Eichins Bilanz

Verpflichtete Spieler

Gekauft: Nils Petersen (3 Millionen Euro), Cedrick Makiadi (3), Jannik Vestergaard (2,5), Luca Caldirola (2,25), Santiago Garcia (1,5), Ludovic Obraniak (1,5), Michael Zetterer (100.000).

Ablösefrei: Franco Di Santo, Alejandro Galvez, Fin Bartels, Izet Hajrovic.

Ausgeliehen: Levin Öztunali (Leihgebühr 200.000), Koen Casteels (150.000).

Abgegebene Spieler

Verkauft: Sokratis (9,9 Millionen Euro), Marko Arnautovic (2,8), Mehmet Ekici (1,5), Niclas Füllkrug (300.000), Denni Avdic (250.000), Johannes Wurtz (250 000), Joseph Akpala (200.000), Florian Hartherz (150.000), Tom Trybull (100.000).

Ablösefrei: Aaron Hunt, Sebastian Mielitz, Lukas Schmitz, Aleksandar Ignjovski, Cimo Röcker, Aleksandar Stevanovic, Predrag Stevanovic, Kevin De Bruyne (Leihende).

Bis Sommer ausgeliehen: Eljero Elia (500.000), Nils Petersen (200.000), Ludovic Obraniak (200.000), Richard Strebinger, Oliver Hüsing, Mateo Pavlovic.

Hinweis: Zahlen sind geschätzt, außer beim Ekici-Transfer. Trabzonspor hat die Ablöse veröffentlicht.

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