Ludovic Obraniak – Werders Neuer ist ein kultureller Feingeist, Wein-Kenner und Pole aus Überzeugung

„Auch Fußball kann Kunst sein“

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Der Kopf der Werder-Mannschaft? Ludovic Obraniak posiert im Gerhard-Marcks-Haus zwischen den Werken seines Landsmannes Charles Despiau. ·

Bremen - Es ist ein kleiner Vermerk in seinem Personalbogen, der aufmerken lässt. In der Rubrik „Hobby“ hat Ludovic Obraniak eingetragen: Kunst. Hoppla, ein kultureller Feingeist im Profi-Fußball – das kratzt an der Grenze zur Sensation, das ist mehr als ungewöhnlich.

Und es ist Grund genug, bei dem Franzosen mit den polnischen Wurzeln nachzufragen – natürlich an einem passenden Ort. Im Gerhard-Marcks-Haus, dem Bildhauermuseum in Bremen, traf sich Sportredakteur Carsten Sander mit dem Werder-Profi. Zwischen den Skulpturen des französischen Bildhauers Charles Despiau (1874-1946) sprach Ludovic Obraniak über seine Liebe zur Kunst, zum Wein, zu Polen und über Werder Bremen, seine neue Leidenschaft.

Monsieur Obraniak, müssen Sie noch bekannt gemacht werden mit den Werken Ihres Landsmannes?

Ludovic Obraniak:Ich kenne Despiau bisher nicht, aber ich finde sehr schön, was ich sehe. Mein absoluter Favorit ist diese Art von Kunst aber nicht.

Was bevorzugen Sie?

Obraniak:Kunst ist für mich vieles. Malerei, Musik, Bildhauerei – alles. Ich genieße Kunst, um mich zu entspannen. Auch nach Fußballspielen.

Zum Fußball findet man schon als Kind, wie haben Sie die Kunst für sich entdeckt?

Obraniak:Durch ein Lied von Kanye West bin ich auf einen Künstler namens Takashi Murakami aufmerksam geworden (der Japaner hatte 2007 das CD-Cover zur Single „Stronger“ und zum Album „Graduation“ entworfen, d. Red.). Ich bin dann tiefer in seine Welt eingetaucht und bin bei diesem Manga-Stil hängengeblieben – hin zur Pop-Art. Ich mag zum Beispiel auch Andy Warhol sehr gerne. Insgesamt muss man doch sagen: Wir sind von Kunst umgeben. Vieles kann Kunst sein. Sogar Fußball.

So wie Ihr Freistoß zum 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach?

Obraniak (lacht):Genau!

Welche Kunstgegenstände finden sich in Ihrem Haus?

Obraniak:Gemälde, Skulpturen – und ein paar gute Flaschen Wein. Ich finde, einen guten Wein herzustellen, ist auch eine Art von Kunst. Und Wein ist ein großes Hobby von mir. Ich belege sogar Önologie-Kurse (Weinlehre, d. Red.) und lerne dabei auch viel über die Geschichte des Weines.

Für jemanden, der in Bordeaux gespielt hat, ist das kein außergewöhnliches Hobby. Wie teuer darf ein Wein denn für Sie sein?

Obraniak:Ich habe schon ein paar ganz gute Flaschen aus Bordeaux im Regal, aber ich besitze keine super-teuren Weine. Es gibt viele Weine, die gekauft werden, weil sie teuer sind. Aber ich bin nicht so. Für mich muss ein Wein nicht teuer sein, ich muss ihn nur kennen, fühlen, mögen.

Johan Micoud betreibt in der Nähe von Bordeaux ein kleines Weingut. Haben Sie auch von ihm eine Flasche daheim?

Obraniak:Ja, habe ich. Sein Wein schmeckt auch sehr gut, ist aber teuer (lacht).

Nach dem Fußball ein Leben als Winzer – wäre das auch etwas für Sie?

Obraniak:Nach der Karriere kann man so viel machen, ich will mich da noch gar nicht festlegen. Aber ja, Winzer zu werden, ist auch eine Möglichkeit.

Oder lieber Künstler? Haben Sie sich schon mal als solcher versucht?

Obraniak:Nein, gar nicht.

Fehlt Ihnen der Mut oder das Talent?

Obraniak (lacht):Beides.

Sie tragen eine Art der Kunst auch am eigenen Körper. Welche Bedeutung haben Ihre zahlreichen Tätowierungen – speziell die vier Asse am Handgelenk?

Obraniak:Dahinter steckt keine besondere Botschaft – außer dass mir die Welt der Magie gefällt. Meine Tattoos stammen aus einer Zeit, als es noch sehr modern war, welche zu haben. Ich war 18, 19 Jahre alt, als ich die habe stechen lassen. Ich fand es damals gut, die Mädchen auch. Heute bereue ich es ein bisschen und hätte mittlerweile sicher bessere Motiv-Ideen als damals.

Vielleicht die Werder-Raute? Wieso sind Sie mit schon 29 Jahren noch aus Frankreich fort, wieso hat es Sie nach Bremen gezogen?

Obraniak:Ich war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Es war für mich der perfekte Zeitpunkt, die Seite Frankreich umzublättern und etwas Neues zu starten. Ich wollte eine Auslandserfahrung machen – und da war die Bundesliga erste Wahl für mich.

Und Werder?

Obraniak:Die Bremer Anfrage kam einfach im richtigen Moment.

Welche Rolle trauen Sie sich zu im Team? Können Sie die Mannschaft auf dem Platz führen?

Obraniak:Das ist schwer zu sagen. Es ist noch zu früh, mich als Leader zu bezeichnen. Dafür bin ich zu neu im Team. Ich sehe meine Rolle darin, das Spiel schnell zu machen und die Offensivkräfte in Szene zu setzen. Ich bin für die kreativen Dinge verantwortlich.

Sonntag beginnt mit dem Spiel bei Eintracht Frankfurt eine Serie von fünf Spielen gegen direkte Konkurrenten. Wie sehen Sie diesem Fünferpack entgegen?

Obraniak:Diese Spiele entscheiden viel für uns. In unserer Situation brauchen wir jeden Punkt. Wir können aber nur erfolgreich sein, wenn wir die Moral aus der zweiten Halbzeit gegen Mönchengladbach zeigen. Wenn wir so auftreten, können wir jede Mannschaft in Schwierigkeiten bringen, ihr Schaden zufügen und selbst Punkte sammeln.

Erst haben Sie sich zu einem Wechsel nach Deutschland entschieden, nun kehren Sie nach Ihrem Rücktritt vor knapp einem Jahr auch ins polnische Nationalteam zurück. Stecken Sie jetzt in einer Zwickmühle?

Obraniak:Wieso? In welcher?

Ob Sie lieber Deutsch oder Polnisch lernen?

Obraniak:Ich lerne beide Sprachen. Aber aus Respekt vor meinen Kollegen im Nationalteam und vor meinen polnischen Wurzeln lege ich das Augenmaß etwas stärker auf das Polnische. Und das geht schon recht gut – jedenfalls umgangssprachlich. Mit Journalisten spreche ich noch nicht so gerne auf Polnisch, dafür bin ich dann doch zu nervös.

Vor der Heim-EM 2012 sind Sie plötzlich polnischer Nationalspieler geworden. Wieso spielen Sie überhaupt für Polen? Immerhin waren es Ihre Ur-Großeltern, die vor einer kleinen Ewigkeit nach Frankreich ausgewandert sind.

Obraniak:Es stimmt schon, das ist ein bisschen weit hergeholt. Ich bin auch immer Franzose, weil ich in Frankreich geboren und aufgewachsen bin. Aber meine Wurzeln sind polnisch, ich habe polnisches Blut in mir. Und ich finde es wichtig, dass ich die Bindung zu meiner Heimat nicht verliere. Die doppelte Staatsbürgerschaft habe ich angenommen, weil ich gemerkt habe, dass mir diese Komponente der polnischen Kultur fehlt. Ich versuche, da ein bisschen etwas nach- und aufzuholen. Ich möchte, dass mich die Polen als Polen akzeptieren – und das schaffe ich nur über die Sprache.

Jetzt sind Sie in Deutschland, und es stellt sich die Frage: Werden Sie den ersten Sieg mit Werder mit deutschem Bier oder französischem Wein begießen?

Obraniak (lacht):Man kann’s auch mischen. Ich habe lange bei OSC Lille gespielt (2007 bis 2012, d. Red.), und Lille ist als Stadt bekannt für sehr gutes Bier. Aber bitte: Ich möchte nicht, dass jemand denkt, ich sei Alkoholiker. Ich genieße Wein und Bier nur in Maßen. · csa

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