„Absoluter Top-Trainer“

Applaus für den Angezählten

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Thomas Schaaf ·

Bremen - Der Zeiger der Uhr rückte geschwind vor auf 15 Uhr, dem offiziellen Ende des theoretischen Teils. Und noch niemand hatte die T-Frage gestellt, die alle Fußball-Freunde nicht nur in und um Bremen interessiert. Da nahm ein Teilnehmer allen Mut zusammen und thematisierte das aktuell heiße Eisen bei Werder Bremen. Thomas Schaaf angezählt und bei Werder kurz vor dem K.o.?

Er habe Sorge gehabt, meinte der couragierte Trainer aus dem Kreis der Gleichgesinnten, „ob ich heute noch Thomas Schaaf als Redner sehen werde.“ Eine Steilvorlage für Thomas Eichin, den Geschäftsführer Sport, der auch als Gastreferent bei der Fortbildungstagung der Gruppe Nord des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer auftrat. Der Werder-Obere lobte Schaaf als „absoluten Top-Trainer“ und wiederholte, was er zuletzt zu diesem Komplex eines möglichen Trainerwechsels in der Endphase der Spielzeit geäußert hatte: „Es wäre völlig bescheuert gewesen, etwas Verrücktes zu machen und den Trainer zu tauschen.“

Es gab Beifall von den etwa 150 Trainern, allesamt Inhaber der Fußball-Lehrer-Lizenz oder zumindest des A-Scheins, die sich im VIP-Bereich der Osttribüne im Weserstadion gestern zu ihrem turnusmäßigen Lehrgang getroffen hatten – darunter die früheren Werder-Profis Frank Neubarth und Günter Herrmann sowie der Wolfsburger Co-Trainer Andries Jonker. Diese hörten indes auch, wie der Werder-Manager von einer „rationalen Beurteilung der Arbeit des Cheftrainers“ sprach, gleichzeitig aber auch die Mär widerlegte, dass Schaaf unkündbar und eine heilige Kuh sei: „Weder in meinem Arbeitsvertrag noch in der Geschäftsordnung steht davon etwas.“

Gut eineinhalb Stunden zuvor stand derjenige am Rednerpult, der nun doch noch zum Thema geworden war. Thomas Schaaf, Stammgast bei diesen Treffen, hatte ein Heimspiel. „Moin von meiner Seite“, begrüßte er in norddeutscher Diktion charmant die Kollegen. Unliebsame Fragen von deren Seite hatte er nicht zu erwarten. Keine Nachfragen zur prekären Gegenwart, keine Erkundigungen zu Perspektiven in der Zukunft.

„Entwicklungen und Trends im Profifußball“, so lautete der Arbeitstitel seines Vortrags. Locker plaudernd, ohne Redemanuskript referierte das Bremer Urgestein über die Saison und umschrieb die eingetretene Situation im Abstiegskampf mit dieser Bemerkung: „Wir haben eine interessante, junge Mannschaft, die sehr viel Fantasie geboten hat, aber nicht die Ergebnisse liefern konnte.“ Der 52-Jährige sprach von einem radikalen Umbruch im letzten Sommer. Sie hätten das Personal getauscht, die Altersstruktur geändert und schließlich noch eine Umwandlung des Systems vorgenommen. „Wir hatten schon damit gerechnet, dass es eine schwierige Saison wird“, so Schaaf, der die Serie mit Blick auf die vielen individuellen Fehler und die permanenten Lobeshymen so zusammenfasste: „Wir haben uns sehr oft selbst die Beine weggehauen. Doch wir haben immer Komplimente bekommen. Ich konnte es zum Schluss nicht mehr hören.“

Als ein Fragesteller die jüngste Personalpolitik kritisch hinterfragte, ging Schaaf in Doppeldeckung. Zunächst verwies er auf die gesamte Transfer-Bilanz in seiner Ära: „Überragend, was wir vor dem wirtschaftlichen Hintergrund in den letzten 14 Jahren geleistet haben.“ Nun aber werde alles negativ gesehen, meinte entschuldigend der Sportlehrer, der die schlechte Ausgangslage aufgrund der miserablen Kassenlage betonte. Werder gehöre halt nicht mehr zu den Top 8 der Liga. „Vom Etat her, von dem her, was realisierbar auf dem Transfermarkt ist, liegen wir auf Platz neun oder zehn.“ In der Tabelle aber auf Rang 14.

Themawechsel zu erfreulichen Fakten, dem Boom in der Bundesliga. Zu einer Lobesarie setzte der Coach an, als er über die positive Entwicklung des deutschen Fußballs sinnierte. „Man kann gar nicht aufhören zu loben“, meinte Schaaf – und tat dies ausführlich. Bayern und Dortmund haben ihn „total begeistert“, die Bundesliga bezeichnete er als „stärkste Liga der Welt. Da fühle ich mich bestätigt.“

Alle Fragen routiniert beantwortet. „Ich hoffe, Ihr seid nicht eingeschlafen“, scherzte Thomas Schaaf. Am Ende huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Es gab Applaus für ihn, reichlich sogar. So häufig ist dies zuletzt nicht vorgekommen. · mlk

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