Anthony Ujah im Interview: Er braucht Erholung, er glaubt an Werder, er will Skripnik strahlen sehen

„Mit Mourinho würde es nicht besser laufen “

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Geballte Fäuste und ein Lachen, das ansteckt: Anthony Ujah ist eine Frohnatur, aber die Krise bei Werder setzt ihm zu: „Ich bin ein schlechter Verlierer.“

Bremen - In der sogenannten „Spielerloge“ im Vip-Bereich des Weserstadions hängen sie, die Granden der Vergangenheit. Werder-Stars von früher auf eingerahmten Fotografien. Anthony Ujah kennt sie längst nicht alle. Rudi Völler, ja, Ailton, natürlich. Auch Johan Micoud. Aber bei Kalle Riedle und dem schon verstorbenen Pico Schütz muss er passen.

Ebenso bei Rune Bratseth, dabei war der ein Held in Norwegen, wo Ujah zu Beginn seiner Europa-Karriere eineinhalb Jahre für Lilleström SK gekickt hatte. Seit dem Sommer stürmt er für Werder. Nach gutem Start mit zwei Toren in vier Partien folgten die vier Niederlagen ohne ein Ujah-Tor. Werder steckt in der Krise, der Trainer steht in der Kritik, als nächstes kommt der FC Bayern nach Bremen – alles schlechte Nachrichten. Anthony Ujah (24) spricht trotzdem drüber.

Herr Ujah, die nigerianische Nationalmannschaft spielt in den kommenden Tagen in Belgien gegen die DR Kongo und gegen Kamerun. Sie sind nicht dabei – traurig?

Anthony Ujah: Es ist immer etwas Besonderes, für sein Land zu spielen. Ich träume auch von einer großen Karriere in der Nationalmannschaft. Auf der anderen Seite ist es gerade gar nicht so schlecht, nicht dabei zu sein. Sonst hätte ich am Wochenende nicht frei. Denn das werden meine ersten echten freien Tage in dieser Saison – und die kann ich gut gebrauchen.

Was werden Sie machen?

Ujah: Es ging hier gleich zu 100 Prozent los, ich bin zudem umgezogen, es gab viel Trubel. Jetzt brauche ich mal zwei Tage Abwechslung. Ich will den Kopf frei kriegen.

Zur Familie nach Nigeria ist es aber ein bisschen weit in der kurzen Zeit.

Ujah: Ich könnte hinfliegen kurz Hallo sagen und wieder zurückfliegen (lacht).

Soll es denn in die Sonne gehen?

Ujah: Nein, nein – ich hatte genug Sonne in Afrika (lacht). Im Moment denke ich an Norwegen. Vielleicht besuche ich meinen alten Verein Lilleström, ich habe dort noch viele Freunde. Oder ich fliege zu meinem Bruder Adoyi nach London. Ich weiß nur eines: Ich muss mal weg!

Die Stimmung in Bremen könnte augenblicklich ja auch besser sein. Wie kommen Sie als fröhlicher Mensch damit klar?

Ujah: Es ist schwer für mich. Ich bin ein schlechter Verlierer. Ich denke immer, ich hätte mehr helfen müssen. Niederlagen machen mich unglücklich. Aber ich muss das akzeptieren. Ich glaube aber nicht, dass wir ganz nach unten rutschen werden.

Was macht Sie optimistisch?

Ujah: Wir haben die Qualität. Wir brauchen nur einen Sieg, auf dem wir aufbauen können. In Hannover haben wir zwar verloren, aber wir haben trotzdem etwas mitgenommen: Selbstvertrauen. Wir haben viel besser gespielt als gegen Leverkusen.

Mit diesem einen Sieg könnte es erst einmal schwierig werden, denn als nächstes kommt der FC Bayern nach Bremen.

Ujah: Ich weiß, das ist die beste Mannschaft der Welt. Aber wir haben das Spiel noch nicht verloren. Bayern kann nicht alle 34 Spiele gewinnen. Ein paar Unentschieden und Niederlagen wird es schon geben. Wäre doch gut, wenn das gegen uns passiert. Wir müssen einfach daran glauben.

Sportchef Thomas Eichin hat das Spiel schon abgehakt, er kalkuliert mit null Punkten.

Ujah: Die Mannschaft nicht, und ich bin ganz sicher Thomas Eichin auch nicht. Er will den Druck rausnehmen, aber er will auch immer gewinnen.

Nur ein Tor in den letzten vier Spielen – was ist mit Ihnen und Ihren Sturmkollegen los?

Ujah: Das ist nicht gut. Jeder muss an sich arbeiten. Torsten Frings hat mir gesagt, was bei mir im Moment fehlt. Daran werde ich arbeiten.

Wie ärgerlich ist es, dass Claudio Pizarro Ihnen gerade nicht helfen kann, weil er auf Länderspielreise ist?

Ujah: Ich glaube, es ist nicht gut, wenn wir alle denken: Claudio muss uns helfen. Wir müssen auch ihm helfen. Wir müssen zusammen erfolgreich sein. Das kann kein Pizarro, Vestergaard oder Ujah allein. Wir haben keinen Messi oder Ronaldo. Wir funktionieren nur, wenn wir zusammen kämpfen. Wenn das kommt, dann spielt auch Claudio eine große Rolle.

Ist Pizarro mit 37 Jahren noch jung genug für die Bundesliga?

Ujah: Keiner erwartet von ihm, dass er die meisten Kilometer läuft. Er hat so viel Erfahrung, die wird uns helfen.

Sie haben sich sehr über den Wechsel Ihres Idols zu Werder gefreut. Ist alles so eingetroffen, wie Sie es sich erhofft haben?

Ujah: Ja, mein Gefühl hat sich nicht verändert. Ich freue mich auf jedes Training mit Claudio.

Viktor Skripnik hat neulich gesagt, dass er unangenehmer und lauter geworden ist. Hat sich der Trainer verändert?

Ujah: Viktor ist gleichgeblieben. Er macht nichts anders, weil wir eine negative Serie haben. Wie er mit uns spricht und uns auf die Spiele vorbereitet – das ist top. Ich fühle mich richtig schlecht, dass wir ihm keine Punkte dafür geben. Er investiert so viel. Wenn wir das alles benutzen würden, hätte es jeder Gegner schwer gegen uns.

Es gibt die ersten Fans, die nach einem neuen Trainer rufen. Ist das okay?

Ujah: Viktor ist der Trainer, den wir brauchen. Mit Mourinho würde es nicht besser laufen. Wir werden mit Viktor wieder Erfolg haben. Wenn er redet, dann spürst du, dass Werder in seinem Herzen ist. Er redet nicht nur als Trainer, er hat so viel Gefühl für den Verein. Er erinnert uns immer wieder daran, in was für einem besonderen Verein wir spielen mit einzigartigen Fans, denen wir etwas zurückgeben müssen. Ich kann es nicht erwarten, wieder erfolgreich zu sein. Denn es macht mich sehr, sehr glücklich, wenn ich nach einem Sieg in Viktors Augen sehe, wie erleichtert und glücklich er ist.

Ein Grund für Sie, nach Bremen zu wechseln, war die vermeintlich offensivere Spielweise und die bessere Perspektive. Jetzt hat ihr Ex-Club 1. FC Köln doppelt so viele Punkte und fast doppelt so viele Tore wie Werder – gab es schon Spott aus Köln?

Ujah: Egal, ob der FC am Ende Zweiter wird und vor uns liegt – ich werde diesen Wechsel nicht bereuen. Für meine Karriere bin ich genau dort, wovon ich geträumt habe und wo ich hingehöre. Ich freue mich, dass es für den FC gut läuft, denn ich habe noch ein großes Gefühl für diesen Club.

Sie sind jetzt seit drei Monaten in Bremen, was hat Sie überrascht?

Ujah: Ein Spaziergang im Bürgerpark ist wirklich überragend. Der tut mir sehr, sehr gut, der macht den Kopf frei. Ansonsten bin ich nicht viel draußen. Ich bin ein ruhiger Typ, viel zu Hause und vielleicht etwas langweilig für meine Freundin (lacht). Ich skype im Internet viel mit meiner Familie in Nigeria oder mit meinem Bruder Adoyi in London. Er studiert dort.

Mit Ihrer Unterstützung?

Ujah: Ja. Für meine Familie mache ich alles. Mein Vater hat sehr viel gearbeitet, damit wir Kinder nicht auf der Straße sind, sondern in die Schule gehen. Mein Bruder hat schon seinen Master. Das ist mir ganz wichtig. Denn viele afrikanische Fußballer machen den Fehler, dass sie ihr Geld nur in die Tasche der Familie geben und nichts Vernünftiges damit passiert. Wenn der Fußball dann vorbei ist, geht es wieder runter. Ich möchte, dass meine Familie für die Zukunft qualifiziert ist.

Sie übernehmen da eine große Verantwortung.

Ujah: Aber ich bekomme keinen Druck von meiner Familie wie viele andere afrikanische Fußballer. Niemand fordert Geld von mir. Ich bin sehr glücklich, dass sich meine Familie selbst organisiert. Meine Eltern sind jetzt fertig mit ihrer Arbeit, sie können jetzt chillen…

Werden Ihre Eltern Sie nun häufiger in Bremen besuchen?

Ujah: Na ja, mein Papa will erst im nächsten Sommer kommen, weil es ihm hier jetzt zu kalt ist. Ich hoffe, er überlegt es sich noch mal.

Wird es Ihnen in Deutschland jetzt auch zu kalt?

Ujah: Moment mal, ich war schon in Norwegen, deswegen ist Deutschland für mich absolut okay.

Würden Sie auch gerne studieren wie Ihr Bruder?

Ujah: Vielleicht nach der Karriere. Mein Vater wollte, dass wir fünf Kinder alle auf die Universität gehen. Aber ich wollte unbedingt Fußball spielen. Das war mein Traum. Meine Eltern haben dann gesagt: ,Wenn du die Highschool geschafft hast, geben wir dir ein Jahr Zeit für Fußball. Wenn dabei nichts herauskommt, gehst du studieren.‘

Wie alt waren Sie da?

Ujah: 17. Es war schon ein harter Kampf damals mit meinen Eltern. Aber ich habe gewonnen. Dann ging alles sehr schnell. Ich habe nur ein Jahr in der nigerianischen Liga gespielt und bin dann schon nach Norwegen. Eigentlich brauchst du länger, um nach Europa zu kommen. Da hatte ich auch etwas Glück.

Apropos Glück: Wann gelingt Ihnen endlich Ihr erstes Tor im Weserstadion?

Ujah: In meinem Herzen ist der Wunsch, dass es so schnell wie möglich klappt.

kni/csa

Ujah: Fanliebling und Torjäger

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