Ansprache im Regen, damit heute gegen den FC Bayern die Herzen brennen

Es geht um die Würde – und ein bisschen auch um Skripnik

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Ansprache vor dem Abschlusstraining und im Dauerregen: Viktor Skripnik redet, die Profis Clemens Fritz, Claudio Pizarro, Theodor Gebre Selassie, Zlatko Junuzovic (verdeckt) und Felix Kroos (v.l.) hören nachdenklich zu.

Bremen - Viktor Skripnik redete. Und redete. Und redete. Mehrere Minuten – es müssen wohl zehn oder mehr gewesen sein – brauchte der Werder-Trainer um seine Spieler auf das Abschlusstraining vor dem Heimspiel gegen Bayern München (heute, 15.30 Uhr) einzustimmen. Das ist nicht ungewöhnlich, sollte bei Dauerregen aber tunlichst in der Kabine geschehen. Nicht bei Skripnik. Während er sprach, wurden die Spieler nass und kalt. Dabei sollen sie heute mit heißem Herzen in eine Partie gehen, in der es für sie wohl nichts zu gewinnen gibt.

Es ist schon vor dem Anpfiff quasi beschlossene Sache, dass die Münchner einen Sieg in Bremen landen und alles Lob dafür aus dem Weserstadion tragen werden. Stellt sich die Frage: Worum geht es denn dann heute für den SV Werder? Um nichts? Falsch! Es geht sogar um ziemlich viel. In den 90 Minuten gegen die vielleicht beste Mannschaft der Welt dürfen die Bremer zwar Spiel und Punkte verlieren, aber nicht ihre Würde. Vor fast genau einem Jahr hatte selbst das nicht geklappt.

Es war der 18. Oktober 2014, als eine unter der Führung von Trainer Robin Dutt völlig strukturlos daherkommende Mannschaft mit 0:6 in München unterging. Das Ergebnis allein war nicht das Erschreckende, schließlich hatte es in den Duellen zuvor auch schon ein 1:6, ein 2:5 und ein 0:7 gegeben. Da fällt bei einem 0:6 niemand mehr in Ohnmacht. Den speziellen Blamagefaktor bezog die Partie aus der einmaligen Tatsache, dass Werder gegen die Bayern nicht einen Torschuss abgegeben hatte. Das hatte es zuvor noch nie gegeben. Und war Ausdruck der unglaublichen Harmlosigkeit und Unterlegenheit der Bremer. Eine Woche später wurde Dutt entlassen.

Viktor Skripnik kam, führte die Mannschaft zu Siegen und gab ihr so die verlorene Würde wieder zurück. Doch jetzt droht der erneute Verlust. Wenn Werder es heute wieder mit sich geschehen lässt. Die Gefahr ist da. Denn es gibt alarmierende Vorzeichen. Das eine: Offensiv präsentierte sich Werder zuletzt erschreckend schwach. Nur ein Tor gelang in den letzten vier Partien, insgesamt erzielte das Team bislang lediglich sieben Treffer in acht Spielen. Das andere: Die Erfahrung aus dem Spiel gegen Leverkusen, als die Bremer gegen einen klar überlegenen Gegner einfach aufgaben. Wehe, wenn sich das heute wiederholt! Nicht umsonst fordert Geschäftsführer Thomas Eichin eigentlich nur eines von den Spielern: „Zeigt den Fans, dass ihr noch lebt! Unser Publikum verzeiht alles, aber nicht eine mangelnde Einstellung zum Spiel.“ Es war nur eine Umschreibung für: Wehrt euch! Und zwar bis zum Schluss. Was letztlich als Resultat auf der Anzeigetafel steht, ist eigentlich Nebensache.

Zweistellig sollte es dennoch nicht gerade werden. Auch wenn Eichin mit bewusster Übertreibung den 0:12-Vergleich wählte, um klar zu machen, dass es heute trotz der Vorgeschichte von vier Niederlagen in Serie nicht um den Job von Trainer Viktor Skripnik geht. Eine sofortige Konsequenz für den Coach ist also auszuschließen, aber natürlich werden auch Niederlagen gegen die Bayern nicht komplett ausgeklammert und als bedeutungsloses Ereignis zur Seite geschoben. Die Art und Weise, wie sie zustande gekommen sind, entscheidet über den Grad der Bedeutung. Anders gesagt: Präsentiert sich die Mannschaft so leblos wie vor 364 Tagen unter Dutt, gerät fraglos auch Skripnik unter Druck. So oder so ist klar: In den folgenden Spielen bei Mainz 05 (Bundesliga) und daheim gegen den 1. FC Köln (DFB-Pokal) sind Erfolgserlebnisse Pflicht. Ohne Wenn und Aber.

Viktor Skripnik muss sich heute zudem an eigenen Aussagen messen lassen. Denn als er im Frühjahr das Rückspiel gegen die Bayern mit 0:4 verloren hatte (und Werder sogar sechs Mal aufs Tor geschossen hatte), verkaufte der 45-Jährige das als Erfolg und Fortschritt. 0:4 statt 0:6, sechs statt null Torschüsse – „das zeigt unsere Entwicklung“, hatte er erklärt. Es war damals schon eine wackelige Argumentation, mit der der Ukrainer den Werder-Aufschwung stützen wollte. Und sie wird zusammenstürzen, wenn Bayern heute Spaß hat am Toreschießen.

csa

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