Vor Duell seiner Ex-Clubs Werder und Frankfurt

Andree Wiedener im Interview: „Ich war bei Kohfeldt skeptisch“

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Andree Wiedener war als Profi für den SV Werder und Eintracht Frankfurt aktiv. Am Ostersonntag treffen seine Ex-Vereine aufeinander.

Bremen - Es ist inzwischen 16 Jahre her, dass er Werder Bremen verlassen hat. Sein Name erklingt im Weserstadion aber immer noch regelmäßig: Andree Wiedener.

Die Fans in der Ostkurve haben dem ehemaligen Verteidiger einen speziellen Tanz gewidmet – es ist eine besondere Art der Anerkennung für die Leistungen, die Wiedener im Bremer Trikot gezeigt hat. Im Winter 2002 wechselte er nach großen Erfolgen mit Werder zu Eintracht Frankfurt, für das er heute noch in der Traditionself spielt. Vor dem Bundesliga-Duell zwischen Werder und Frankfurt (Ostersonntag, 15.30 Uhr) hat Wiedener im Interview mit der DeichStube erklärt, welchem Verein er die Daumen drückt, warum er bei Florian Kohfeldts Amtsübernahme als Bremer Trainer zunächst skeptisch war – und warum Werder ohne seine Fans längst abgestiegen wäre.

Herr Wiedener, am Ostersonntag treffen Werder Bremen und Eintracht Frankfurt aufeinander, Ihre beiden Ex-Vereine. Was haben Sie für ein Gefühl vor dem Spiel?

Andree Wiedener: Mittlerweile ist die Situation auf beiden Seiten ja ziemlich entspannt, was in der Vergangenheit leider nicht immer der Fall war. Für Bremen ist das Spiel eine große Chance, weiter Punkte gegen den Abstieg zu sammeln, für Frankfurt ist sogar das internationale Geschäft greifbar. Es dürfte also ein sehr interessantes und offenes Duell werden.

Für welchen der beiden Clubs schlägt Ihr Fußballerherz denn stärker?

Wiedener: Das kann ich gar nicht sagen, weil es bei mir immer situationsbedingt ist. Wenn einer der beiden vom Abstieg bedroht ist, und der andere nicht mehr, dann bin ich für den, der sich noch retten muss. Ich möchte ja, dass beide Vereine in der Bundesliga spielen. Werder zeigt mittlerweile wieder guten Fußball und hat auch nicht mehr den ganz großen Druck. Ich sehe keinen Favoriten in dem Spiel.

2006 haben Sie ihre Karriere beendet, heute arbeiten Sie außerhalb der Fußballbranche. Wie intensiv verfolgen Sie die Bundesliga noch?

Wiedener: Ich habe ziemlich großen Abstand gewonnen. Beruflich und familiär habe ich andere Interessen. Aber natürlich verfolge ich Woche für Woche die Ergebnisse und lese auch das eine oder andere. Ich bin schon noch dran, weil ich regelmäßig im Stadion bin. Ich war zum Beispiel beim Hinspiel in Frankfurt. Das Rückspiel verpasse ich leider, weil ich unterwegs bin. Das ist schade, denn es gibt in beiden Vereinen noch Leute, die ich aus meiner aktiven Zeit kenne.

Wen denn?

Wiedener: Mit Frank Baumann stehe ich in Kontakt, mit Marco Bode ebenfalls, wenn auch eher locker. Hubertus Hess-Grunewald kenne ich jetzt fast 30 Jahre lang. Gleich zu Beginn meiner Zeit bei Werder haben wir uns kennengelernt. Er hat damals sehr viel im Amateurbereich gemacht. Bei Frankfurt habe ich mit Alex Meier, Marco Russ und Jan Zimmermann noch zusammengespielt. Jetzt gehören sie selbst zum älteren Kaliber (lacht). Auch Fredi Bobic kenne ich gut.

Lang, lang ist’s her: Andree Wiedener im Werder-Trikot, ein Bild aus dem Jahr 2000. Heute arbeitet der 48-Jährige nicht mehr in der Fußballbranche, verfolgt die Szene aber aufmerksam.

Beide Vereine standen sich 2016 im großen Abstiegsfinale gegenüber, mit dem schlechteren Ausgang für Frankfurt, das in die Relegation musste. Wie überrascht sind Sie vom Aufschwung der Mannschaft unter Trainer Niko Kovac?

Wiedener: Niko hatte kurz nach seiner Amtsübernahme mit der Relegation einen schweren Stand. Dann hat er zusammen mit Fredi Bobic, der im Sommer dazu kam, unglaublich gute Arbeit geleistet. Das ist gerade in einem Verein, der Jahr für Jahr nicht so genau weiß, wohin es geht, wirklich beeindruckend. Werder teilt das gleiche Schicksal. Die Zeiten sind vorbei, in denen man sagen konnte: „Wir spielen eigentlich immer um Platz eins bis fünf.“ Niko Kovac hat viel erreicht, in dieser Saison wieder mit einem stark veränderten Kader.

Taugt Frankfurt als Vorbild für Werder?

Wiedener: Nein. Das sind zwei völlig unterschiedliche Vereine. Man kann sie nicht miteinander vergleichen. Bremen ist eine ganz andere Nummer als Frankfurt. Jeder Verein hat eine eigene Philosophie und muss sehen, dass er sie weiter verfolgt.

Wie beurteilen Sie denn die bisherigen Auftritte von Werder-Trainer Florian Kohfeldt, der momentan sowohl für den Fußball, den er spielen lässt, als auch für seine Auftritte in der Öffentlichkeit viel gelobt wird?

Wiedener: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu Beginn skeptisch war, was Kohfeldt angeht. Das hatte damit zu tun, dass Werder diesen Weg mit einem Trainer aus den eigenen Reihen schon mehrfach gegangen ist. Dabei gab es zuletzt Höhen aber vor allem auch Tiefen. Jetzt nach einem etwas längerem Zeitraum muss ich sagen: Kohfeldt spricht gut, redet keinem nach dem Mund, sondern sagt, was er denkt. Auch fußballerisch ist bei Werder wieder ein klares System zu erkennen. Man sieht, in welche Richtung es auf dem Platz gehen soll. Zuletzt haben die Ergebnisse wieder gestimmt, und das ist das Wichtigste. Du bist als Werder Bremen ja kein Verein wie Freiburg, wo man sagt: „Dann steigen wir halt ab, und dann steigen wir wieder auf.“

Erst Werder, später Frankfurt – Sie hatten in Ihrer Karriere das Glück, für zwei Vereine zu spielen, die eine große und lebendige Fanszene haben. Was bedeuten die Anhänger für beide Clubs?

Wiedener: Sie haben eine sehr große Bedeutung und machen viel aus. In Frankfurt ist es gigantisch, auch auswärts. Wir haben eine Zweitliga-Saison gehabt, wo wir 15 000 Fans mit in Lübeck hatten. Das pusht ohne Ende. Auch in Bremen muss man deutlich sagen: Wenn die Fans in den vergangenen Jahren nicht so hinter ihrer Mannschaft gestanden hätten, wäre Werder abgestiegen. Vor zwei Jahren standen da 20 000 Leute am Weserstadion und haben gewartet, dass die Busse die Rampe runterkommen. Das war einmalig.

Nicht aller Orten ist die Fan-Unterstützung in schweren Zeiten selbstverständlich. Stichtwort HSV...

Wiedener: Für Gewalt habe ich nullkommanull Verständnis. Pfiffe, Unmut, Ärger – alles in Ordnung, aber Gewalt geht gar nicht. Es ist Sport, ein Beruf, dem die Spieler nachgehen. Keiner verliert mit Absicht. Ich habe in Frankfurt auch die negativen Seiten kennengelernt. Wir sind mal nach einem Spiel attackiert und mit Flaschen beworfen worden. Solche Szenen vergisst du als Spieler nicht. Zum Glück gehören diese Dinge in Frankfurt der Vergangenheit an.

Sie selbst sind in Bremen auch unvergessen, allerdings im positiven Sinne. Bis heute tanzen die Fans in der Ostkurve den „Andree-Wiedener-Tanz“. Was bedeutet Ihnen das?

Wiedener: Oh, jetzt wo Sie es erwähnen, bekomme ich direkt wieder Gänsehaut. Das ist für mich einfach gigantisch und eine riesige Anerkennung für das, was ich geleistet habe. Es ist eine bleibende, tolle Sache, die mich sehr stolz macht. Beim Heimspiel gegen Leverkusen bin ich wieder in Bremen. Wenn es passt, tanze ich gerne gemeinsam mit den Fans.

Selfie bitte: Andree Wiedener ist bei den Werder-Fans noch immer sehr beliebt.

Zur Person: Andree Wiedener bestritt zwischen 1989 und 2002 insgesamt 164 Bundesligaspiele für Werder, in denen dem Rechtsverteidiger drei Tore gelangen. Mit den Bremern wurde er Europapokalsieger (1992), Deutscher Meister (1993) und dreimal DFB-Pokalsieger (1991, 1994, 1999). Im Winter 2002 wechselte er zu Eintracht Frankfurt, wo er seine Karriere nach weiteren 18 Erst- und 58 Zweitligaspielen 2006 beendete. Mit der Eintracht stieg Wiedener zweimal in die Bundesliga auf und einmal ab. Heute arbeitet der 48-Jährige im Außendienst für einem Großhandel für Bodenbeläge und Bauchemie. Wiedener lebt in Frankfurt.

Rollo Fuhrmann in seiner DeichBlick-Kolumne: Verliebt in den neuen Bremer Fußball

Wistorie-Quiz: Teste Dein historisches Werder-Wissen

Quelle: DeichStube

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