„Ich habe sofort zugesagt“

Andi Herzog: Eine große Chance, eine große Challenge

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Andreas Herzog ist Nationaltrainer in Israel.

Tel Aviv - Von Hans-Günter Klemm. Willi, wie er genannt wird, ruft an. Vor gut zwei Wochen klingelt es bei Andi Herzog. Der alte Kumpel ist in der Leitung. Willibald Ruttensteiner, ein bekannter Name im Fußball Österreichs, ehedem Sportdirektor und zweimal Nationaltrainer, meldet sich bei dem Spezi in Wien.

Der 55-Jährige, nun Sportdirektor beim Israelischen Fußball-Verband, will nicht nur Freundlichkeiten austauschen und sich nach den Befinden des arbeitslosen „Herzerls“ erkundigen. Er macht dem früheren Bremer, immer noch ein Star in Austria, ein konkretes Jobangebot.

„Ich habe nicht lange überlegen müssen, habe sofort zugesagt“, erzählt Herzog von diesem Telefonat, das sein Leben für die nächsten Monate, möglicherweise Jahre grundlegend ändert. „Es ist die Chance für mich, auf die ich mich freue.“ Dank der Fürsprache und Vermittlung Ruttensteiners („Ich schätze Andi sehr“) wird Herzog Nationaltrainer in Israel – sein erster „echter“ Job im Seniorenbereich.

Ein Fußballer am Ziel seiner Träume

Bislang hat der ehemalige Werder-Star zumeist als Assistent gearbeitet, vor allem als Co von Jürgen Klinsmann im US-Team beim Gewinn des Gold-Cups 2013 und der WM 2014 in Brasilien. Volle Verantwortung hat er übernommen als U21-Coach von Österreich von 2009 bis 2011 sowie als Betreuer der amerikanischen Olympia-Auswahl. Nun also ist er der Boss bei einer A-Nationalelf. Endlich, er sehnte sich nach dieser Berufung. Ein Fußballer am Ziel seiner Träume, ein Trainer wieder im Rampenlicht was er sich so sehr gewünscht hat.

Einige Male hatte es nicht geklappt in der jüngsten Vergangenheit. In seiner Heimat wurde Herzog immer mal wieder gehandelt als Nationaltrainer, insgesamt viermal. „Zweimal war es ganz konkret“, sagt Herzog, „am Ende ganz knapp.“ Dies war 2009 der Fall und erst vor kurzem, als er sich gemeinsam mit dem schließlich berufenen Franco Foda in der Endauswahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte. Der Verband, auf den Andi daher nicht gerade gut zu sprechen ist, entschied sich für den Deutschen.

Herzog: „Werder hat nie bei mir angerufen“

Ob Herzog und der ÖFB noch einmal zusammenkommen werden, ist mehr als zweifelhaft. Dabei wäre ihm der Job des Nationaltrainers in seiner Heimat ein Herzensanliegen. Genauso attraktiv wie die Stelle bei seinem Ex-Club Werder Bremen. In der Schaaf-Ära war die Position lange Zeit blockiert, doch danach hätten sich Möglichkeiten ergeben können. Herzog war immer mal wieder im Gespräch, als Dutt, Skripnik und Nouri berufen wurden. Doch im Gespräch mit der DeichStube gibt er ehrlich zu: „Ich wurde damals nur in den Medien gehandelt. Werder hat nie bei mir angerufen.“

Bevor er nun nach Tel Aviv zur Vertragsunterzeichnung flog, informierte Herzog seinen Lehrmeister. „Gut für dich“, gratulierte Klinsmann und sprach ihm Mut zu. Herzog freut sich auf die neue Aufgabe. Er verspricht, „hart zu arbeiten. Es erwartet mich viel Arbeit.“ Er will „Israels Fußball signifikant nach vorn bringen“. Seine Fußballphilosophie? Als ehemaliger Offensivkünstler bevorzugt er einen Stil, der durch Angriffsspiel charakterisiert ist, „ohne jedoch die Abwehrarbeit zu vernachlässigen.“ Sein Credo: „Ich weiß, dass zu einem erfolgreichen Spiel auch die Defensive notwendig ist.“

Andreas Herzog (links) war über vier Jahre Co-Trainer der us-amerikanischen Nationalmannschaft.

Zunächst einmal will der neue Nationaltrainer, der seinen Hauptwohnsitz nach Israel verlegen wird, um so oft wie möglich vor Ort präsent zu sein, sich einen Überblick verschaffen und sein Team schnellstmöglich kennenlernen. „Ich bin weit davon entfernt, der Mannschaft mein System und meine Vorstellungen implementieren zu wollen. Ich werde schauen, welche Spielertypen infrage kommen und wie ich am besten die Stärken meiner Leute zum Tragen bringen kann“, sagt der 49-Jährige, der zwischen 1992 bis 1995 sowie von 1996 bis 2002 307 Pflichtspiele für Werder bestritt. In dieser Zeit gewann er einmal die Meisterschaft und zweimal den DFB-Pokal.

Eigentlich hätte Herzog am vergangenen Wochenende mit den alten Bremer Kollegen das 25. Jubiläum des 93er-Titelgewinns feiern sollen. Aber er fehlte. Entschuldigt natürlich. Denn der Job in Israel hat für ihn längst begonnen. Viel Zeit bleibt Herzog, zunächst mal unter Vertrag bis zum Ende der Qualifikation zur WM 2020, nicht, um sich einzuarbeiten. Anfang September startet die Nations League. Israel eröffnet in Albanien, einer Nation, an der das Team bei der WM-Qualifikationsrunde noch gescheitert war.

„Eine riesengroße Challenge“ für Andreas Herzog

In der Gruppe G belegte die Truppe nur den vierten Platz – hinter Spanien, Italien und eben Albanien. Die aktuelle Nummer 93 der Fifa-Weltrangliste verpasste so den Sprung nach Russland. Momentane Zustandsbeschreibung des israelischen Fußballs aus dem Mund des neuen Bosses: „Es gab schon bessere Zeiten. Vor gut einem Jahrzehnt stand der israelische Fußball vor dem Durchbruch, doch dann stockte der Aufschwung ein wenig, wie die letzte WM-Qualifikation gezeigt hat.“

Mit Andi soll nun die Wende kommen. „Eine riesengroße Challenge für mich“, sagt der lange in den Staaten lebende Herzog im typischen Slang Amerikas. Etwa zehn Legionäre zählen voraussichtlich zu seinem Stamm, darunter der in Ingolstadt beschäftigte Almog Cohen, der bei Eintracht Frankfurt engagierte Taleb Tawatha sowie Profis aus der österreichischen Liga wie beispielsweise Munas Dabbur (Red Bull Salzburg). Die anderen sind über ganz Europa verstreut. Herzog wird bei der Sichtung und Beobachtung seiner Schützlinge viel reisen müssen – nach Russland und Rumänien, nach Belgien und Holland.

Israel erst einmal bei einem großen Turnier dabei

Erst einmal schaffte Israel den Sprung zu einem Turnier: Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1970. Bei einer Europameisterschaft startete die Nation, die trotz der geografischen Lage in Asien seit 1991 Mitglied im europäischen Verband Uefa ist, noch nie. Und der Mann, dem die Israelis nun zutrauen, dass er diesen schwarzen Fleck ausradieren könnte, machte ihnen Anfang des Jahrhunderts einen dicken Strich durch die Rechnung.

Oktober 2001, Ramat-Gan-Stadion in der Hauptstadt Tel Aviv. Qualifikation zur WM, Israel gegen Österreich. Nachspielzeit, 92. Minute. Andi Herzog gelingt ein wunderschönes Tor, der wichtige Treffer zum 1:1. Österreich qualifiziert sich damit für die Play-offs gegen die Türkei, Israel ist dagegen raus. Herzog erinnert sich und nimmt heute auf diese Konstellation so Bezug: „Ich bin dem Fußball Israels noch etwas schuldig.“

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Quelle: DeichStube

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