Vom Amateurtrainer zum „Messias“ in nur 24 Stunden

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Der Autokorso durch Bremen nach der Meisterschaft – für Thomas Schaaf der emotionale Höhepunkt bei Werder. ·

Bremen - Seinen emotionalsten Moment als Werder-Trainer hatte Thomas Schaaf 2004. Der Autokorso, umringt von Tausenden von Fans, hatte nach dem Gewinn der Meisterschaft fast schon das Rathaus erreicht. „Das Schönste“, sagte Schaaf damals, „ist, in die Gesichter der Menschen zu schauen. Zu sehen, wie glücklich sie sind, wie emotional aufgewühlt. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde.“

Es war der Höhepunkt des Werder-Aufschwungs, an dem Schaaf seit seinem Amtsantritt am 9. Mai 1999 gebastelt hatte. Nach dem Ende der Ära Rehhagel 1995 ging es bei Werder drunter und drüber. In Aad de Mos, „Dixie“ Dörner, Wolfgang Sidka und Felix Magath wurden in nicht einmal vier Jahren vier Trainer verschlissen, die Erfolge blieben aus – Werder war nur noch eine graue Maus am Rande des Abstiegs.

Schaaf kam als 38-Jähriger nach kurzem Zögern. „Ich wusste: Durch so eine Geschichte kannst du auch schnell verbrannt sein“, erklärte der Coach später einmal. Aber er konnte damals einfach nicht nein sagen, „weil ich dem Verein doch so verbunden war“.

Nur 24 Stunden nach seinem Amtsantritt gewann Werder das überlebenswichtige und inzwischen zur Legende gewordene Spiel gegen Schalke (1:0). Schaaf führte die Bremer zum Klassenerhalt und noch im selben Jahr zum DFB-Pokalsieg. Die Fans hievten den Trainer auf den Messias-Schild – er war schließlich auch einer von ihnen, seit 1972 im Club, immer Werderaner. Und: Die Rehhagelsche heile Werder-Welt mit Kontinuität und Erfolg, nach der die Anhänger vier Jahre lang gelechzt hatten, war wieder intakt. Auch wenn sich Schaaf oftmals ärgerte, ihm die Vergleiche mit „König Otto“ manchmal schon zum Hals heraushingen: Er konnte sich nicht dagegen wehren. Und auf dieser Sympathie-Welle wurde der Trainer getragen, die ganzen Jahre hindurch. Schaaf war für die Fans immer nahbar, aber unantastbar.

Nachdem er seine erste Saison auf Platz neun abgeschlossen hatte, schlitterte Werder in der Spielzeit 2000/01 in die erste große Krise unter Schaaf. Nach einer 1:3-Pleite in Cottbus lagen die Bremer am 18. Spieltag nur noch einen Punkt von einem Abstiegsplatz entfernt. Im Club herrschte Unruhe. War der junge Trainer Schaaf doch nicht der Richtige? Doch die Blöße, die interne Lösung gleich wieder zu beenden, wollte sich der Verein nicht geben. Schaaf bekam Rückendeckung, wenn auch nicht die Verstärkungen, die er sich erhofft hatte. „Wenn ich davon träume, dann wache ich klitschnass auf“, spielte Schaaf damals auf die 30 Millionen Mark an, die Bayer 04 Leverkusen allein in der Winterpause 2000/2001 in neues Spielermaterial investiert hatte.

Werder bekam die Kurve, belegte sogar noch Platz sieben – und von da an ging es fast kontinuierlich bergauf. Der Höhepunkt: das Double 2004. Die Fußball-Welt staunte über Werder. Schaafs Mittelfeldraute galt nun als die moderne Taktik schlechthin. Es folgten bis 2010 noch drei dritte und zwei zweite Plätze. Insgesamt führte Schaaf Werder neben der Meisterschaft zu drei Pokalsiegen, zu sechs Champions-League-Teilnahmen und vier Mal in den UEFA-Cup beziehungsweise die Europa League mit dem UEFA-Cup-Finaleinzug 2009 in Istanbul gegen Donezk als Höhepunkt.

Mit dem Erreichen der Champions-League-Qualifikation 2010 endete die Erfolgs-Ära an der Weser. Knappe Kassen, fehlender sportlicher Erfolg (Werder verpasst nun zum dritten Mal das internationale Geschäft), Kritik an der Personalpolitik, jetzt fast der Abstieg – das Denkmal Schaaf bröckelte. „Werder ist ein Bestandteil von mir, aber ich weiß nicht wie lange“, hatte Schaaf einmal gesagt. Die Entscheidung wurde ihm nun abgenommen.

14 Jahre Thomas Schaaf bei Werder Bremen

14 Jahre Thomas Schaaf bei Werder Bremen

Einmal wäre er fast von allein gegangen. Im Jahr 2009 saß der Coach quasi schon auf gepackten Koffern, entschied sich aber doch noch gegen einen Wechsel zum VfL Wolfsburg. Schaaf hatte seine Mission an der Weser noch nicht beendet.

In der Vergangenheit war es ihm immer wieder gelungen, Stars zu produzieren oder ihnen neues Leben einzuhauchen. Johan Micoud, Diego, Mesut Özil, Miroslav Klose, Ivan Klasnic, Mladen Krstajic, Ailton, Torsten Frings, Per Mertesacker und, und, und. Die Liste ist lang, sehr lang. Auf der anderen Seite stehen auch Flops wie Carlos Alberto, Gustavo Nery, Wesley oder aktuell Mehmet Ekici und Eljero Elia. Weil diese Liste zuletzt immer länger wurde, die mit den Guten aber nicht, ist die Ära Schaaf bei Werder vorbei. · flü

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