Alle Aufregung umsonst

+
Klaus Filbry im Weserstadion – dort soll sich 2012 Werders neuer Hauptsponsor präsentieren, den der Geschäftsführer bereits intensiv sucht.

Bremen - von Carsten Sander und Malte Rehnert. Klaus Filbry hält sich gerne zurück. Die öffentlichen Auftritte sind rar gesät, Werder Bremens Geschäftsführer für Finanzen und Marketing arbeitet lieber im Hintergrund.

Zu „seinen“ Themen – etwa das gerade gefällte Urteil über die Pay-TV-Rechte, die Entwicklung von „Werder weltweit“ oder die Suche nach einem neuen Hauptsponsor – hat der 44-Jährige im Interview aber einiges zu sagen.

Herr Filbry, Sie haben einen Teil Ihres Studiums in England absolviert. Dürfen wir annehmen, dass Sie in dieser Zeit auch den einen oder anderen Pub besucht haben?

Klaus Filbry:(lacht) Sie dürfen.

Würden Sie auch noch im „Red, White and Blue“ von Karen Murphy ein Ale oder Stout trinken gehen?

Filbry:Klar würde ich, warum auch nicht?

Weil die Wirtin aus Portsmouth vor den Europäischen Gerichtshof gezogen ist und dort die zentrale Vermarktung der nationalen Pay-TV-Rechte am Fußball gekippt wurde.

Filbry:Die Frau hat ihr Recht eingeklagt und gewonnen. Ich bin ihr deshalb nicht böse. Der Europäische Gerichtshof hat so entschieden, und das muss man dann akzeptieren.

Der Aufschrei war zunächst groß, weil das Urteil in der theoretischen Konsequenz bedeutet, dass Fans in England oder Deutschland nun Live-Spiele ihrer nationalen Ligen über Pay-TV-Anbieter aus dem EU-Ausland beziehen können. Das wiederum würde die nationalen Anbieter – in Deutschland Sky – schwächen und letztlich zu Mindereinnahmen für die Clubs führen. Teilen Sie die Aufregung?

Filbry:Nein. Ich glaube, dass die Bundesliga und damit auch Werder Bremen von diesem Thema nicht so stark betroffen sein werden – aus mehreren Gründen. Zum einen, weil der aus der Auslandsvermarktung generierte Betrag bei der Bundesliga sowieso signifikant geringer ausfällt als bei der englischen Premier League (die Bundesliga kassiert aktuell pro Saison 50 Millionen Euro durch den Verkauf von Übertragungsrechten ins Ausland, die Premier League 300 Millionen, Anm. d. Red.). Zum anderen ist das, was die Bundesliga ins Ausland verkauft, ein anderes Paket als das der Premiere League.

Worin bestehen die Unterschiede?

Filbry:In England selbst gibt es nicht unbedingt alle englischen Spiele live zu sehen, es werden aber alle Spiele ins Ausland verkauft. Ich kenne das aus Amerika, wo ich auch lange gelebt habe. Wenn Sie dort die Premier League sehen wollen, können Sie Samstag und Sonntag alles sehen. Wenn Sie die Bundesliga sehen wollen, müssen Sie um halb sieben aufstehen und bekommen – wenn überhaupt – das Match of the Day. Vielleicht gibt es zwei oder drei Tage später noch mal eine Zusammenfassung – die Konferenz, alle Spiele live wie hier bei uns in Deutschland, gibt es von der Bundesliga im Ausland so nicht.

Sie meinen also, ein Re-Import dieses Angebots nach Deutschland ist wenig attraktiv?

Filbry:Genau. Angenommen ein Kneipenbesitzer oder auch ein Einzelkunde holt sich eine Lizenz aus dem Ausland, dann bekommt er nicht das, was er hier bekommt. Dann ist der Aufwand sehr groß für sehr wenig Ertrag. Es ist für den Kunden einfach zu kompliziert, sich etwa den Decoder aus Griechenland zu holen, mit einem dann nicht immer vollständigen Paket – das bringt nichts. Deshalb glaube ich, dass das Urteil die Bundesliga nicht wirklich treffen wird. Im speziellen Fall von Frau Murphy war die billige Decoder-Karte aus Griechenland ja nur so attraktiv, weil England eben das komplette Paket an Griechenland verkauft hatte. Wenn also ein Schaden entstehen sollte, wird er am Ende des Tages eher die Premier League treffen als die Bundesliga.

Dennoch: Die Deutsche Fußball-Liga und auch alle Vereine wollten stets der Premier League nacheifern, um irgendwann auch 300 statt 50 Millionen Euro zu verdienen. Ist diese Perspektive nun zerstört?

Filbry:Es ist nicht dahin, aber teilweise muss man das Ausschreibungsmodell überdenken. Das Urteil betrifft nur die Länder, die auch in der Europäischen Union sind. Die Premier League verdient den Großteil dieser 300 Millionen aber nicht in der EU, sondern in Asien, Nord- und Südamerika. Das ist wieder eine andere Rechtekonstellation ohne freien Binnenmarkt.

Erwarten Sie einen Rückgang der Pay-TV-Erlöse in der neuen Rechteperiode?

Filbry:Nein, ich rechne nicht mit einer Reduktion, sondern glaube, dass es eine leichte Steigerung geben wird, weil die bisherigen Erlöse für einige Rechte deutlich Luft nach oben lassen. Wie zum Beispiel beim IPTV (das Internet Protocol Television liefert Bilder für Computer, Handys und andere spezielle Empfänger. Die Telekom hat bei der letzten Rechtevergabe 42 Millionen Euro für die IPTV-Rechte bezahlt, d. Red.). Da gibt es bei einem Vergleichsprodukt eine Disbalance zu Sky, das ungleich mehr gezahlt hat (255 Millionen Euro, d. Red.). Das Schwierige ist, abzusehen, wie sich der Markt in den nächsten fünf Jahren entwickelt.

Was wird sich durch „Murphys Law“ (Murphys Gesetz) denn überhaupt ändern?

Filbry:Ich denke, dass die TV-Rechte in Zukunft europaweit ausgeschrieben werden. Das Recht, das momentan für Deutschland vergeben wird, würde dann für alle EU-Länder mitverkauft. Konkret: Sky oder ein anderer Bewerber würde die Rechte nicht nur für Deutschland, sondern auch für das EU-Ausland erwerben. Damit ist das Thema in der nächsten Rechteperiode schon wieder vom Tisch. Das wird sich alles relativ schnell wieder beruhigen.

Ruhig geworden ist es auch um die „Werder weltweit“-Pläne, die Sie bei Ihrem Amtsantritt im Januar 2010 präsentiert hatten. Durch verstärkte Präsenz wollten Sie die Absatzmärkte in Asien und Nordamerika erobern. Bisher blieb‘s bei einem Trainingslager in Dubai, und das nächste führt wohl wieder in die Türkei.

Filbry:Wir waren auf einem guten Weg, hatten letztes Jahr Einladungen nach Japan und Amerika. Es war alles in trockenen Tüchern. Japan musste dann abgesagt werden wegen des Atomunglücks. Es wäre in die Nähe von Tokio gegangen, ein japanischer Erstligist hatte wegen eines Freundschaftsspiels angefragt. Zudem hatten wir eine Einladung für ein zehntägiges Trainingslager bei Nike. Auch das haben wir abgesagt. Zum einen, weil wir es mit Japan verbinden wollten, zum anderen, weil wir damals im Abstiegskampf steckten. Wir wussten nicht, ob wir am 15. Juli wieder spielen müssen. Da wäre das Risiko zu groß gewesen.

Hat die sportliche Krise der Vorsaison weitere Türen zugeschlagen?

Filbry:Natürlich bringt es wenig, eine Marke international zu vermarkten, wenn man nicht international spielt. Deshalb haben wir das jetzt erst mal geparkt. Wir waren im Osten der Republik und haben dort sicher noch weitere Regionen, die wir erschließen können. Und wir haben mit der Tourismus-Region Zillertal in Österreich einen sehr lukrativen Vertrag abgeschlossen. Wir sind nach wie vor dabei, Märkte für uns zu gewinnen.

Aber in Österreich ist Werder seit einer gefühlten Ewigkeit immer wieder in Trainingslagern.

Filbry:Jetzt haben wir aber einen Werbevertrag, der signifikant ist. Das ist es, worauf es ankommt. Dass wir Verbindungen schaffen, entweder Fans oder Sponsoren gewinnen. Das ist uns jetzt gelungen, das war in der Vergangenheit noch nicht der Fall. Und wenn wir wieder Champions League spielen, kann man sich wieder um solche Themen wie Amerika oder den Nahen Osten kümmern.

Hoffen Sie, in der Ferne möglicherweise auch einen neuen Hauptsponsor zu finden? Die Targobank beendet zum Saisonende ihr Engagement …

Filbry:… bleibt uns aber als Top-Sponsor, der sich weiterhin mit einem siebenstelligen Betrag einbringt, erhalten. Das ist sehr positiv. Denn wenn wir jetzt einen neuen Trikotsponsor finden, der etwa die bislang von der Targobank getragene Summe investiert, haben wir ein absolutes Zusatzgeschäft.

6,5 Millionen Euro pro Saison zahlte die Targobank – ist dieser Betrag wieder zu erreichen?

Filbry:Ich bin da sehr zuversichtlich. Die Suche mit unserem Vermarktungspartner infront läuft, erste Gespräche sind geführt worden.

Zwischenergebnisse?

Filbry:Wir können sagen, dass Werder Bremen in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor sehr gut dasteht und auch für internationale Unternehmen interessant ist. Wenn sich zum Beispiel ein chinesisches Unternehmen auf dem deutschen Markt platzieren will, kann ich mir vorstellen, dass wir da eine gute Adresse sind. · csa/mr

In Teil zwei des Interviews in unserer Montag-Ausgabe spricht Klaus Filbry über Werders finanzielle Situation, die sportliche Wiederauferstehung und die Vertragsverlängerung mit Thomas Schaaf.

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews

Hochgeschlossen ist das neue Sexy

Hochgeschlossen ist das neue Sexy

Neue Autos brauchen neue Marken: Das Phänomen der Submarken

Neue Autos brauchen neue Marken: Das Phänomen der Submarken

Dschungelcamp 2017: Tag vier im Busch in Bildern

Dschungelcamp 2017: Tag vier im Busch in Bildern

Wunderschöner Winter: Das sind die besten Leserfotos 

Wunderschöner Winter: Das sind die besten Leserfotos 

Meistgelesene Artikel

Das sagt Sportchef Baumann zum Grillitsch-Wechsel

Das sagt Sportchef Baumann zum Grillitsch-Wechsel

Wechsel von Janek Sternberg nach Bröndby vor dem Abschluss

Wechsel von Janek Sternberg nach Bröndby vor dem Abschluss

Test gegen Moskau verloren - Capin wechselt zu Davala

Test gegen Moskau verloren - Capin wechselt zu Davala

Wie beliebt ist Werder Bremen in Deutschland?

Wie beliebt ist Werder Bremen in Deutschland?

Kommentare