Heikler Besuch des Papstes in Holocaust-Gedenkstätte

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Papst Benedikt XVI. wird vom israelischen Premierminister Shimon Peres empfangen.

Jerusalem - Es ist ein bewegender und historischer Augenblick in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem: Ein deutscher Papst verneigt sich vor sechs Millionen jüdischen Opfern, legt einen Kranz gelb-weißer Blumen nieder und spricht mit Überlebenden des Massenmords an Juden während der NS-Zeit.

Nur gibt sich Benedikt nicht als deutscher Papst zu erkennen, sondern als Bischof von Rom und Nachfolger Petri. Dann weist das Kirchenoberhaupt mit klaren und unmissverständlichen Worten Holocaust-Leugner in die Schranken. "Mögen die Namen dieser Opfer niemals ausgelöscht werden! Mögen ihre Leiden niemals geleugnet, heruntergespielt oder vergessen werden!", lautet seine zentrale Botschaft.

Juden, Christen und Muslime verfolgen gleichermaßen jeden Schritt und jedes Wort des Papstes im Heiligen Land - und vor allem, was er nicht sagt. Während eines Besuches der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, die an das größte Todeslager der Nationalsozialisten im besetzten Polen erinnert, hatte Benedikt vor drei Jahren noch Bezug auf seine deutsche Staatsangehörigkeit genommen. Dies tat er in Jad Vaschem nicht.

Anders als von vielen Juden erhofft, ging der deutsche Papst auch nicht auf die Rolle der Kirche während der Judenvernichtung ein. Benedikt sprach allein das tiefe Mitgefühl der katholischen Kirche für die Opfer des Holocausts aus. "Während wir hier schweigend stehen, hat ihr Schrei noch ein Echo in unseren Herzen. Es ist ein Schrei gegen jeden Akt von Ungerechtigkeit und Gewalt", sagte er.

Natürlich muss ein Papst bei einer Visite im Heiligen Land die Holocaust-Gedenkstätte aufsuchen, ein deutscher Pontifex allemal. Doch es musste erst eine diplomatische Lösung für Benedikt gefunden werden, weil der von ihm geschätzte Vorgänger Pius XII. im historischen Museum von Jad Vaschem als Oberhirte dargestellt wird, der "weder schriftlich noch mündlich" gegen die Vernichtung der Juden protestiert hat. Das sieht Benedikt ganz anders. Also machte er bei seinem Besuch einen Bogen um das Museum.

Die Beteiligten in Israel spielen die Angelegenheit herunter. Ein Besuch im Museum sei nie im Gespräch gewesen, sagt eine Sprecherin der Gedenkstätte. Andere verweisen darauf, dass Benedikts Besuchsprogramm eins zu eins dem von Vorgänger Johannes Paul II. gleiche. Auch der hatte im März 2000 nur die "Halle der Erinnerung" in Jad Vaschem besucht und nichts zum "Schweigen" des Vatikans während der Zeit der Nazigewalt gesagt.

Seit vielen Monaten liegt die "Akte Pius XII." unerledigt auf dem päpstlichen Schreibtisch im Vatikan - das Seligsprechungsverfahren. Einige Male schon hat Benedikt angedeutet, dass er seine Unterschrift demnächst darunter setzen könnte. Die zuständige Kongregation hatte das Verfahren für die Seligsprechung des umstrittenen Papstes beendet und Benedikt zugesandt. Aber Benedikt hatte auch sondieren lassen, welche politischen und diplomatischen Folgen dieser heikle Schritt -Vorbedingung für eine spätere Heiligsprechung - im Verhältnis zu Judentum und zum Staat Israel haben könnte. Und er wollte wohl den von ihm herbeigesehnten Besuch im Heiligen Land damit nicht belasten.

" Pius XII. ist für die Juden ein ganz sensitives Thema", sagt Rabbiner David Rosen, Vorsitzender des Internationalen Jüdischen Komitees für interreligiöse Angelegenheiten. Eine Heiligsprechung werde als eine Art Schönfärberei einer Periode in der Geschichte der Kirche sowie des Holocausts empfunden.

Benedikt nimmt Eugenio Pacelli (1876-1958) aber immer offener in Schutz, verwahrt sich massiv gegen das negative Bild eines untätigen Stellvertreter Gottes. Dessen Interventionen zur Rettung von Juden seien wohl teils geheim und diskret gewesen, aber einen anderen Weg habe es damals nicht gegeben, "um das Schlimmste zu verhindern und die größtmögliche Zahl von Juden zu retten". So lobte Benedikt 50 Jahre nach dem Tod des Vorgängers einen Oberhirten, den der Vatikan glaubt, nicht verstecken zu müssen. Auch jüdische Wissenschaftler haben eine Lanze für Pius gebrochen, der bedrohten Juden in Rom geholfen und sehr wohl gegen die Verfolgungen Stellung bezogen habe.

Das noch unscharfe Bild des hager-intellektuellen Pius kann erst dann klar genug werden, wenn der Vatikan seine Archive für die Zeit seines Pontifikats geöffnet haben wird. Darum hatte der ehemalige israelische Präsident Eser Weizman bereits beim Besuch von Benedikts Vorgänger vor neun Jahren gebeten. Aber auch jetzt wird das noch dauern.

Von Hanns-Jochen Kaffsack und Hans Dahne, dpa

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