"Paintball" droht Verbot: Erinnerungen an "Cowboy und Indianer"

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Kampfspielen soll es an den Kragen gehen:  Maskierter Paintball-Spieler mit voller Ausrüstung.

Frankfurt/Main - Kampfspiele wie Paintball sollen verboten werden -die Fachleute sind allerdings ziemlich skeptisch.

Zwei Mannschaften treten gegeneinander an, die Spieler verstecken sich hinter Hindernissen und versuchen, die Fahne der Kontrahenten in den eigenen Besitz zu bringen.

Hört sich nach einem temporeichen und spannenden Mannschaftssport an. Wenn da nicht die umstrittenen Gerätschaften wären. Beim Paintball feuern die Teilnehmer mit Luftdruckwaffen Farbkugeln (“paintballs“) aufeinander ab. Damit soll nach Plänen der Großen Koalition bald Schluss sein.

Über den Sinn eines Verbots herrscht allerdings Uneinigkeit. “Paintball ist sittenwidrig. Das wird es in Zukunft nicht mehr geben“, polterte der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz in der “Berliner Zeitung“. Künftig sollen Verstöße gegen das Verbot mit einem Bußgeld von bis zu 5.000 Euro geahndet werden.

Für Paintball gelten in Deutschland derzeit schon strikte Regeln. So darf es zum Beispiel nicht von Personen unter 18 Jahren gespielt werden. Auch ist es nur an bestimmten dafür vorgesehenen Orten erlaubt. So muss beispielsweise eine Erlaubnis des Besitzers vorliegen. Zudem ist sicherzustellen, dass keine Kugel das Gelände verlassen und möglicherweise Unbeteiligte verletzen kann.

Jugendlichen ist das Spiel, das auch “Gotcha“ (von “I got you“) genannt wird, hierzulande generell verboten. Was hat es also mit der Begeisterung für diese so stark reglementierte Freizeitbeschäftigung auf sich? “Zwei Dinge machen den Reiz aus: die Vielzahl an Kombinationsmöglichkeit und die Schnelligkeit des Spielablaufs“, heißt es auf der Internetseite der Deutschen Paintball Liga unter www.dpl-online.de. Auch gebe es viele Anknüpfungspunkte zu anderen Sportarten.

Farbkugeln werden auf die Gegner abgefeuert  

Der Hildesheimer Psychologe Werner Greve sieht einen viel simpleren Grund: “Paintball erinnert manchmal ein wenig an 'Cowboy und Indianer'“, findet er. “Wenn Erwachsene so etwas machen, geht es in manchen Fällen wohl nur um die Beibehaltung eines Spiels. Nur dass es im Alter von sechs Jahren noch genügt, mit einem Holzstock herumzulaufen, während es mit 22 schon etwas spektakulärer sein muss“, fügt der Professor im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP hinzu.

Keine Frage - das Besondere an diesem Spiel ist natürlich das Abfeuern von Farbkugeln auf die Gegner. Wird ein Mitglied der drei-, fünf- oder siebenköpfigen Mannschaft getroffen, scheidet es aus. Die Farbkugeln haben eine Gelatinehülle und sind in aller Regel mit einer Mischung aus Lebensmittelfarbe, Kartoffelstärke und Pflanzenöl gefüllt. Schützen müssen sich die Teilnehmer mit spezieller Kleidung und einer Gesichtsmaske. Zu Ende ist ein Duell, wenn die gegnerische Fahne, die sich am anderen Ende einer Spielzone befindet, in die eigene Startzone gebracht wurde.

Umweltschützern nehmen die eingefleischten Paintball-Spieler auf ihrer Internetseite gleich den Wind aus den Segeln: Die Kugeln seien umweltfreundlich und bei normaler Witterung innerhalb von zwei Wochen biologisch rückstandsfrei abgebaut. Ihre Luftdruckwaffen bezeichnen die Spieler als “Markierer“. Doch auch trotz dieses harmloseren Begriffs fallen sie unter das Waffengesetz. Diese sogenannten erlaubnisfreien Waffen können von Erwachsenen nur bei zugelassenen Händlern erworben werden. Für den Umgang damit gelten ebenfalls spezielle Vorschriften.

Als Konsequenz aus dem Amoklauf von Winnenden ist nun ein Paintball-Verbot vorgesehen. Doch wie sinnvoll ist ein solcher Schritt? Aus der Fachwelt ist jedenfalls vor allem Skepsis zu hören. Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes nimmt kein Blatt vor den Mund: “Das ist ein Paradebeispiel für symbolische Politik und Aktionismus.“ Es werde erneut ein Nebenschauplatz eröffnet. “Und das zeigt, dass das eigentliche Problem überhaupt nicht erkannt wurde“, kritisiert er.

Auf die Motivation kommt es an

Sein Kollege Greve hat zwar nichts gegen ein Verbot einzuwenden, erwartet davon aber auch keine allzu große Wirkung. Für ihn geht es bei der Beurteilung vor allem um die Gründe des einzelnen Spielers: “Man muss dabei ganz unterschiedliche Motivationen unterscheiden, obwohl es auf den ersten Blick um ein und dieselbe Freizeitbeschäftigung zu gehen scheint. Neben den reinen Spielern gibt es sicher auch solche, die etwa ernsthaft das Schießen trainieren. Eine solche paramilitärische Betätigung ist natürlich gefährlicher.“

Einen tieferen Blick in die Paintball-Szene hat der Trierer Soziologie-Professor Roland Eckert im Rahmen einer Studie über gewaltaffine Gruppen Ende der 90er Jahre geworfen. Allerdings lassen die Erkenntnisse nach seinen Worten keine generellen Schlüsse zu. Unter den beobachteten Spielern eines Vereins seien keine Waffennarren gewesen - im Gegenteil: “Dort ging es hochgradig kontrolliert zu. Gefährliche Tendenzen waren nicht zu erkennen“, erzählt der inzwischen emeritierte Professor in der Rückschau. “Das muss aber nicht in jeder Gruppe so sein.“

Daniel Rademacher, ap

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