Schreckensbilanz nach Fabrikeinsturz

Mehr als 600 Tote in Bangladesch

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Die Angehörigen trauern um um die Todesopfer.

Dahaka - Das Unglück nimmt kein Ende: Aus den Trümmern des eingestürzten Gebäudes in Bangladesch bergen Rettungsmannschaften immer mehr Leichen. Die große Hitze sorgt für kaum erträglichen Geruch und schlimme Szenen.

Auch fast zwei Wochen nach dem Einsturz eines Geschäftshauses in Bangladesch werden immer noch Leichen gefunden. Die Zahl der Toten stieg am Sonntag Behörden zufolge auf 622. Seit Mittwoch, als noch 149 Menschen als vermisst galten, seien bereits mehr als 200 Leichen geborgen worden, teilte die Polizei am Sonntagabend mit. Rettungskräfte mühten sich an der Unglücksstelle in Savar nahe der Hauptstadt Dhaka, mit Kränen und schwerem Gerät die Trümmer der ehemals achtstöckigen und teils illegal errichteten Textilfabrik wegzuräumen. Die große Hitze und der Geruch der verwesenden Körper erschwerten die Bergungsarbeiten.

„Die Körper stinken. Wir benutzen hier Raumspray, um arbeiten zu können“, sagte Feuerwehrmann Mohibul Alam. Seit dem Unglück am 24. April stiegen die Temperaturen auf bis zu 32 Grad. Viele Körper seien bereits verwest oder bei dem Unglück bis zur Unkenntlichkeit zerstört und nicht mehr identifizierbar, hieß es. Andere seien nur anhand ihres Ausweises zuzuordnen, sagte Feuerwehrmann Alam. Retter suchten nun gezielt im Erdgeschoss unter herabgestürzten Teilen ehemaliger Zementböden und Wände nach weiteren Leichen.

Illegal errichtete Stockwerke

Das Unglück ist das schwerste in der Geschichte der Textilindustrie des Landes, die jährlich umgerechnet etwa 15 Milliarden Euro Umsatz macht und für internationale Marken produziert. Auch im eingestürzten Gebäude namens Rana Plaza hatten ausländische Marken ihre Zulieferer sitzen. Doch nur die britisch-irische Billigkette Primark und die kanadische Loblaw bekannten sich bisher öffentlich dazu, dass zum Zeitpunkt des Unglücks dort an ihren Kollektionen gearbeitet wurde.

Behörden machten schlechtes Baumaterial in Verbindung mit den Vibrationen der Nähmaschinen der fünf Fabriken für den Einsturz verantwortlich. Drei der acht Stockwerke waren illegal errichtet worden. Noch am Vortag des Einsturzes waren Risse am Gebäude entdeckt worden, und der Eigentümer Mohammed Sohel Rana rief einen Gutachter herbei. Dieser riet eigenen Worten zufolge, das Gebäude zu räumen. Doch Rana soll die Arbeiter am folgenden Tag mit den Worten zur Arbeit geschickt haben, das Gebäude sei sicher. Er wurde festgenommen, jedoch noch nicht angeklagt.

Tödlicher Hochhauseinsturz in Bangladesch

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Rana wird sich aller Voraussicht nach wegen Fahrlässigkeit und illegalen Baus vor Gericht verantworten müssen. Zudem dürfte ihm zur Last gelegt werden, Arbeiter zur Arbeit gezwungen zu haben. Das Unglück fachte einmal mehr die Kritik an den teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Textilfabrik des Landes an. Dabei hatte die Regierung in Dhaka 2012, nach einem Brand in einer Textilfabrik mit 112 Toten, mehr Sicherheit und strengere Inspektionen versprochen.

EU-Handelskommissar Karel de Gucht forderte die Regierung am Sonntag einmal mehr auf, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. „Wir werden der bangladeschischen Regierung sehr deutlich machen, dass sie sofort und mit einem genauen Zeitplan Maßnahmen ergreifen muss“, sagte er dem Sender Sky News. Ansonsten werde die EU eine Untersuchung durchführen, die zu Handelsbeschränkungen führen könnte.

Auch der Lohn der Arbeiter geriet im Zusammenhang mit dem Unglück in die Kritik. Der Mindestlohn in der Branche verdoppelte sich nach gewalttätigen Protesten in diesem Jahr zwar auf 38 Dollar im Monat. Nach Daten der Weltbank lag das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen aber sogar in Bangladesch 2011 bei 64 Dollar.

ap

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