Per Webcam Öffentlichkeit für Behinderte schaffen

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Anne Lamic.

Paris - Um der Bevölkerung zu zeigen, dass Behinderungen realer Bestandteil des Alltags sind, will ein Vater das Leiden seiner bettlägerigen Tochter per Webcam im Internet zeigen. Das sorgt für Diskussionsstoff.

Eine infantile Zerebralparese hat Anne Lamic zur Schwerstbehinderten gemacht. Wegen dieser frühkindlichen Hirnschädigung ist die 32-jährige Französin auf dem körperlichen und geistigen Entwicklungsstand eines Säuglings stehengeblieben. Sie liegt die meiste Zeit nur im Bett, kann weder sprechen noch laufen und hat mitunter epileptische Anfälle. Nach dem Wunsch ihrer Eltern soll sich dieses Leben nun nicht mehr im Verborgen abspielen, sondern per Webcam im Internet übertragen werden.

Er wolle damit den Problemen von Behinderten mehr Öffentlichkeit verschaffen, erklärt Vater Didier Lamic aus Tallard südlich von Grenoble: “Die Menschen sollen sehen, dass Behinderungen ein realer Bestandteil des Alltags sein können.“ Und dabei hoffe er, dass die Zuschauer die Videos seiner Tochter mit Sympathie und Liebe verfolgen mögen.

Kontroverse in Frankreich ausgelöst

In der französischen Bevölkerung hat der Plan eine Kontroverse ausgelöst. Einige Behindertenverbände beklagen, dass die Betroffene keinerlei Mitspracherecht an der Sache habe. “Werden die Zuschauer das Leben dieser jungen Frau wirklich mit Wohlwollen verfolgen?“ fragt Monique Rongières von der Gruppe Polyhandicap France. “Da bin ich mir nicht sicher.“ Vielmehr befürchtet Rongières einen geschmacklosen Voyeurismus aus reiner Sensationsgier.

Maudy Piot vom Verband FDFA, der die Rechte behinderter Frauen vertritt, ist anderer Meinung. “Lasst uns endlich damit aufhören, andersartige Menschen zu verstecken“, sagt sie zur Unterstützung von Didier Lamic. Zudem weisen Piot und andere Aktivisten darauf hin, dass die Versorgung und vor allem die Integration von Schwerstbehinderten in Frankreich noch viele Lücken aufweise. Auch darauf müsse öffentlich aufmerksam gemacht werden.

Behinderte nicht länger ausschließen

Genau dieses Ziel verfolgen Didier Lamic und seine Frau Chantal, die zugleich betonen, dass sie nicht zuletzt Leidensgenossen erreichen wollten. “Viele betroffene Familien haben das Gefühl, dass ihre Kinder für immer ausgeschlossen sind, gefangen in einer Welt, wo die Menschen sie nicht sehen und nichts über ihre Existenz wissen“, erklärt der Vater von Anne. Er hat bereits eine Website mit Bildern aus dem Leben der 32-Jährigen eingerichtet. Auf Fotos sieht man sie dort in ihrem Bett liegen, umgeben von Stofftieren. Kritiker haben wiederholt die Frage gestellt, warum die Eltern nicht öfter mit ihr nach draußen gehen, wenn sie auf Öffentlichkeit so viel Wert legten.

Laut Didier Lamic ist dies jedoch schwierig, weil Anne die meiste Zeit liegen muss. Didier und Chantal Lamic haben sich seit der Geburt von Anne unermüdlich um sie gekümmert. Sie betonen, dass ihre Tochter nicht bei der Körperpflege oder in anderen sehr privaten Situationen gefilmt werden solle. Seit Bekanntwerden seines Vorhabens habe er schon mehr als 600 Internet-Botschaften erhalten, und die meisten seien positiv gewesen, sagt der Vater. Jean-Marie Barbier vom Verband der Gelähmten in Frankreich sieht dies indes mit Skepsis. Soweit er die einschlägigen Blogs analysiert habe, werde das Vorhaben vor allem von Menschen unterstützt, die noch nie etwas mit Behinderten zu tun gehabt hätten. “Sie schreiben, dass sie beim Studium der Website über Anne Tränen vergossen hätten“, sagt Barbier. “Aber ich bin mir nicht sicher, ob das der Sache von Behinderten etwas nützt.“

AP

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