Vermisste Maddie vielleicht noch am Leben

London - Neue Beweise im Fall der seit 2007 verschwundenen Maddie McCann: Nach Aussage der britischen Polizei könnte das britische Mädchen doch noch gefunden werden.

Die blonden Haare fallen bis zu den Schultern, die grau-grünen Augen mit dem markanten Fleck sind so durchdringend wie eh und je: Seit fast genau fünf Jahren ist das britische Mädchen “Maddie“ spurlos verschwunden. Doch mit Hilfe der Eltern Gerry und Kate McCann hat die britische Polizei nun ein neues Bild herausgebracht, wie Madeleine heute, im Alter von neun Jahren, aussehen könnte. Verbunden hat sie das mit einem Appell an die portugiesische Polizei, den Fall neu aufzurollen. Es gebe Ermittlungslücken und es könne deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass “Maddie“ noch lebt. Ein Hoffnungsfunke, der sich am Mittwoch wie ein Feuer ausbreitete.

Madeleine war knapp vier Jahre alt, als sie verschwand.

Welche neuen Anhaltspunkte die Briten haben, sagen sie nicht im Detail. Es gebe Lücken im bisher festgestellten zeitlichen Verlauf, erklärte Andy Redwood von Scotland Yard. “Wir glauben, dass es sich hier um eine Straftat handelt, und dass sie von einem Fremden entführt wurde.“ Die Entscheidung, ob die Akte neu aufgeschlagen werde, liege bei Portugal. Dort verschwand “Maddie“ einst und dort waren die Ermittlungen 2008 mit der Begründung eingestellt worden, es gebe keine Hinweise auf ein Verbrechen. In Großbritannien löste das einen Sturm der Entrüstung aus - mit dem Finger wird seit Jahren auf Ermittlungspannen der portugiesischen Behörden gezeigt.

Vor gut einem Jahr hatten die Briten begonnen, zu überprüfen, ob es wirklich keine Hinweise auf ein Verbrechen gebe. London habe bisher fast 200 neue Ermittlungsstränge ausgearbeitet, die man verfolgen könne, erklärte Scotland Yard. Das Material - zum ersten Mal eine Zusammenstellung aus Unterlagen der portugiesischen und britischen Polizei sowie der von Madeleines Eltern beauftragten Privatdetektive - werde man an Portugal weitergeben. Die portugiesische Polizei, die zusammen mit der Justiz über eine Wiederaufnahme entscheiden müsste, wollte zunächst nichts sagen.

Das Alterungsbild veröffentlicht am 25.04.2012 von der Metropolitan Police London zeigt, wie die verschwundene Madeleine McCann im Alter von Neun Jahren aussehen könnte.

“Maddie“ hat die Menschen auch in Deutschland derart bewegt, dass jede noch so kleine neue Nachricht bis heute gleich Aufruhr und weltweit Schlagzeilen auslöst. Die Eltern haben daran einen großen Anteil: Seit Madeleine am 3. Mai 2007 kurz vor ihrem vierten Geburtstag aus einer Ferienanlage im portugiesischen Praia da Luz verschwand, suchten die McCanns äußerst öffentlichkeitswirksam nach ihr. Dabei gab es auch viel Kritik an den beiden Briten, die zeitweise sogar selber ins Visier der Ermittler gerieten.

Warum die britische Polizei gerade jetzt wieder auf Portugal zugeht, darüber kann nur gerätselt werden. Demnächst jährt sich das Verschwinden des Mädchens zum fünften Mal. Scotland Yard steht genauso wie die britische Regierung unter Druck. Die wegen mehrerer anderer Affären ins Zwielicht geratene Londoner Polizei muss zusehen, dass sie in dieser Sache nicht auch noch in die Kritik gerät.

Premierminister David Cameron hatte über seine ebenfalls politisch angeschlagene Innenministerin Theresa May persönlich die Untersuchungen in Auftrag gegeben. Zwei Millionen Pfund (2,4 Millionen Euro) kosteten sie bisher. Vor allem Familien, die ein ähnliches Schicksal wie die McCanns erlitten haben, fragen nun öffentlich: Ist das Geld gerecht verteilt? Ergebnislose Untersuchungen wären politisch kaum zu verkaufen.

Zu diesem Thema wolle er nichts sagen, erklärte Redwood. “Wir wollen den Fall zum Abschluss bringen.“ Das sei das letztendliche Ziel.

Eine Sorge der Beteiligten dürfte auch die Stimmung der Bevölkerung in Portugal sein - dort gelten die McCanns in weiten Teilen als Schuldige - Vorwürfe, dass die Eltern selbst hinter “Maddies“ Verschwinden stecken, gibt es schon seit Beginn des Falles. Der frühere britische Innenminister Alan Johnson bat nun in einer Sendung der BBC erneut Cameron um Hilfe. Der solle mit einer “Charmeoffensive“ die portugiesische Regierung dazu bringen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Der rätselhafte Fall Maddie - ein Rückblick:

3. Mai 2007: Madeleine verschwindet aus einer Luxus-Ferienanlage in Praia da Luz an der portugiesischen Algarve-Küste. Die Eltern, ein britisches Ärzte-Paar, waren in der Nähe der Ferienanlage beim Abendessen. Ihre drei Kinder ließen sie schlafend zurück.

7. Mai: Im britischen Fernsehen fleht Madeleines Mutter mögliche Entführer an, das Kind freizulassen. Die Eltern wenden sich mit einer Medienkampagne an die Öffentlichkeit. Fotos der blonden Maddie gehen um die Welt. Kurz darauf ruft Fußballer David Beckham zur Hilfe auf. Prominente setzen vier Millionen Euro als Belohnung für Hinweise aus.

15. Mai: Die Polizei verdächtigt einen Briten. Er bestreitet die Vorwürfe.

5. August: Leichenspürhunde sollen Spuren entdeckt haben, die darauf hindeuten, dass Madeleine im Hotelzimmer gestorben ist. Die Spuren stammen aber wahrscheinlich nicht von dem Mädchen. Dennoch gehen die Ermittler davon aus, dass Madeleine in der Wohnung umgekommen ist. Die Fahnder konzentrieren sich auf die Eltern und deren Bekannte.

6. September: Beide Eltern gelten nun offiziell als Verdächtige. Medien zufolge geht die Polizei davon aus, dass es ein „Unglücksfall“ war und sie die Leiche verborgen haben.

Juli 2008: Die portugiesische Polizei stellt die Ermittlungen ohne Ergebnis ein. Für ein Verbrechen gebe es keine Beweise. Der Fall sei aber noch nicht zu den Akten gelegt.

Januar 2009: Ein Team ehemaliger Fahnder von Scotland Yard hat sich im Auftrag der Eltern auf die Suche nach Madeleine gemacht, wie Medien berichten. Finanziert wird die Aktion von einem wohlhabenden Geschäftsmann.

Mai 2009: Zwei Jahre nach Maddies Verschwinden flehen ihre Eltern mögliche Entführer um die Freilassung ihre Tochter an. Sie nutzen dazu ein Gespräch mit der US-Talkshow-Queen Oprah Winfrey, das Millionen Zuschauer sehen.

März 2010: Die Eltern fordern Einsicht in Ermittlungs-Unterlagen, die die portugiesische Polizei ihnen bisher vorenthalten haben soll.

März 2011: Madeleines Eltern protestieren vergeblich gegen den Verkauf eines Buches, das der portugiesische Ex-Chefermittler Gonçalo Amaral über den Fall geschrieben hat. Er vertritt im Kern die These, dass das Kind im Jahr 2007 bereits im Urlaubshotel der Familie in Portugal gestorben ist und nicht entführt wurde. Die Eltern hätten etwas mit dem Verschwinden zu tun gehabt.

Mai 2011: Die Mutter Kate McCann veröffentlicht ein Buch mit ihrer Version der Geschichte. In den Memoiren beschreibt sie unter anderem ihre Qualen und Zerrissenheit nach dem Verschwinden ihrer Tochter, die sie an den Rand des Zusammenbruchs gebracht habe. Nach außen sei sie aber immer gefasst aufgetreten.

Mitte Mai 2011 kündigt die britische Polizei an, den Fall erneut zu untersuchen. Die Ermittlungsakten würden erneut überprüft, kündigt Premierminister David Cameron an.

25. April 2012: Die britische Polizei erklärt, dass Maddie möglicherweise noch am Leben ist.

dpa

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