Entführte Deutsche im Jemen: Seit drei Jahren kein Lebenszeichen

Bautzen - Entführt und kein Lebenszeichen seit 2009 - ein Paar aus Ostsachsen und ihr jüngstes Kind sind im Jemen verschollen. Die Angehörigen leben nur schwer mit der Ungewissheit.

Vor fast genau drei Jahren verschwanden Sabine und Johannes Hentschel mit ihren drei Kindern im Jemen. Die Töchter Anna und Lydia konnten im Mai 2010 aus der Geiselhaft befreit werden. Von den bei der Entführung 36 Jahre alten Eltern und ihrem damals knapp einjährigen Sohn Simon fehlt bis heute jede Spur. “Wir müssen davon ausgehen, dass sie tot sind“, räumt Reinhard Pötschke ein. Der Schwager des vermissten Familienvaters spricht von einer bitteren Bilanz: Leider gebe es seit langem keine neuen Erkenntnisse über das Schicksal der Geiseln. Bei einem Gottesdienst in Bautzen soll am 16. Juni Fürbitte für sie gehalten werden.

Gottfried (2.v.l.) und Ruth Hentschel (l), die Eltern der im Jemen entführte Familie aus der Lausitz, und der Sprecher der Familie, Reinhard Pötschke, stehen während des Friedensgebets in der Nikolaikirche Leipzig.

Die Krankenschwester und der Ingenieur aus Meschwitz bei Bautzen waren am 12. Juni 2009 nördlich von Jemens Hauptstadt Sanaa verschleppt worden, zusammen mit ihren Kindern und vier Kollegen aus einem staatlichen Krankenhaus, in dem sie arbeiteten. Drei Erwachsene aus der Gruppe - zwei deutsche Pflegehelferinnen und eine südkoreanische Lehrerin - wurden später erschossen gefunden. Die heute sechs und acht Jahre alten Töchter der Hentschels kehrten unmittelbar nach ihrer Rettung in die Heimat zurück.

Die Angehörigen wünschen sich weiter die Aufklärung des von Anfang an undurchsichtigen Entführungsfalles. “Es ist alles sehr dunkel und mysteriös geblieben“, meint Pötschke. Es fehle ein Ermittlungsansatz. “Ich bete für eine letzte Gewissheit“, sagt Pötschke. Er ist Geistlicher in einer freikirchlichen Gemeinde in Radebeul. Er weiß, dass es wegen der politischen Unruhen im Jemen nicht einfacher geworden ist, Licht ins Dunkel zu bringen.

Eher zurückhaltend äußert sich das Auswärtige Amt zum Schicksal der Familie Hentschel. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) habe während seiner Jemen-Reise im März 2012 um weitere Hilfe bei der Aufklärung gebeten, ließ eine Sprecherin lediglich verlauten. In einer Reisewarnung für den Jemen beschreibt das Ministerium die Lage im ganzen Land als “weiterhin unübersichtlich“. “Es bestehen erhebliche Risiken durch interne Konflikte, terroristische Anschläge und Stammeskonflikte.“

“Die Ungewissheit belastet“, sagt Jan Mahling, evangelischer Pfarrer in der Bautzener Michaeliskirche. Das ungeklärte Schicksal des verschollenen Ehepaars und seines kleinen Sohnes sei eine schwierige Situation für die Angehörigen. Beim Fürbittgottesdienst am 16. Juni sollen sie Trost und Unterstützung spüren, wie schon in den beiden Vorjahren zum Jahrestag der Entführung. Die vermissten Eltern seien in der Michaeliskirche getraut worden.

Die aus der Geiselhaft geretteten Mädchen machten unterdessen “eine ganz normale Entwicklung“ durch, berichtet Pötschke. Nach ihrer Rückkehr aus dem Jemen hätten Anna und Lydia zunächst nur Arabisch miteinander gesprochen. Zudem nannten sie sich Fatima und Sarah. Das ältere Mädchen gehe inzwischen in die Schule, das jüngere in den Kindergarten. Die beiden Schwestern lebten in der Obhut der Großfamilie in Ostsachsen. Ihr verschwundener Vater ist das jüngste von sieben Geschwistern.

Auch wenn die Mädchen wieder im Alltag und im neuen Umfeld angekommen sind, steht für ihren Onkel fest: “Der Verlust der Eltern wird immer ihr Leben bestimmen.“ Dennoch bleibe ein Rest Hoffnung, dass die Vermissten heimkehren. “Vielleicht geht irgendwann die Tür auf.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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