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Steigende Preise – Experten befürchten: „In Afrika werden Menschen hungern müssen“

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Von: Jennifer Köllen

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Experten blicken mit Sorge auf die steigenden Mehlpreise. Sie vermuten, dass sich arme Menschen in Afrika bald kein Brot mehr leisten können. Eine Analyse.

Kiel – Die Deutschen horten gerade Mehl, viele Supermarktregale sind bereits leer. Die Sorge: Da die Ukraine und Russland große Getreide-Exporteure sind, und beide erstmal nicht liefern, wird Mehl jetzt knapp und somit teuer.

Was viele nicht wissen: Deutschland produziert selbst genügend Mehl, um es exportieren zu können. Hierzulande ist der Nachschub also gesichert. Hamsterkäufe von Mehl in Supermärkten und Discountern wie Edeka, Aldi oder Lidl sind laut Experten nicht notwendig. Doch es stimmt: Mehl wird in der nächsten Zeit weltweit knapper werden. Denn Russland und die Ukraine decken durch ihren Export zusammen ein Drittel des weltweiten Bedarfs an Getreide.

Doch die Ukraine kann durch den Krieg nicht liefern, auch Russland hat jetzt den Export gestoppt. Dadurch steigen die Getreidepreise immer weiter. Die Folge: Viele Menschen in Afrika werden sich bald nur noch wenig Brot leisten können, befürchten Experten. Es droht der Hunger.

Russland stoppt Getreide-Export: Mehlpreise steigen um 30 Prozent

Die Ukraine kann nicht liefern wegen des Krieges, und auch Russland hat am Montag gemeldet, den Export von Weizen, Gerste und Roggen zeitweise einzustellen. Damit solle der Bedarf im Land wegen des Ukraine-Kriegs gesichert und ein Anstieg der Mehlpreise in Russland verhindert werden. Doch diese Lieferungen fehlen jetzt anderen Ländern in der Welt. Und da auch der deutsche Mehlpreis an den Weltagrarmarkt gekoppelt ist, kommt er hierzulande gerade zu Preissteigerungen von 30 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor dem Ukraine-Konflikt.

Doch nicht nur Mehl wird teurer. Sondern auch alle Lebensmittel, die aus Getreide zubereitet werden: Nudeln, Brötchen, Bier. Da auch Tiere mit Getreide gefüttert werden, kann es auch sein, dass Fleisch, Butter und Milch teurer werden.

Brote auf einem Markt in Marokko
Brote auf einem Markt in Marokko: Experten sind wegen den steigenden Mehlpreisen um die Menschen in Afrika besorgt. © Harald Biebel/imago

Das ist ärgerlich. Doch nicht nur das: Für Geringverdiener wird es natürlich zu einem Problem, wenn viele Lebensmittel teurer werden. Die gute Nachricht: Bei uns in Deutschland werden die Auswirkungen wohl moderat bleiben. Experten des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW Kiel) schätzen, dass der Getreidepreis langfristig nur um 2 Prozent (im Vergleich zu 2021) höher sein wird.

Auch Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) macht gegenüber kreiszeitung.de ein Versprechen. „Der Lebensmitteleinzelhandel wird mit seinem Preiseinstiegsbereich auch Verbrauchern ein Angebot machen, die sehr genau auf ihre monatlichen Ausgaben schauen müssen.“

Russland stoppt Getreide-Export: Experten sorgen sich um Afrika

Ganz anders sieht es jedoch bei den Menschen in Afrika aus. Denn diese sind stark auf die Getreide-Exporte aus Russland und der Ukraine angewiesen. „Da wird sich die dortige Versorgungssituation spürbar verschlechtern“, weiß Hendrik Mahlkow, Handelsforscher am IfW Kiel.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Tobias Heidland, Direktor des Forschungszentrums Internationale Entwicklung, hat Mahlkow an einem Modell simuliert, welche langfristigen Folgen ein Handelsstopp mit Getreide aus der Ukraine für Afrika hätte. Demnach wären insbesondere Tunesien und Ägypten negativ betroffen.

Handelsmodell KITE (Kiel Institute Trade Policy Evaluation)
Dieses Modell zeigt, wie stark die Getreide- und Weizen-Preise in Afrika steigen werden. © Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel)

„Die zentrale Bedeutung der Ukraine für Afrikas Lebensmittelversorgung wird aus unseren Modellrechnungen deutlich. Die Ukraine ist als Getreidelieferant auch langfristig nicht zu ersetzen. Ihr Ausfall verschlechtert Afrikas Versorgung und treibt auch die Preise in die Höhe“, so Mahlkow. Wohlgemerkt wurden im Modell noch nicht die Auswirkungen berechnet, welche der Export-Stopp aus Russland zusätzlich haben wird.

In Tunesien würde laut Simulation Getreide langfristig um über 24 Prozent teurer, in Algerien und Libyen um knapp 9 Prozent. Der dauerhafte Anstieg des Weizenpreises läge in Kenia bei fast 9, in Uganda bei fast 8 Prozent.

Das Problem: Die Lebensmittelpreise in Afrika waren zuletzt wegen der weltweiten Dürren (Klimawandel) und der steigenden Nachfrage Chinas und Indiens ohnehin schon stark gestiegen – sogar um bis zu 30 Prozent. Verschärft wird die Lage jetzt nochmals durch gestiegene Energiekosten und den Export-Stopp von Getreide wegen des Ukraine-Konflikts.

Stopp von Russlands Getreide-Exporten: Entwicklungsorganisationen besorgt – Menschen in Slums können sich Brot bald nicht mehr leisten

Doch die Preissteigerungen sowie der Stopp von Russlands Getreide-Exporten wären nicht so schlimm, wenn sich die Menschen die Preise leisten könnten. Das können viele in Afrika aber nicht – auch wegen Corona. „Viele Menschen konnten hier während des Lockdowns nicht arbeiten, haben ihr ganzes Geld gebraucht, um über die Runden zu kommen“, sagt Prof. Dr. Tobias Heidland, Direktor des Forschungszentrums Internationale Entwicklung in Kiel, zu kreiszeitung.de.

Die ärmeren Menschen in Afrika würden ohnehin 50 Prozent ihres Geldes für Nahrungsmittel ausgeben. Wenn Brot und andere Mehlprodukte jetzt um 30 Prozent teurer würden, könnten sich Menschen in den Slums diese Preise schlicht nicht mehr leisten.

Stopp von Russlands Getreide-Exporten: Unterversorgung sorgt für schwere Folgen bei der Kindesentwicklung

„Dann sparen sie eher am Essen, als an der Miete oder den Schulkosten. Wenn Kinder aber unterversorgt sind, kommt es zu schweren Folgen bei der Kindesentwicklung“, so Heidland über die Auswirkungen für Afrika druch Russlands Stopp der Getreide-Exporte.

Er weiß: „In den Slums kann der Preisanstieg zu einem großen Problem für Millionen von Menschen werden. Wir haben mit vielen Vertretern von afrikanischen Entwicklungsorganisationen gesprochen. Alle sind sehr besorgt darüber, was wohl in den nächsten Wochen passieren wird.“ Auch die Leiter des UN World Food Programme würden die Situation als sehr problematisch einschätzen.

Afrikanische Länder unterstützen: Hungersnot droht durch Russlands Stopp der Getreide-Exporte

Um so ein Szenario in Zukunft zu vermeiden, sollte die internationale Gemeinschaft afrikanische Länder jetzt verstärkt dabei unterstützen, ihre Lebensmittelproduktion zu verbessern, sagt Heidland. „Dies würde sie langfristig widerstandsfähiger gegenüber Angebotsschocks machen und ist auch im Hinblick auf den sich verstärkenden Klimawandel eine kluge Strategie.”

Wie hart die Menschen in Afrika der russische Export-Stopp an Weizen und Getreide treffen wird, wollen die Kieler Forscher an einem weiteren Modell simulieren. Die Prognose: Die Preise für Mehl und Brot werden in Afrika noch höher steigen, als bisher angenommen. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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