Unwetter

Tausende vor Überschwemmungen in Australien auf der Flucht

Hochwasser
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Ein Schild mit Warnhinweis auf einer überfluteten Straße bei Windsor. Tagelanger Starkregen hat im Osten Australiens die schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten ausgelöst.

Erst im vergangenen Jahr wüteten Feuer, nun erlebt Australien die schlimmsten Überflutungen seit Jahrzehnten. Klimaexperten schlagen Alarm.

Sydney (dpa) - Tagelanger Starkregen hat im Südosten Australiens zu einem katastrophalen Hochwasser und der Evakuierung ganzer Ortschaften geführt. Häuser, Autos, selbst Pferde, Kühe und Kängurus wurden von den Fluten mitgerissen. Straßen, Brücken und Felder standen meterhoch unter Wasser.

Nach einem bereits verheerenden Wochenende stiegen die Pegelstände zahlreicher Flüsse auch am Montag weiter an. «Ich habe noch nie einen solchen Regen gesehen», sagte der Chef des Katastrophenschutzes von New South Wales, Shane Cribb, dem Sender ABC. Es ist bereits von einer «Jahrhundertflut» die Rede.

«Ich habe bei vielen Überschwemmungen mitgearbeitet, aber dies ist die größte, mit der ich je zu tun hatte», so Cribb. Entlang eines 900 Kilometer langen Streifens an der Ostküste wurden bislang 18.000 Menschen in Sicherheit gebracht, davon 15.000 in der Region nördlich von Sydney und 3000 in West-Sydney, erklärte die Premierministerin des Bundesstaates New South Wales, Gladys Berejiklian.

Viele haben alles verloren. Ein Mann aus Telegraph Point am Pacific Highway erzählte der Zeitung «Sydney Morning Herald» von seinen traumatisierten Eltern Milton und Vicky, die vor dem Nichts stehen. «Das Wasser war höher als ihr Türrahmen und hat alles mitgerissen, persönliche Dokumente, ihre Sachen, Computer, Kühlschränke, alles. Sie haben nichts mehr.» 40 Jahre habe das Paar in dem Haus gewohnt. «Ihr ganzes Leben befand sich in diesen vier Wänden.»

Speziell in Gebieten, die in unmittelbarer Nähe von Flüssen liegen, wurden die Bürger aufgefordert, schon vor einer offiziellen Evakuierung wichtige Dinge zusammenzupacken und die Flucht zu ergreifen. In vielen Regionen versuchten die Menschen ihre Häuser mit Sandsäcken vor den Wassermassen zu schützen. In Supermärkten in abgeschnittenen Orten wurden bereits Lebensmittel knapp.

«Wir haben die Katze im Auto, dazu wichtige Dokumente und ein paar Kissen», sagte eine vierfache Mutter aus Kempsey, 450 Kilometer nordöstlich von Sydney, dem Sender 9News. Der Macleay River stand kurz davor, über die Ufer zu treten und die ohnehin schon vom Regen überschwemmte Stadt komplett zu fluten. «Die Leute haben Angst. Niemand weiß, was passieren wird», erklärte eine Anwohnerin. Die einzige gute Nachricht: «Wir sind dankbar, dass es bisher keine Todesopfer zu beklagen gibt», sagte Premierminister Scott Morrison.

Betroffene berichteten von Spinnen-Invasionen an ihren Häuserwänden und Zäunen. Abertausende der teils giftigen Krabbeltiere versuchten sich in höherem Terrain in Sicherheit zu bringen. «Das ist das Zeug, aus dem Alpträume gemacht sind», meinte der Sender «ABC». «Ich bin total ausgeflippt, sowas habe ich noch nie gesehen», berichtete Melanie Williams aus der Kleinstadt Macksville. Experten zeigten sich hingegen fasziniert. Das Phänomen mache deutlich, dass die Spinnen ja immer da seien, man sie nur normalerweise nicht sehen könne, hieß es.

Derzeit gelten Unwetterwarnungen für knapp die Hälfte der 25 Millionen Menschen und ein Gebiet, das etwa die Größe von Alaska hat, wie die Meteorologiebehörde twitterte. «Für rund zehn Millionen Australier in jedem Staat und Territorium - mit Ausnahme von Western Australia - gibt es eine Warnung, weil zwei große Wettersysteme zusammenprallen.»

Die Behörden hatten die Lage in Teilen von New South Wales schon am Sonntag als Naturkatastrophe eingestuft. Einige Orte erlebten die schlimmsten Fluten seit 1929, hieß es. In der Gegend von Port Macquarie, einem beliebten Badeort, regnete es mancherorts in sechs Tagen fast 900 Liter pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2019 waren in dem Städtchen nur 514 Liter pro Quadratmeter gefallen - es war Experten zufolge das trockenste Jahr seit 1870.

Katastrophen wie diese noch als «Jahrhundertereignisse» zu definieren, beschreibe die Situation falsch, betonte der frühere UN-Sonderbeauftragte für Katastrophenvorsorge, Robert Glasser, in einem Kommentar im «Sydney Morning Herald». «Solche Bezeichnungen basieren auf Australiens historischen Erfahrungen mit Hochwasser in einem stabilen Klima - und nicht in einem, in dem die globale Durchschnittstemperatur inzwischen um mehr als ein Grad gestiegen ist und wahrscheinlich um mindestens zwei Grad steigen wird.»

Der Australier erinnerte an die verheerenden Buschbrände, die von August 2019 bis März 2020 über zwölf Millionen Hektar Land verwüstet hatten. Aufeinanderfolgende Katastrophen wie die Feuer und nun die Fluten seien schon bald die «neue Normalität», so Glasser. «Eins ist sicher: Wir werden kläglich darin versagen, Australier zu schützen, wenn wir den Fokus hauptsächlich darauf legen, auf Katastrophen zu reagieren, wenn sie schon eingetreten sind.» Stattdessen gelte es, mehr Energie und Finanzen in eine robuste Struktur mit der notwendigen Widerstandsfähigkeit gegen Naturkatastrophen zu stecken.

© dpa-infocom, dpa:210321-99-907329/7

Videoaufnahmen von Berejiklians Pressekonferenz

Video auf news.com.au

Menschen paddeln mit ihrem Boot durch das Wasser in einem Vorort von Sydney.
Wassermassen in Old Pitt Town. Rund 18.000 Menschen mussten ihr zu Hause verlassen.

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