Forscher warnen: Ausmaß des Klimawandels wird unterschätzt

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Werden die Folgen des Klimawandels von der Politik unterschätzt? Demonstranten in Berlin protestieren gegen eine Politik, die die Erderwärmung ungenügend reduziert.

Kiel - Das tatsächliche Ausmaß des zu erwartenden Klimawandels wird aktuellen Studien zufolge deutlich unterschätzt. Nach Einschätzung der Forscher werden Rückkopplungsmechanismen zu wenig berücksichtigt.

Im Pliozän vor fünf Millionen Jahren habe es wesentlich höhere Temperaturen als heute gegeben, obwohl die CO2-Konzentrationen kaum höher gewesen seien, berichteten die Kieler Klimaforscher Ralph Schneider und Birgit Schneider am Mittwoch in Kiel. Sie haben weltweite Forschungsarbeiten zum Klima der Vergangenheit in der Fachzeitschrift “Nature Geoscience“ zusammengefasst.

Nicht nur die Kohlendioxid-Konzentration, sondern auch andere, bisher eher vernachlässigte Komponenten spielten eine Rolle für die Erderwärmung. Die mittleren Temperaturen im Pliozän (vor rund fünf bis zwei Millionen Jahren) lagen nach Angaben der Experten etwa drei bis fünf Grad höher als heute. Die Konzentration von Kohlendioxid in der Luft betrug etwa 400 ppm (Teilchen pro eine Million Luftteilchen).

Die aktuellen Klimapolitik verfolgt das Ziel, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu beschränken, um die globalen Auswirkungen des Klimawandels noch beherrschen zu können. Nach Einschätzung des Weltklimarates (IPCC) muss die CO2-Konzentration in der Luft auf maximal 450 ppm begrenzt werden, wie die Kieler Experten nochmals betonten. Heute liegt der Wert bei 386 ppm und damit gut 100 ppm über dem Wert seit Beginn der Industrialisierung.

Der Blick in die Vergangenheit zeige allerdings, dass man sich nicht nur auf die Wirkungskette Temperatur-Kohlendioxid konzentrieren dürfe, betonte Ralph Schneider. Grund für das deutlich wärmere Klima damals seien Rückkopplungen zwischen einzelnen Komponenten des Klimasystems, insbesondere dem Grönlandeis, der Vegetation in den hohen Breiten und dem Ozean, der große Mengen Kohlenstoff speichert, erklärte Birgit Schneider. “In den Klimamodellen, die dem IPCC zur Verfügung stehen, werden diese Rückkopplungsmechanismen bislang vernachlässigt.“

“Die Wechselwirkung von Ozean und Atmosphäre wird den globalen Temperaturanstieg bereits innerhalb von etwa hundert Jahren verstärken“, sagte die Forscherin. Bei steigender Temperatur der Meere sinkt die Löslichkeit von Kohlenstoff im Wasser, es verbleibt mehr in der Atmosphäre und beschleunigt dort den Treibhauseffekt.

Vielleicht reiche schon ein CO2-Wert von 400 bis 500 ppm, damit sich der Prozess der Erderwärmung verselbstständige, warnte Ralph Schneider.

dpa

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