Geografie-Studie

Straßen machen Natur zum Flickenteppich

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Straße umgeben von Getreide-, Mais-, und Sonnenblumenfeldern. Foto: Patrick Pleul/Archiv

Große Landschaftsgebiete fernab von Wegen oder Straßen - weltweit gibt es solche Flächen kaum noch. Für die Natur und die biologische Vielfalt sei das schlecht, betonen Forscher. Sie raten, bei der Ausweisung von Schutzgebieten mehr auf das Problem zu achten.

Eberswalde (dpa) - Für den Menschen sind Straßen Verbindungen - für die Natur jedoch Einschnitte. Zwar machen Gebiete ohne Verkehrswege nach einer Hochrechnung von Forschern noch rund 80 Prozent der Landfläche auf der Erde aus, sie sind aber stark zerstückelt.

Als "frei von Wegen" wurden dabei nur Flächen definiert, die mindestens einen Kilometer von Straßen, aber auch kleineren Achsen wie Forstwegen entfernt lagen. Ein zwischen zwei Verkehrsachsen liegender zwei Kilometer breiter Wald wurde somit zum Beispiel nicht erfasst.

In der Summe kam das Forscherteam um Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde auf 600 000 abseits von Straßen liegende Landstücke weltweit - in Deutschland seien es höchstens einige wenige. Etwa die Hälfte der Flächen sei kleiner als ein Quadratkilometer, weitere 30 Prozent kleiner als fünf Quadratkilometer, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science". Nur sieben Prozent der wegefreien Areale haben demnach eine Größe von mehr als 100 Quadratkilometern.

Die Forscher heben hervor, dass die Auswirkungen einer Straße nicht auf die Straßenfläche beschränkt sind: "Zu den direkten und indirekten Umwelteinflüssen gehören Entwaldung und Zersplitterung, chemische Verschmutzung, Lärmbelästigung, erhöhte Tiersterblichkeit aufgrund von Autounfällen und die Erleichterung von biologischen Invasionen." Diese Erkenntnis ergab sich aus 282 wissenschaftlichen Untersuchungen über den räumlichen Einfluss von Straßen.

Die Auswirkungen einer Straße seien in einem Streifen von einem Kilometer entlang jeder Straßenseite am größten, so die Wissenschaftler. Deshalb bezeichnen die Forscher nur die Areale als frei von Straßen, die jenseits dieser Pufferzone liegen. Ibisch und Kollegen stützten sich dabei auf die weltweiten Straßenverzeichnisse Open Street Map und Global Roads Open Access Data Set (gROADS). Grönland und die Antarktis blieben wegen ihrer großen Eisflächen bei den Berechnungen außen vor.

Die Forscher entwickelten einen Bewertungsindex für die straßenfreien Gebiete, der sich aus ihrer Größe, dem Grad seiner Vernetzung und einem Index für die Funktion des Ökosystems zusammensetzt. Dabei stellten sie fest, dass etwa ein Drittel der straßenfreien Areale nur wenige ökologische Funktionen und geringe biologische Vielfalt aufweisen. Sie sind beispielsweise sehr klein oder liegen in Wüstenregionen. Auch steht der Erhalt straßenfreier Gebiete im Konflikt mit den "Zielen für nachhaltige Entwicklung" der Vereinten Nationen, etwa der Bekämpfung des Hungers und der Ungleichheit in der Welt.

Aus der neuen Weltkarte ergibt sich auch, dass nur 9,3 Prozent der straßenfreien Flächen in einem Natur- oder Landschaftsschutzgebiet liegen. Die Forscher plädieren deshalb dafür, straßenfreie Gebiete bei der geplanten Ausweitung der Schutzgebiete von derzeit 14,2 auf 17 Prozent besonders zu berücksichtigen. Auch befürworten sie das Sperren von Straßen, um größere Gebiete ohne Wege zu schaffen.

"Die Karte macht noch einmal auf das globale Problem aufmerksam", sagt Till Hopf, Naturschutzexperte des Naturschutzbundes (Nabu). Wegen des kleinen Maßstabs sei die Karte für Europa allerdings wenig aussagekräftig. Da Gebiete ganz ohne Straßen in Deutschland kaum vorhanden seien, weise das Bundesamt für Naturschutz in einer aktuellen Karte "unzerschnittene verkehrsarme Gebiete" aus.

Dabei werden Straßen mit weniger als 1000 Fahrzeugen pro Tag als "verkehrsarm" bezeichnet. Die Gebiete liegen hauptsächlich im Nordosten Deutschlands (Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg). Hopf nennt außerdem eine Zahl des Deutschen Jagdverbands: Demnach wurden im Jagdjahr 2014/2015 bei Verkehrsunfällen in Deutschland über 200 000 Rehe, Hirsche und Wildschweine getötet.

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