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Sprachwunder beherrscht 37 Sprachen: „Ich will diese Macht“

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Verschiedene Wörterbücher übereinander. Vaughn Smith hat sich über 24 verschiedene Sprachen selbst angeeignet, hausieren geht er damit indes nicht. (Symbolbild)
Vaughn Smith hat sich über 24 verschiedene Sprachen selbst angeeignet, hausieren geht er damit indes nicht. (Symbolbild) © Peter Kneffel/dpa

Vaughn Smith ist hochbegabt, der 46-Jährige spricht 37 Sprachen. Sie halfen ihm, Anschluss zu finden, wo er sich lange ungewollt fühlte.

Washington – Der Bericht der Washington Post über Vaughn Smith hat einen Unterton: Der Teppichreiniger und Handwerker, der „trotzdem“ 37 Sprachen spricht. Man kommt nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen, die Post hielte dies fälschlicherweise für einen Widerspruch. Tatsächlich überraschend erscheint es jedoch, dass ein Mensch mit so herausragenden Fähigkeiten wie Vaughn Smith keinen Beruf aus seiner Begabung macht. Mit dieser geht der hochbegabte 46-Jährige indes keineswegs hausieren, im Gegenteil. Vaughn Smith geht es nicht um Anerkennung oder Aufmerksamkeit, sondern um Interaktion – und eine ganz bestimmte Form von Macht.

Für Vaughn Smith ist jede Sprache Teil einer Geschichte – „Ich will diese Macht“

Vaughn Smith ist ein Sprachgenie, daran lassen 37 erlernte Sprachen keine Zweifel – Sprachen, die er sich selbst erarbeitet hat. Jede von ihnen ist Teil einer Geschichte über die Menschen, mit denen sie ihn verbindet. Japanisch etwa lernte er, als er das Aquarium in einem Restaurant einmal wöchentlich reinigte. Ähnliche Geschichten gibt es bei den anderen Sprachen. Als Genie versteht sich Smith nicht, viel mehr eröffnen ihm Sprachen den Kontakt zu verschiedenen Menschen.

Der 46-Jährige erinnert sich an die Freude einer russischen Frau, die er in jungen Jahren auf Russisch ansprach. Er sagt, es habe damals geschienen, als sei sie „mit einem Spritzer Glück“ getroffen worden. Dieses Zitat zeigt, worum es Smith geht: um Interaktion, Kontakt, das Verstehen – und eben Freude. Smith erinnert sich an einen Besuch entfernter Cousins seines Vaters aus Belgien. Sie benutzten Wörter anders, als Smith es damals kannte. Sie nicht zu verstehen, frustrierte ihn. Das wollte er schon damals ändern, er rekapituliert einen Gedanken: „Ich will diese Macht“. Die Macht, zu verstehen.

„Nicht nur ein großes Gehirn, sondern auch ein großes Herz. Und genau das ist das Problem“

Interaktion und Zugang waren schon als Jugendlicher wichtig für Vaughn Smith, über den seine Mutter sagt, er habe „Nicht nur ein großes Gehirn, sondern auch ein großes Herz. Und genau das ist das Problem“. Sie berichtet, Smith sei hochsensibel und neige dazu, sich ungeliebt und ungewollt zu fühlen.

Sprachen gaben ihm als Jugendlichem die Möglichkeit, Anschluss zu finden. Anschluss in einer Welt, in der er sich sonst oft nicht zugehörig gefühlt hatte. Smith übte in seinem Leben bereits eine Reihe von Berufen aus und kämpfte mit Depressionen. Leicht hatte er es nie. Eine Konstante und ein Anker blieben die Sprachen – von denen lange nicht viele wussten.

Das Sprachwunder Vaughn Smith spricht weit über 20 Sprachen

Vaughn Smith spricht acht Sprachen fließend: Englisch, Spanisch, Bulgarisch, Tschechisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch und Slowakisch. Doch damit ist das tatsächliche Ausmaß seiner Begabung lediglich umrissen. Insgesamt spricht der 46-Jährige 24 Sprachen, in unterschiedlicher Ausprägung, doch alle gut genug, um längere Konversationen zu führen. Sprachen, in denen er grundlegende Kenntnisse besitzt, sind da noch gar nicht eingerechnet – dann wären es etwa 37. Smith beherrscht die amerikanische Gebärdensprache, während er sich scheinbar ebenso problemlos im Sprechen indigener Sprachen wie dem mexikanischen Nahuatl schult.

In einigen Sprachen besitzt Smith nicht nur ein beachtliches Vokabular und grammatikalische Fähigkeiten, sondern selbst den entsprechenden Dialekt. Seine Aussprache in Niederländisch und Katalanisch etwa sorgt bei Einheimischen immer wieder für Erstaunen. Smith ist fraglos ein Sprachwunder, doch es ist nicht so, als wäre ihm diese Fähigkeit einfach so zugefallen. Schon in jungen Jahren verbrachte er viel seiner Freizeit in Bibliotheken, zu Begeisterung und Talent kam harte Arbeit. Dass sie sich bei Smith mehr auszahlt, als bei den meisten anderen Menschen, ist eine andere Frage. Auch Deutschlands jüngster Gymnasiast kennt das: Der 8-jährige Friedrich Wendt aus Deutschland begann bereits im Alter von eineinhalb Jahren zu lesen und zu schreiben.

Sprachwunder Vaughn Smith: „Ich bin keine wertlose Person“

Die Washington Post schildert einen bescheidenen Mann, der zu Understatement neigt. Trotzdem ist die Presse nun auf Vaughn Smith aufmerksam geworden. Ganz wohl, so scheint es, ist ihm dabei nicht. Es ist einer dieser Geschichten, die die Journaille liebt: Ein verborgenes Talent, bei einem, wie die Post es nennt, „Gelehrten mit einem Geheimnis“. Tatsächlich scheint es Smith kaum weniger interessieren zu können, jemanden zu beeindrucken. Die Washington Post erklärt in ihrem Bericht, Smith habe seine Sprachen nur gezählt, weil er gezielt danach gefragt wurde.

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Hochbegabung ist für viele Betroffene nicht immer ein Segen, das schildert auch eine Mutter aus Niedersachsen. Sie berichtet von den Schwierigkeiten ihrer hochbegabten Familie. Vaughn Smith scheut die Aufmerksamkeit. Wenngleich er diese nie wollte, kommt mit ihr eine wichtige Erkenntnis für ihn. Nachdem Wissenschaftler Untersuchungen mit ihm durchgeführt hatten, um über seine Fähigkeiten zu lernen, sagte Smith: „Ich bin keine wertlose Person“. Sein Ausspruch gibt einen Einblick in Smiths Innenleben und macht klar, welche Bedeutung Sprache für ihn hat. Sein Geheimnis ist nun gelüftet. Auch für ihn ist das möglicherweise gut so.

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