"Satudarah"-Prozess

Rocker-Aussteiger: „Auf mich ist Kopfgeld ausgesetzt“

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Prozess gegen "Satudarah"-Aussteiger.

Düsseldorf - Für die Justiz ist er ein wichtiger Kronzeuge, für den Motorrad-Club „Satudarah“ ein vogelfreier Verräter. Mehr als 15 Rocker hat ein 47-Jähriger ins Gefängnis gebracht. Vor Gericht geht es um seine eigenen Straftaten.

Der Angeklagte sitzt hinter dickem Panzerglas. In seinem Rücken verfolgen vier Beamte des Zeugenschutzprogramms jede Regung im Saal. Seit der 47-Jährige im Sommer 2013 begonnen hat, bei Staatsanwaltschaft und Polizei gegen den Motorrad-Club „Satudarah“ auszusagen, ist der Mann ein Gejagter, ein Gehetzter. „Ich versuche, das nicht so nah an mich heranzulassen“, sagt der er den Richtern am Montag. Aber ihm sei klar: „Ich bin in Lebensgefahr. Auf mich ist mit Sicherheit ein Kopfgeld ausgesetzt worden.“

Nun steht der 47-Jährige selbst vor Gericht, unter anderem wegen Drogenschmuggels. Für das Verfahren ist das Landgericht Duisburg in das besonders gesicherte Prozessgebäude des Oberlandesgerichts Düsseldorf umgezogen. Die Angst vor Racheakten gegen den Angeklagten ist groß. Alle Besucher müssen sich aufwendigen Personenkontrollen unterziehen. Dass Handys und Laptops nicht mit in den Gerichtssaal genommen werden dürfen, ist bei solchen Prozessen durchaus üblich. Aber weil zuletzt aus einem anderen „Satudarah“-Verfahren verbotenerweise Tonmitschnitte veröffentlicht wurden, dürfen nicht einmal Kugelschreiber mit in den Saal genommen werden. Auch darin könnten ja Aufnahmegeräte versteckt sein, sagen die Wachtmeister. An die Journalisten verteilen sie schwarze Filzstifte und leere Blöcke.

Die Vorwürfe gegen den Angeklagten sind schnell erzählt: Da geht es etwa um den Schmuggel von 800 Gramm Kokain und die Einfuhr von zehn Kilogramm Marihuana. Auch an der Beschaffung von zwei Maschinenpistolen aus den Niederlanden soll der Mann beteiligt gewesen sein. Der 47-Jährige nickt alles ab. „Das stimmt“, sagt er mit lauter Stimme. Er sei schließlich als „Sergeant at Arms“ für die Bewaffnung des Duisburger Chapters des Rocker-Clubs verantwortlich gewesen. Hinter dem Garten seines Hauses in Bottrop habe er in einem Erdversteck auch ein Kilo Plastiksprengstoff samt Fernzünder verwahrt.

Das Leben des 47-Jährige war früh von Gewalt und Aggressivität geprägt. Im Alter von 17 Jahren schloss er sich in Frankreich der Fremdenlegion an. Er lernte den Umgang mit Waffen und Sprengstoff und bildete später im südamerikanischen Urwald andere Kämpfer aus. Als er ins Ruhrgebiet zurückkehrte, war er keiner, der sich wieder in die Gesellschaft einfügen konnte. Unterordnung war nichts für den kräftigen Ex-Soldaten. Also verdiente er sein Geld als Inkasso-Unternehmer und im Rotlicht-Milieu.

Lange dauerte es da nicht mehr, bis er in Kontakt mit Rockern kam. „Ich musste auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag am Clubhaus der Bandidos vorbei“, sagte er den Richtern. Mit denen sei er aber irgendwie nicht warm geworden. Besser klappte es mit der Gang „Brotherhood“, aus der später das Duisburger Chapter des „MC Satudarah“ hervorging.

Als er im Sommer 2013 nach einem schlimmen Drogenabsturz in die Psychiatrie eingeliefert wurde, änderte der 47-Jährige sein Leben von Grund auf. Hatte er bis dahin schon sporadisch mit der Polizei kooperiert, stellte er sich jetzt als Kronzeuge zur Verfügung. „In 15 Strafverfahren sind aufgrund seiner Angaben mehr als 75 Jahre Haft verhängt worden“, sagte ein Staatsanwalt vor Gericht. Und auch am Verbotsverfahren gegen den Rocker-Club habe er gewaltigen Anteil. Der Staatsanwalt: „Das ist eine außergewöhnliche Erfolgsstory für uns.“

Das Urteil gegen den 47-Jährigen könnte noch im Februar verkündet werden. Offizielle Absprachen zwischen den Prozessbeteiligten gibt es nicht. Klar ist aber: Als wichtiger Kronzeuge gegen seine früheren Rocker-Kameraden kann der Mann mit einer erheblich milderen Strafe rechnen als ihm eigentlich drohen würde.

dpa

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