Immer da sein: Eine Familie pflegt ihre Mutter

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Pensionäre mit Vollzeitjob: Magdalena und Peter Mathis.

München - Katharina Lalyer ist 94 und demenzkrank. Pflegestufe drei, die höchste. Ihre Familie ist heute Tag und Nacht für sie da, aber Katharina Lalyer erkennt sie nicht mehr.

Man bemerkt sie kaum in dem blassrosa tapezierten Raum, der bevölkert ist mit Porzellan und Plüschtieren. Ein zweiter Blick: Da ruht sie in der Ecke, halb abgewandt. Ein zart runzliges Gesicht, umrahmt von schütterem Haar, so weiß wie das Kissen, auf dem sie gebettet ist. Unter der Decke zeichnet sich der gebrechliche Körper ab. Jetzt schläft die alte Frau friedlich. Kaum vorstellbar, dass sie bald wieder zu schreien beginnt.

Katharina Lalyer ist 94 Jahre alt und schwer demenzkrank. Pflegestufe drei, die höchste. Auch sie ist Mutter. Mutter einer Tochter, die sie heute selbst „Mutter“ nennt. Die Tag für Tag und Nacht um Nacht für sie da ist. Die sie wäscht, ihr die Nägel schneidet, sie füttert. Fast ist die Alte zum Kind geworden. Die Rollen verschwimmen, stehen kopf.

Früher hat Katharina Lalyer immer gesagt, sie brauche niemanden. Die Tochter aber wusste schon damals, dass sie sich, wenn nötig, um ihre alte Mutter kümmern würde. Peter Mathis hätte sich nicht vorstellen können, seiner Schwiegermutter mal auf die Toilette helfen zu müssen. Wenn heute seine Frau mal nicht da ist, verlässt er die Wohnung höchstens für zehn Minuten zum Supermarkt.

Katharina Lalyer sagt nicht mehr, was sie will. Manchmal gibt sie nur noch Laute von sich, schnarcht, seufzt, wimmert. „Ach, ich hab so Kopfschmerzen“, das bedeutet Hunger. Essen mag sie nur Süßes. Die Pizza neulich spuckte sie aus. Kaffee will sie bloß aus zwei bestimmten Weihnachtstassen. Aussprechen kann sie das alles nicht.

Magdalena Mathis hat die Mutter ihrer Kindheit an die Krankheit verloren. Nur wenn sie schimpft, ähnelt das noch der Frau von damals. Heute ist sie unberechenbar. In einem Moment stößt sie die 62-jährige Tochter von sich. Im nächsten bedankt sie sich freundlich. Magdalena Mathis weiß, dass die Demenz ihre Mutter verzerrt. Doch das macht es für sie nicht einfacher: „Manchmal heult man, manchmal lacht man, manchmal wird man zornig“, sagt sie.

Die Frau von einst, das ist die am Ende des Ersten Weltkrieges geborene Rumäniendeutsche, die am Ende des Zweiten drei Jahre lang nach Russland verschleppt wurde. Ihre Generation in der Familie lebt nicht mehr. Die Jüngeren erkennt sie nicht mehr. Nicht die Kinder, nicht die zwei Enkel, nicht die beiden Urenkel. Neulich fragte die alte Frau den Schwiegersohn, was sie fürs Nägelschneiden bezahlen muss. Einen Hunderter, scherzte der. Stille. „Hm, das ist aber viel Geld.“

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