47 Mamis klotzen in Café gegen Arbeitslosigkeit

+
Rutsch ins Arbeitsleben: Oksana und Anne (l.) legen sich im Café Netzwerk ins Zeug.

München - Sie sind die Multi-Kulti-Netzwerk-Muttis. Im Münchner "Café Netzwerk" bekommen Mütter eine Chance, Hartz IV zu entfliehen.

Die Scheuermilch frisst sich in die verkrusteten Bratenspritzer auf dem Ceranfeld. Oksana, 36, ist müde. Gleich wird sie Feierabend haben, sich auf ihr Fahrrad setzen und den Heimweg antreten. Aber sie hat erst die Hälfte des Tages gestemmt. Denn zuhause warten vier Kinder.

Geschenke und Geschichten rund um den Muttertag auf unserer Special-Seite:

www.allesgutezummuttertag.de

Oksana ist eine von 47 Müttern, die im „Café Netzwerk“ an der Häberlstraße 17 in München arbeiten, auf Ein-Euro-Basis. Die Frauen leben von Arbeitslosengeld II - und sie wollen endlich wieder einen gewöhnlichen Job haben. Dafür sind sie hier, schmeißen die Küche, den Service - und ihre Familien. Sie stammen aus der ganzen Welt. Maximal anderthalb Jahre können sie in der Einrichtung bleiben. Dann sollen sie mithalten können auf dem Arbeitsmarkt.

Die Häberlstraße 17 ist eine Oase für Mütter: Kinderbetreuung, Gymnastik-, Musik- und Gesundheitskurse für Fast-schon- oder Gerade-eben-Mütter, das Café mittendrin. Im Café bereichern die 47 Frauen mit Gerichten aus ihren Heimatländern die Tageskarte.

Morgens treffen sie sich mit der Küchenchefin Bärbel Seitz und teilen die Aufgaben für den Tag ein. Mit Oksana zusammen sitzt auch Anne bei der morgendlichen Runde. Sie ist 43 und stammt aus Togo. In Deutschland ist sie seit 1998, im Projekt seit elf Monaten. Anders als Oksana spricht sie nur gebrochen Deutsch und arbeitet sowohl in der Küche als auch im Service. Heute setzt Bärbel Anne als Servicekraft ein. Für Bärbel ist jeder neue Tag eine Herausforderung: Selten sind alle Frauen da. Wenn ein Kind krank ist, bleibt die Mutter zuhause.

Oksana macht heute griechisches Gulasch. Die alleinerziehende Mutter kommt aus der Ukraine, sie ist ausgebildete Köchin. Das jüngste ihrer vier Kinder ist viereinhalb. Deshalb arbeitet sie im Netzwerk. Bei einer normalen Anstellung bliebe keine Zeit für ihre Kinder. „Zuhause habe ich als Verkäuferin gearbeitet“, sagt sie, „das würde ich auch lieber wieder tun.“ Doch bis ihre Kinder groß genug sind, ist sie froh, im Café unterzukommen. „Morgens koche ich für die Gäste, nachmittags warten die Kinder. Ich stehe jeden Tag neun Stunden in der Küche.“ Fast unbezahlt. Denn Oksana erhält nur Arbeitslosengeld II.

Jede Fünfte schafft es

Anne gibt derweil Dressing auf den vorbereiteten Salat, nimmt ein Besteck und setzt sich in Bewegung. Wer hatte die Tofubällchen bestellt? Sie schiebt sich vorbei an Beistellwiegen mit glucksenden Säuglingen und stillenden Müttern, bis sie endlich bei der Kundin angelangt ist und den ersten Teil des Mittagessens abstellt - natürlich von rechts.

Das Gespräch mit den Gästen fällt ihr noch immer schwer. Obwohl sie seit zwölf Jahren in Deutschland lebt, kommt sie kaum über Stichwortsätze hinaus. Jede Bestellung kostet sie Überwindung. Besonders zu Stoßzeiten wird auch die Kasse zum Feind: Der unbarmherzige Touchscreen registriert jede unsichere Bewegung. Da wird der Apfel- schon mal zum Orangensaft. Die Stammgäste stört das nicht. Immer wieder kommen allerdings auch Mütter vorbei, die das Café nicht kennen. Oft begegnen sie Anne gereizt oder herablassend. Ihr ist das egal. Ihr Café ist eben ein besonderes Café.

Dort gibt es plötzlich einen dumpfen Schlag. Ein Kind ist vom Stuhl gepurzelt, als die Mutter am Tresen zahlen will. Mit einem Mal ist es still im Raum. In der Luft hängt ein stiller Vorwurf. Dann fängt das Kind an zu schreien. „Passiert ständig“, sagt Anne nur und geht zum Eisschrank, um einen kühlen Umschlag zu holen.

Einmal pro Woche haben Oksana und Anne Fortbildung . Es geht um „Qualifizierungsbausteine“, sie steigern die Chancen am Arbeitsmarkt. Sie lernen Deutsch, Ernährung, Textilpflege, Hygiene, Umweltschutz, Betriebssicherheit, all das soll Arbeitgeber anbeißen lassen.

Wenn Annes Zeit im Café zu Ende ist, würde sie gerne in einem Hotel arbeiten. Als Küchenhilfe, vielleicht auch ein bisschen im Service. Ihre Chancen stehen gut: Das Café hat eine Vermittlungsquote von 19 Prozent. „Leider sind nicht alle Frauen so selbstständig wie Anne und Oksana“, sagt Bärbel Seitz. „Für manche ist es bereits ein Erfolg, wenn sie erzählen, sie hätten sich zum ersten Mal alleine auf die Bank getraut.“

Philipp Kurbel und Benedikt Winkel

Das könnte Sie auch interessieren

Viele Tote bei Anschlägen von IS und Taliban in Afghanistan

Viele Tote bei Anschlägen von IS und Taliban in Afghanistan

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Bremer Freimarkt: Der Freitagabend

Messer-Attacken in München - Bilder vom Polizeieinsatz

Messer-Attacken in München - Bilder vom Polizeieinsatz

Meistgelesene Artikel

Blutbad von Las Vegas: Endlich gibt es eine gute Nachricht

Blutbad von Las Vegas: Endlich gibt es eine gute Nachricht

Mann macht unheimliches Video auf Flucht vor verheerenden Bränden in Kalifornien

Mann macht unheimliches Video auf Flucht vor verheerenden Bränden in Kalifornien

Albtraum-Unfall: Rentner stürzen von Tiroler Pass-Straße in felsige Tiefe

Albtraum-Unfall: Rentner stürzen von Tiroler Pass-Straße in felsige Tiefe

Weitere Häuser in Kalifornien gehen in Flammen auf - schon 38 Tote

Weitere Häuser in Kalifornien gehen in Flammen auf - schon 38 Tote

Kommentare