Müll im Kühlbecken von Atommeiler in Taiwan

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Kühlbecken eines Atommeilers.

Taipeh - In Asien werden Dutzende neuer Atommeiler gebaut und geplant, um dem stark steigenden Energiebedarf nachzukommen. In Taiwan machten US-Taucher in einem Kühlwasserbecken eines Atommeilers eine beunruhigende Entdeckung.

Die Taucher mussten sich beeilen. Wegen der Strahlenbelastung blieben Robert Greenspan und seinen Tauchern nur zwei Stunden, um das Not-Kühlwasserbecken in Taiwans Atomkraftwerk Kuosheng in Wanli in Nordtaiwan zu reinigen. Eigentlich reine Routine für die Männer der amerikanischen Tauchfirma Midco Diving and Marine Services aus dem US-Bundesstaat South Dakota, denn sie hatten so einen Auftrag schon oft ausgeführt. Allerdings bisher nur in den USA. In Taiwan gab es eine Überraschung. Die Taucher berichteten, dass außer den Sedimenten, die sich wie sonst üblich auf dem Boden des Beckens ablagern, Kabelspulen, Sauerstoffmasken, Werkzeuge und sogar Schlüsselbunde vorzufinden waren.

“Alles, außer einem alten Fahrrad“, scherzte Greenspan. Er warnte aber, der Müll könne Rohre blockieren. Wenn das passiere, könne im Falle einer Reaktorüberhitzung das Wasserbecken nutzlos werden, sagte der Spezialist der Nachrichtenagentur dpa.

Während Deutschland und andere europäische Staaten den Ausstieg aus der Atomkraft verfolgen, setzen asiatische Staaten immer mehr auf Stromerzeugung durch Kernenergie. 112 Atomkraftwerke werden in Japan, Südkorea, China, Taiwan, Indien und Pakistan betrieben. Auch Bangladesch, Indonesien, Vietnam, Thailand und die Philippinen planen eigene Reaktoren. Nach Angaben der World Nuclear Association (WNA) sind 37 Atommeiler in der Region im Bau, weitere 84 fest geplant. Asiens Regierungen glauben, keine Alternativen zu haben. Schätzungen zufolge soll sich der Stromverbrauch im asiatisch-pazifischen Raum bis 2030 um 80 Prozent erhöhen.

Kritiker bemängeln, viele der Anlagen seien zwar mit Hilfe renommierter internationaler Firmen geplant und errichtet, würden aber mangelhaft betrieben. Da die Betreiberfirmen oftmals dem Staat gehören, seien Überprüfungen lax. “Ich bin nur froh, dass Taiwan so weit von den USA entfernt ist“, sagte Atomtaucher Greenspan. “Die Betreiber von Taiwans Kernkraftwerken wollen alles immer so billig und so schnell wie möglich. Sicherheit ist denen egal.“

Doch der technische Leiter des Kraftwerks, Roger Chang, wies die Beschreibungen und Vorwürfe der US-Taucher als “nicht ganz korrekt“ zurück. “Es bleibt nicht aus, dass Müll oder fremdes Material wie zum Beispiel durch den regulären Betrieb erzeugter Schlamm in das Becken fällt“, sagte Chang der lokalen Presse. “Wie auch die amerikanischen Kraftwerke müssen wir das Becken von Zeit zu Zeit reinigen. Deshalb haben wir den Auftrag vergeben.“

Die ostasiatische Inselrepublik betreibt drei Atomkraftwerke, die Inbetriebnahme eines vierten steht kurz bevor. Der Bau ist umstritten, die Fertigstellung wurde immer wieder verschoben. Einschätzungen von früher, die zur Erteilung der Baugenehmigung des Lungmen Meilers in Nordtaiwan führten, werden von aktuellen Daten infrage gestellt. Die Umweltverträglichkeitsprüfung läge bereits drei Jahrzehnte zurück, kritisieren Gegner des Projekts.

Studien von Lee Chao-shing, Dekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät der National Taiwan Ocean University, beschreiben die Wahl des Standortes als Fehler. In einem Umfeld von 80 Kilometern seien 70 Unterwasservulkane, darunter mindestens elf aktive. Lees These wird von japanischen Erdbebenexperten unterstützt. Takemoto Kazuyuki, ein Wissenschaftler, der den Erdbeben-Störfall im Jahr 2007 im japanischen Kashiwazaki-Kariwa Atomkraftwerk erforschte, warnte: “Taiwan und Japan sind Länder, in denen Erdbeben besonders häufig auftreten. Taiwans Atomkraftwerke sind nicht ausreichend geschützt.“

Wie in Deutschland gibt es auch in Taiwan eine Umweltpartei, die sich die Abschaltung aller Atomkraftwerke zum Ziel gesetzt haben. Doch ist die Partei ohne jeden Einfluss. Tsui Shu-hsin von den taiwanesischen Grünen glaubt zu wissen, warum sich weder Taiwans Politik noch Bevölkerung des Themas Kraftwerksicherheit annehmen: “Strom ist viel zu billig in Taiwan, und das wird auch so bleiben. Der Politiker, der daran etwas ändern will, wird nicht wiedergewählt.“ Die Grünen-Partei, der sie angehört, hat im Gegensatz zu ihrem deutschen Gegenstück kaum Hoffnung, jemals die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden.

Zwar verfügt Taiwan über viel Wind und Sonne, aber der Anteil von Strom, der durch erneuerbare Ressourcen erzeugt wird, liegt bei nur knapp fünf Prozent. Taiwans Behörden beteuern, Taiwans Atomkraftwerke seien sicher. Mitte Juli veröffentlichte Taiwans Atomenergierat AEC seinen vierteljährlichen Sicherheitsbericht und gab darin allen drei Kraftwerken weiterhin grünes Licht. Atomstrom sei ein wichtiges Mittel für Taiwans Politik einer kohlenstoffärmeren Zukunft. Mehr als 20 Prozent des Energiebedarfs seien durch die Atomreaktoren gedeckt.

Aus Sicht des US-Atomtauchers Greenspan lassen seine persönlichen Erfahrungen in dem Reaktor von Kuosheng aber auf generelle Schlamperei der Betreiber der Kraftwerke schließen: “Wenn ich mir einen kleinen Teil anschaue, und der ist verdreckt, dann kann ich davon ausgehen, dass es in anderen Bereichen nicht viel besser ist.“

dpa

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