Vertuschte Missbrauchsfälle: Papst entlastet?

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Der Regierungschef des Vatikan, Tarcisio Bertone, küsst 2008 während einer Messe den Ring von Papst Benedict XVI. 

Vatikan - Der Sekretär der Glaubenskongregation des Jahres 1998, Tarcisio Bertone, soll in dem Missbrauchsskandal um den US-Priester Lawrence Murphy die Aufklärung des Falls gebremst haben.

“Anders als bisher angenommen, hat nicht der heutige Papst, sondern Bertone den Fall offenbar vertuscht“, sagte Patrick Schwarz, Stellvertretender Ressortleiter Politik der Wochenzeitung “Die Zeit“, am Ostermontag der Deutschen Presse-Agentur bei der Vorstellung mehrerer Vatikan-Dokumente.

Unter den Dokumenten, die als Faksimile vorliegen, befindet sich auch ein geheimes Sitzungsprotokoll - laut "Zeit online" Teil eines Briefwechsels zwischen dem Vatikan und dem damals für die Ermittlungen zuständigen Erzbischof von Milwaukee, Rembert Weakland. Der Briefwechsel wurde der "Zeit“ nach deren Angaben von Anwälten früherer Opfer Murphys zur Verfügung gestellt.

Chronologie der Missbrauchsfälle

Chronologie der Missbrauchsfälle

In einem vertraulichen Brief vom 6. April 1998 an den zuständigen Erzbischof der Diözese von Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin hat laut “Zeit“ Bertone deutlich gemacht, dass der Vatikan von einem Kirchenprozess gegen den geständigen Täter abrate. Vorausgegangen war, wie aus den faksimilierten Dokumenten hervorgeht, eine Eingabe des beschuldigten Priesters beim Vatikan, ihn aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustandes, seines hohen Alters sowie seiner “friedlichen“ Lebensführung im Priesterstand zu belassen. Diese Argumente habe Bertone sich in seinem Schreiben zu eigen gemacht, schreibt “Die Zeit“.

Als der amerikanische Erzbischof auf der Entlassung Murphys aus dem Priesterstand beharrte ­- auch unter Hinweis auf anhaltende Empörung bei den Vertretern katholischer Gehörloser -­ kam es den Angaben zufolge am 30. Mai 1998 zu einem Krisengipfel in Rom. In dem von der Glaubenskongregation verfertigten Protokolls des Treffens, bei dem Bertone den Vorsitz führte, heiße es: “Bezüglich der Möglichkeit eines kanonischen Prozesses wegen des Verbrechens der Belästigung in der Beichte lenkt der Sekretär die Aufmerksamkeit auf einige Probleme, die ein Verfahren aufwerfe“. Bertone habe seine nach Rom gereisten Bischofskollegen aus den Vereinigten Staaten gewarnt vor der “immanenten Schwierigkeit, ein solches Verbrechen in einem Verfahren zu ahnden, dessen Durchführung in strengster Geheimhaltung erfolgen muss“. Der spätere Kardinal habe überdies darauf verwiesen, “die Schwierigkeit, Beweise und Zeugen beizubringen, ohne den Skandal zu vergrößern“. Zusammenfassend habe Bertone auf die Schwierigkeiten hingewiesen, “die durch eine Verfolgung dieses Falles entstehen würden“.

In einem internen Vermerk der Erzdiözese Milwaukee nach dem Krisengipfel heißt es: “Es wurde deutlich, dass die Kongregation uns nicht ermutigte mit irgendeiner förmlichen Entlassung (dpa: Murphys) fortzufahren.“ Unter dem Druck aus Rom teilte US-Erzbischof Weakland seinem vatikanischen Kollegen Bertone in einem ebenfalls als Faksimile dokumentierten Schreiben am 19. August 1998 mit: “Ich habe meinen Justiziarvikar angewiesen, das Verfahren förmlich zu beenden, das gegen Pater Murphy begonnen worden war.“

Murphy, der eine katholische Gehörlosenschule leitete, soll zwischen 1950 und 1974 bis zu 200 Kinder sexuell missbraucht haben, unter anderem auch während der Beichte.  Am 21. August 1998 starb Murphy im Alter von 72 Jahren. Aus dem Vatikan war jüngst darauf verwiesen worden, dass ein Kirchenprozess gegen den Sterbenskranken keinen Sinn mehr gemacht hätte und auch die US-Justiz kein Verfahren gegen Murphy eröffnet hatte.

Die “New York Times“ hatte im März den Fall aufgebracht und Joseph Ratzinger, den heutigen Papst, als Verantwortlichen genannt - Ratzinger leitete 1998 als Präfekt die Glaubenskongregation. “Dagegen zeigt das vertrauliche Sitzungsprotokoll der Glaubenskongregation, dass Bertone hier die Federführung hatte“, sagte Schwarz.

Bertone ist heute Kardinalstaatssekretär und damit praktisch Regierungschef im Vatikan.

Fall aus dem Jahr 2004: Absetzung eines Priesters gefordert

Unterdessen fordern Missbrauchsopfer in den USA die Suspendierung eines katholischen Priesters in Indien, der 2004 im US-Staat Minnesota eine 14-Jährige zum Oralsex gezwungen haben soll. Der Vatikan wurde 2006 über die Vorwürfe informiert, ergriff aber keinerlei Schritte gegen den Beschuldigten. Das geht aus Dokumenten hervor, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen.

Bekannt wurden die Vorwürfe erst 2005, als sich der betroffene Priester namens Joseph Palanivel Jeyapaul zu einem Familienbesuch in Indien aufhielt. Seine damaligen Kollegen in den USA hätten ihm geraten, nicht nach Minnesota zurückzukehren, sagte Jeyapaul der AP in einem Telefoninterview. In Indien wurde er für ein Jahr in ein Kloster geschickt, derzeit arbeitet er im Büro der Diözese von Ootacamund in Südindien.

Die Glaubenskongregation der katholischen Kirche in Rom wurde Ende 2006 vom damaligen Bischof von Crookston in Minnesota, Victor Balke, über den Fall informiert. “Ich hoffe, Sie finden zum Wohle der Kirche schnell eine Lösung für diesen Fall“, schrieb Balke an den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada. Balke bekam aber nie eine Antwort.

Der betroffene Priester, Joseph Palanivel Jeyapaul, wies die Vorwürfe am Montag zurück. “Ich kenne das Mädchen nicht einmal“, sagte Jeyapaul über die Jugendliche, die er im Herbst 2004 missbraucht haben soll.

apn/dpa

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