Japans Atomindustrie war vorgewarnt

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Eine Tepco-Mitarbeiterin mit Mundschutz an der Tür der Konzernzentrale in Japans Hauptstadt Tokio.

Tokio - Skandale, Schäden, Vertuschungen: Der größte Stromkonzern Japans, Tepco, sorgt als Betreiber des havarierten AKW in Fukushima schon seit langem für Negativschlagzeilen. Erst jetzt wird in der Regierung Kritik an Tepco laut.

Selbst die sonst so zurückhaltende Regierung findet nun deutliche Worte: “Inakzeptabel“ sei, was sich der japanische Atombetreiber Tepco geleistet habe, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Erst meldete der Betreiber des Atomwracks von Fukushima, die Strahlung im Wasser des Reaktors 2 sei zehn Millionen Mal höher als normal. Dann ist “nur noch“ von 100 000 Mal höherer Belastung die Rede. Dabei ist das längst nicht die einzige Schlamperei, die sich der größte Stromkonzern des Landes geleistet hat.

Jahrelang vertuschte das Unternehmen in seinen AKW Schäden und führte die Öffentlichkeit hinters Licht. Warnungen vor einem gewaltigen Tsunami wurden vom Tisch gewischt. An ihrem Atomkurs hält die japanische Regierung aber weiterhin fest.

Während die Bevölkerung in der Unglücksregion zunehmende Angst vor der radioaktiven Verseuchung hat und den Mangel an Informationen beklagt, stellte sich das Unternehmen erst vor ein paar Tagen hin und behauptete: “Es gab keinen Anstieg an Radioaktivität in den umliegenden Gebieten.“

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Dabei waren in Wirklichkeit sehr wohl in verschiedenen Gebieten im Umkreis der Atomruine von Fukushima erhöhte Strahlenwerte gemessen worden. Auf entsprechende Nachfragen von Journalisten stellten sich Vertreter des Konzerns taub.

Das AKW Fukushima Eins gehört zu den störanfälligsten Atomkraftwerken im ganzen Land, und das schon lange vor der Katastrophe. Mal schwappte radioaktives Wasser aus einem Becken, mal trat radioaktiver Dampf aus einem Rohr.

Ein Grund für die Nachlässigkeit könnte sein, dass Tepco ein Monopol für die Stromversorgung im Großraum Tokio hat. Wettbewerb braucht das Unternehmen nicht zu fürchten. Der Konzern funktioniere mehr wie ein Beamtenapparat als ein Wirtschaftsunternehmen, sagen Kritiker. Als größter Stromkonzern des Landes beeinflusst Tepco maßgeblich die Atompolitik Japans. Hinzu kommt, dass das Unternehmen auch als eines der größten Auffangbecken für ausscheidende Ministerialbürokraten dient.

Fukushima: Das AKW, vor dem die Welt zittert

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Gegner verweisen zudem auf die Rolle der staatstragenden Medien, die sich mit Kritik an den Stromkonzernen stets zurückgehalten haben. Atomunternehmen wie Tepco oder Chubu Electric sind Anzeigenkunden, mit denen es sich die Verlage nicht verscherzen wollen. “Wir kriegen unseren Strom ausschließlich von Chubu Electric. Ich habe keine andere Wahl. Warum also um alles in der Welt schalten die Werbeanzeigen in Lokalmedien?“, fragt sich Minoru Ito. Er wohnt in Omaezaki nahe dem Atomkraftwerk Hamaoka.

Erst jetzt, da Japan eine der größten Atomkatastrophen der Welt erlebt, wird allmählich die Kritik an Tepco lauter. Auch staatstragende Medien notierten, dass sich der oberste Chef des Konzerns, Masataka Shimizu, bislang lediglich einmal vor der Presse gezeigt hat. Kurz nach Beginn der Katastrophe verschwand er plötzlich aus der Einsatzzentrale am Hauptsitz des Konzerns und zog sich “erschöpft“ in ein Nebenzimmer zurück. Aber selbst das erfuhr die Öffentlichkeit erst einige Tage später.

Inzwischen scheint aber selbst die Regierung, die sich vorwerfen lassen muss, ihrer Aufsichtsrolle nicht ausreichend nachgekommen zu sein, auf Distanz zu dem Skandalunternehmen zu gehen. Manche Regierungsbeamte sind laut Medienberichten zunehmend skeptisch, ob das Unternehmen tatsächlich alle Informationen bereitstellt.

Japan hält weiter an Atomenergie fest

Dennoch hält das rohstoffarme Japan weiter an der Atomenergie fest. “Es gibt nicht so viele einfache Alternativen für uns“, sagte Hidehiko Nishiyama, Vize-Generaldirektor der Atomaufsichtsbehörde, dem “Wall Street Journal“. Die Atomenergie liefert rund 30 Prozent der japanischen Stromversorgung. Die Regierung will den Anteil in den nächsten zehn Jahren sogar auf 40 Prozent anheben.

Atomaufseher Nishiyama entstammt dem Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie, das die Atomindustrie sowohl reguliert als auch fördert. Das Ministerium bemühte sich in jüngster Zeit verstärkt darum, der Atomwirtschaft dabei zu helfen, ausländische Aufträge zum Bau von Atomreaktoren an Land zu ziehen. Derweil sollen die Sicherheitsmaßnahmen in den heimischen AKW angesichts der Schäden in Fukushima erhöht werden. Vor allem AKW, die direkt am Meer gebaut sind, sollen höhere Mauern gegen Tsunami erhalten.

Das fordern Fachleute aber schon seit langer Zeit - auch für das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Eins. So warnte der japanische Forscher Yukinobu Okamura als Mitglied eines Beratungsgremiums der Regierung schon vor zwei Jahren vor dem Risiko, dass ein massiver Tsunami das AKW treffen könnte. Doch Tepco habe die Warnung vom Tisch gefegt.

“Es ist seltsam, die Haltung zu haben, nicht alle Aspekte einzubeziehen“, sagte Okamura der japanischen Agentur Kyodo. Der Forscher hatte seine Prognose auf eine Studie von Spuren eines gewaltigen Tsunami gestützt, dem im 9. Jahrhundert nach einem Beben der Stärke 8,3 rund 1000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen.

Von Lars Nicolaysen

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