Corona-Pandemie

Inzidenz in Großbritannien: Maskenpflicht fällt am „Freedom Day“

England hebt fast alle Corona-Maßnahmen auf. Premierminister Boris Johnson ermahnt Briten dennoch zur Vorsicht. Experten sehen eine Gefahr für die ganze Welt.

London – Die Inzidenz steigt und steigt, die Infektionszahlen sind dramatisch*: Trotz aller Warnung aus der Wissenschaft gelten seit Montag, 19. Juli 2021, in England kaum noch Corona-Maßnahmen*. Weder die Maskenpflicht noch Abstandsregeln oder zahlenmäßige Beschränkungen für Veranstaltungen sind im größten britischen Landesteil fortan vorgeschrieben.

Land:Großbritannien
Regierungschef:Boris Johnson
Hauptstadt:London
Fläche:242.495 Quadratkilometer
Einwohner:66,8 Millionen

Dabei stieg am Montag die Inzidenz in Großbritannien erneut, und zwar von 441,4 am Sonntag, 18. Juli 2021, auf 465,6 am Montag, 19. Juli 2021. Im Vereinigten Königreich gab es 47.848 Neuinfektionen, verstorben sind 28 Personen. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, musste sich Premierminister Boris Johnson am Sonntag nach einer langen Sitzung mit dem – trotz Impfung* – positiv getesteten Gesundheitsminister Sajid Javi in eine einwöchige Quarantäne verabschieden.

Inzidenzwert Großbritannien: Trotz Warnungen fielen Montag fast sämtliche Corona-Maßnahmen in England

Trotz all dieser Warnsignale sind am heutigen Montag so gut wie alle Corona-Maßnahmen in England passé. Premierminister Boris Johnson setzt von nun an auf die Eigenverantwortung der Menschen in England. Doch laut Experten läuft man derzeit in London Gefahr, dass die Situation trotz der hohen Impfquote außer Kontrolle geraten könnte.

Bereits in der vergangenen Woche wurden fast täglich zum Teil mehr als 50.000 Fälle registriert – beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel im Dezember und Januar. Vor allen Dingen die Delta-Variante des Coronavirus macht den Briten dabei zu schaffen*. Die zuerst in Indien entdeckte Mutation des Virus bestimmt inzwischen das Infektionsgeschehen auf den britischen Inseln fast zu 100 Prozent.

Seit heute gibt es im englischen Landesteil des Vereinigten Königreichs keine Maskenpflicht mehr.

Im Zuge dessen sprachen sich in England Gewerkschaften und Unternehmerverbände für eine Beibehaltung der Maskenpflicht und ein gleichzeitiges Ende der Pflicht zur Selbstisolation bei geimpften Kontaktpersonen aus. Das will auch die Stadtverwaltung in London so beibehalten*.

In England fällt heute die Maskenpflicht: Gewerkschaft warnt vor „Chaos Day“ statt „Freedom Day“

Der Grund für das Ende der Selbstisolation ist simpel: Schon jetzt kommt es deswegen in vielen Branchen, vor allem bei Verkehrsbetrieben, zu Engpässen. Mick Lynch, Vorsitzender der Gewerkschaft „The Rail, Maritime and Transport Union (RMT) warnte davor, dass so der „Freedom Day“ – Tag der Freiheit – zum „Chaos Day“ werden könnte.

Zu allem Überdruss kommt noch hinzu, dass Premier Johnson am Wochenende nicht als bestes Beispiel voranging: Er will sich vor der Selbstisolation drücken. Auch sein Finanzminister Rishi Sunak versucht dies. Beide hatten am Wochenende Kontakt mit Gesundheitsminister Sajid Javid, der trotz zweifacher Coronaimpfung an Covid-19 erkrankt ist. Als Grund wurde Sonntagmorgen angegeben, dass sowohl Johnson als auch Sunak an einem Pilotprojekt teilnähmen, das statt einer Selbstisolation tägliche Testungen vorsieht.

Keine drei Stunden später, nach einem landesweiten Aufschrei – immerhin sitzen derzeit Hunderttausende Briten wegen einer Aufforderung zur Selbstisolation zu Hause – ruderte die Regierung zurück. Johnson befinde sich auf seinem Landsitz Chequers in Selbstisolation, hieß es plötzlich.

Inzidenz in Großbritannien: Johnson wendet sich aus der Selbstisolation per Video an die Bevölkerung

Per Videobotschaft wandte sich Johnson von seinem Landsitz aus an die englische Bevölkerung. Als Ausrede hielt her, dass er „kurzzeitig darüber nachgedacht“ habe, an dem Pilotprojekt teilzunehmen, sagte Johnson in dem Video: „Aber ich denke, es ist viel wichtiger, dass sich alle an dieselben Regeln halten und deswegen werde ich bis zum 26. Juli in Selbstisolation gehen.“

Nach Johnsons Ansicht, reicht die hohe Impfquote im Land aus, um auch ohne weitere Maßnahmen einen ausreichenden Schutz vor dem Virus zu bieten. Rund 88 Prozent der über 18-Jährigen haben im Vereinigten Königreich bereits die erste Impfung erhalten, knapp 69 Prozent haben bereits auch die zweite Dosis erhalten. „Das massive Impfprogramm hat die Verbindung zwischen Ansteckung und Krankenhauseinweisung und zwischen Ansteckung und schwerer Erkrankung und Tod erheblich geschwächt“, erklärte der britische Regierungschef.

Wissenschaftler und Epidemiologe Neil Ferguson warnt vor 100.000 Neuinfektionen am Tag in UK

Aber inzwischen werden Zweifel daran laut, ob die Impfungen tatsächlich ausreichen werden, um einer weiteren Infektionswelle auch wirklich standzuhalten. Mit einer Überschreitung der Marke von 100.000 Neuinfektionen pro Tag rechnet jedenfalls der Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College in London.

Ihm zufolge ist es „beinahe unausweichlich“, dass dies bald geschieht. „Die echte Frage ist, ob es sogar doppelt so viel wird, oder sogar noch mehr“, so Ferguson am Sonntag gegenüber dem britischen TV-Sender BBC. Er rechnet damit, dass wieder Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen, wenn die Zahl der Krankenhauseinweisungen die Anzahl zwischen 2000 und 3000 erreiche.

Vor einem Jahr ging am Piccadilly Circus in Londons Innenstadt: nichts. Ab heute fallen fast sämtliche Corona-Maßnahmen im englischen Landesteil von Großbritannien. (Symbolbild)

Das will Johnson eigentlich unbedingt verhindern. Er hatte den Weg seines Landes aus dem Lockdown stets als „vorsichtig aber unumkehrbar“ beschrieben. „Bitte, bitte, seien Sie vorsichtig“, flehte er die Briten an. Ob er damit noch überzeugen kann, scheint fraglich.

Inzidenz in Großbritannien: Wissenschaftler erklären Herdenimmunität als „hofflungslos gescheitert“

Warnenden Worte kommen nicht erst kurz vor Toresschluss aus der Wissenschaft. 1200 Wissenschaftler hatten bereits einen gemeinsamen Brief an Boris Johnson verfasst. Darin kritisierten sie dessen Pläne als „gefährlich und verfrüht“. Eigens dazu hatte es am Samstag einen virtuellen Gipfel gegeben.

Dort zeigte sich der neuseeländische Professor für Gesundheitswesen, Michael Baker, erstaunt über die Lockerungen der britischen Regierung. Man sei wohl zu einem „Herdenimmunitätsansatz“ zurückgekehrt, was jedoch überall auf der Welt bereits „hoffnungslos gescheitert“ sei.

Während des Gipfeltreffens wurden Befürchtungen laut, dass es viele Nachahmer der britischen Politik geben könne. Wie einer der führenden US-Virologen und Ex-Havard-Professor William A. Haseltine betonte, habe man früher für eine großartige und sensible Politik stets nach Großbritannien geschaut, dies habe sich jedoch während der Pandemie geändert. Haseltine ist getrieben von der Sorge, dass einige US-Bundesstaaten dem britischen Beispiel folgen könnten.

In England fällt heute die Maskenpflicht: Fallende Corona-Maßnahmen am Freedom Day könnten eine für die ganze Welt werden

Darüber hinaus bezeichnete Haseltine die Strategie der Herdenimmunität als „mörderisch“. Haseltine warf der britischen Regierung vor, so wissentlich das Leben zehntausender Menschen zu riskieren.

In Anbetracht der steigenden Infektionszahlen und der Ausbreitung der Delta-Variante ein Szenario, das weitreichende Konsequenzen haben könnte – keineswegs nur für England, sondern die Corona-Politik eine Gefahr für die ganze Welt darstellen könnte. Dazu passt, dass führende Wissenschaftler und Regierungsberater der Ansicht sind, dass die Briten eigenverantwortlich auf ein neues Pandemie-Desaster zusteuern.

Inzidenz in Großbritannien: „Ich bin absolut sicher, dass wir zum Anstieg von Delta beigetragen haben“

„Jede Mutation, die geimpfte Menschen infizieren kann, hat einen großen Selektionsvorteil und kann sich ausbreiten“, erklärte Professorin Christina Pagel vom Forscherteam an der UCL London auf einem virtuellen Gipfeltreffen von führenden Köpfen. „Und aufgrund unserer Position als globaler Reiseknotenpunkt wird sich jede Variante, die in Großbritannien vorherrschend wird, wahrscheinlich auf den Rest der Welt ausbreiten – wir haben es bei Alpha gesehen, und ich bin absolut sicher, dass wir zum Anstieg von Delta beigetragen* haben.“

Aufgrund der Covid-Neuinfektionen könnte der Freedom Day zum Chaos Day werden

Die Lockerungen gelten nur für den größten britischen Landesteil England, der keine eigene Regierung hat. Die Regionalregierungen von Wales, Schottland und Nordirland sind für ihre Gesundheitspolitik selbst verantwortlich.

Und dennoch könnte der Freedom Day nicht nur in Großbritannien zum Chaos Days werden, sondern womöglich für die ganze Welt. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: ©  picture alliance/dpa/PA Wire | Yui Mok

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