Immer mysteriöser: Raketen auf der Arctic Sea?

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Die Crew der Arctic Sea wirkt auf den Bildern gesund und entspannt.

Moskau - Piraten, Lösegeldforderungen und vielleicht auch Waffenschmuggel - der Hochseekrimi um den Frachter “Arctic Sea“ wird immer verworrener und hat inzwischen alles für großes Kino.

Doch am Drehbuch wird weiter geschrieben. Hochrangige Militärexperten aus der EU und Russland haben erstmals deutlich erklärt, dass die obskure Story um das angeblich mit Holz beladene Schiff mit Kurs Algerien eigentlich nur mit einem illegalen Rüstungstransport zu tun haben kann. Offen bleibt aber, woher die angeblichen Waffen - vielleicht Flügelraketen - kommen sollen und für wen sie bestimmt sein könnten.

Bilder zeigen Mannschaft

Mehrere Tage nach der Befreiung der russischen Seeleute des unter mysteriösen Umständen verschwundenen finnischen Frachters “Arctic Sea“ gibt es erste Bilder der Besatzung. Sie zeigen mehrere Mitglieder der Besatzung in Schlauchbooten, in denen sie zwischen einer der kapverdischen Inseln und einem russischen Kriegsschiff transportiert werden. Die Männer wirken auf den Bildern gesund und entspannt. Auch der Kapitän des Schiffes ist zu sehen. Nach Angaben der russischen Behörden werden die 15 Seeleute des Frachters und die 8 Entführer weiter verhört.

Experte vermutet Geheimdienst-Operation

Die ganze Geschichte rieche nach einer Geheimdienst-Operation, meinte der russische Marineexperte Michail Wojtenko. Als Herausgeber des Seeinformationsdienstes des russischen Frachtunternehmens “Sowfracht“ hat er den Fall um das angeblich vor drei Wochen vom Radar verschwundene und nun wieder aufgetauchte Schiff wie kaum ein anderer verfolgt. Hier würden Wahrheit und Fiktion vermengt, warnt er, die Angaben der russischen Behörden seien mit Vorsicht zu genießen.

Die offizielle und mit jedem Tag nur bruchstückhaft ergänzte Version des Moskauer Verteidigungsministeriums liest sich bisher so: Die 15 russischen Besatzungsmitglieder wurden am Montag ohne einen Schuss von der Schwarzmeerflotte aus der Gewalt der Geiselnehmer befreit. Die mutmaßlichen Ostsee-Piraten, die das Schiff schon Ende Juli vor Schweden überfallen haben sollen, seien in russischer Haft. Das Ministerium bestätigte am Mittwoch erstmals, die Piraten hätten gedroht, die “Arctic Sea“ zu sprengen, sollte nicht Lösegeld in Millionenhöhe gezahlt werden.

Flügelraketen unter Holz gelagert?

Die „Arctic Sea“ ist unter Kontrolle der russischen Schwarzmeerflotte.

Alles viel zu nebulös und widersprüchlich, meint der estnische Militärexperte und EU-Referent für Piraterie, Tarmo Kõuts. Der Admiral stellte in der in Tallinn erscheinenden Zeitung “Postimees“ (Mittwoch) die These auf, dass Holztransporte generell ideal für Waffenschmuggel seien. Er geht fest davon aus, dass im Frachtraum unter den Balken Flügelraketen lagern. Diese zu entdecken, sei aber eigentlich nur möglich, wenn der Frachter in einen Hafen gezogen und ausgeräumt würde. Die finnische Reederei dementierte erneut die Waffenversion - und will das Holz noch immer an Russlands treuen Rüstungskunden Algerien liefern.

Auch der Leiter des russischen Zentrums für Militärplanungen, Oberst Anatoli Zyganok, hält einen Militärtransport für wahrscheinlich. “Ich denke, es geht um Rüstungsgüter“, sagte er der Moskauer Zeitung “Gaseta“. Inzwischen glaubt in Moskau niemand mehr, dass sich die Russen hier noch in die Karten schauen lassen - so sehr auch etwa Schweden, Finnen und Malteser Aufklärung fordern.

Schiff unter Kontrolle der Schwarzmeerflotte

Das Schiff ist längst unter Kontrolle der russischen Schwarzmeerflotte. Die Seeleute und ihre mutmaßlichen Geiselnehmer werden weiter vom russischen Geheimdienst befragt, der laut Moskaus Medien weiter den Kontakt der befreiten Männer zu ihren Verwandten verhindert. “Ich gehe davon aus, dass sich die interessengeleiteten Seiten weiter ihre Versionen zurechtlegen und sich absprechen“, sagte Wojtenko. Medien verwiesen darauf, dass immerhin auch die NATO und die EU an der wochenlangen Suche beteiligt gewesen seien und sicher etwas beitragen könnten, um Licht ins Dunkel zu bringen. Wojtenko geht davon aus, dass nicht nur Russland in den Fall verwickelt sei.

Nach Informationen der Zeitung “Kommersant“ übernahmen Offiziere des russischen Geheimdienstes bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Lösegeldforderung am 3. August die Verhandlungen mit den Piraten. Zur Kaperung des Schiffes sei es am 24. Juli in schwedischen Hoheitsgewässern gekommen. “Wie kann die Suche nach einem 98 Meter langen Frachter drei Wochen dauern, wo man doch mit Hilfe eines Satellitensystems längst ein Gummiboot auf dem Ozean finden kann“, fragt nicht nur das Boulevardblatt “Moskowski Komsomolez“ (“MK“).

Experte: Piratengeschichte nicht glaubhaft

Das Schiff sei vermutlich schon seit Samstag von den Russen kontrolliert worden, meint Wojtenko. Nur hätten sich die Behörden vor der Bekanntmachung erst noch eine glaubwürdige Geschichte für das Verschwinden ausdenken müssen. Eine Piratengeschichte sei aber nicht glaubhaft - nicht in der leicht kontrollierbaren Ostsee. “Nach jeder geglückten Befreiung zeigen sich die stolzen Retter mit den Geiseln. Solche Bilder fehlen jetzt völlig“, merkt “MK“ an. Wojtenko glaubt, dass die Wahrheit über die “Arctic Sea“ womöglich nie ans Licht kommt.

Von Ulf Mauder und Wolfgang Jung

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