Schon 238 Tote

Hoffnung auf Überlebende in der Türkei schwindet

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Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Unglücksort in Soma.

Soma - Nach dem verheerenden Grubenunglück in der Türkei schwindet die Hoffnung auf eine Rettung der noch unter Tage eingeschlossenen rund 120 Kumpel. Die Zahl der Toten stieg bis Mittwochnachmittag auf 238.

Nach dem verheerenden Grubenunglück in der Türkei schwindet die Hoffnung auf eine Rettung der noch unter Tage eingeschlossenen rund 120 Kumpel. Die Zahl der Toten stieg bis Mittwochnachmittag auf 238, wie Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Unglücksort in Soma in der Westtürkei sagte. Dort kündigte er umfassende Ermittlungen an und versprach, "keine Nachlässigkeit" zu dulden. Demonstranten vor Ort forderten lautstark Erdogans Rücktritt.

"Unsere Hoffnungen werden immer geringer", gestand Energieminister Taner Yildiz inmitten der Rettungsarbeiten an der Kohlemine ein. Das Problem sei "ernster, als wir dachten". Er rechnete mit weiteren Toten und sagte, die Opferzahl könne die des bislang schwersten Grubenunglücks in der Türkei mit 263 Toten noch übersteigen. Dem Minister zufolge konnten in Soma 363 Arbeiter gerettet werden, Erdogan schätzte die Zahl der Eingeschlossenen auf noch rund 120.

Dutzende aufgebrachte Einwohner von Soma demonstrierten nahe dem Gebäude, in dem Erdogan seine Pressekonferenz hielt, und versetzten dessen Auto Fußtritte, wie die private Nachrichtenagentur Dogan berichtete. Sie forderten die Regierung zum Rücktritt auf, sangen und riefen Parolen.

In dem Bergwerk war nach der Explosion eines Transformators am Dienstag ein Feuer ausgebrochen, das am Mittwoch weiter wütete. Tödliches Kohlenmonoxid behinderte die Rettungsarbeiten. Den Sicherheitskräften zufolge bildeten sich nach der Explosion in dem Bergwerk zwei Lufttaschen, von denen eine für die Rettungskräfte zugänglich, die zweite jedoch versperrt war. Die meisten der Todesopfer starben an Kohlenmonoxidvergiftung.

Verheerendes Unglück in türkischem Bergwerk

Verheerendes Unglück in türkischem Bergwerk

Hunderte verzweifelte Angehörige und Kollegen warteten vor dem Grubeneingang auf Neuigkeiten. Nur vereinzelt wurden Überlebende ans Tageslicht gebracht, sie husteten und rangen nach Luft. Der Arbeiter Arum Unzar sagte, er habe schon früher einen Freund bei einem Unfall verloren, "aber dies hier ist enorm". "Alle Opfer sind unsere Freunde", sagte er unter Tränen. Die Feuerwehr versuchte, Frischluft in den Schacht zu leiten, um die in zwei Kilometern Tiefe festsitzenden Arbeiter zu versorgen.

Unterdessen tobte die Debatte über die Sicherheit in dem Bergwerk. Kritiker werfen der Regierung vor, bei der Privatisierung vieler ehemals staatlicher Bergbaufirmen in den vergangenen Jahren die Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen ignoriert zu haben. Die Staatsanwaltschaft nahm am Mittwoch Ermittlungen auf, der linke Gewerkschaftsbund DISK sprach von einem "Massaker". Erst vor wenigen Wochen war die Oppositionspartei CHP im Parlament mit dem Versuch gescheitert, Zwischenfälle in der Grube von Soma untersuchen zu lassen.

Der Bergmann Oktay Berrin sagte der Nachrichtenagentur AFP, es gebe in dem Bergwerk keine Sicherheit: "Die Gewerkschaften sind Marionetten und die Geschäftsführung kümmert sich nur ums Geld." In Ankara setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer gegen rund 800 Demonstranten ein, die angestachelt durch das Unglück gegen die Regierung protestierten. Sie warfen Steine auf die Beamten und riefen regierungsfeindliche Parolen. Auch in Istanbul löste die Polizei einen Protest von rund 50 Demonstranten auf, spontane Kundgebungen gab es auch andernorts.

Erdogan wies jede Verantwortung der Regierung zurück: Derlei Arbeitsunfälle passierten "überall auf der Welt". Das türkische Arbeitsministerium erklärte, die Grube sei zuletzt am 17. März auf Sicherheitsmängel untersucht worden und es habe keine Beanstandungen gegeben.

Bundespräsident Joachim Gauck schrieb in einem Kondolenztelegramm an seinen Kollegen Abdullah Gül, er habe "mit Trauer und Bestürzung" von dem Unglück erfahren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wandte sich mit ähnlichen Worten an Erdogan und erklärte, Deutschland sei "zur Hilfe bereit".

Die türkische Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus, die rückwirkend ab Dienstag galt. Bei dem bisher schwersten Grubenunglück in der Türkei waren 1992 in einem Bergwerk in Zonguldak nach einer Gasexplosion 263 Kumpel gestorben.

afp

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