Brandursache unklar

Feuer in Fabrik: Vier Menschen sterben

Florenz - Durch ein Feuer in einer chinesischen Textilfabrik in Norditalien sind am Sonntag vier Menschen ums Leben gekommen und zwei weitere schwer verletzt worden.

Es sind Szenen, wie man sie vielleicht in Indien oder Südostasien vermuten würde: Dutzende Menschen leben und arbeiten auf engstem Raum in einer Textilfabrik, schuften bis zu 18 Stunden am Tag für einen Hungerlohn. Sie schlafen in kleinen Verschlägen ohne Fenster auf provisorischen Lagern aus Kartons. Doch die Bilder aus einer Reportage der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ stammen nicht aus Asien, sondern aus einer Textilfabrik mitten in der Toskana. Ein Feuer mit mindestens sieben Toten in einer der Firmen katapultiert die Probleme nun in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion in Italien.

In der Toskana-Stadt Prato hat sich in den vergangenen Jahren eines der größten Chinatowns Europas entwickelt. In Macrolotto, einem gigantischen Industriegebiet im Süden der Stadt, haben sich im Laufe der Zeit Schätzungen zufolge mindestens 4000 Firmen angesiedelt. Dort wird massenhaft Kleidung zu Discount-Preisen produziert, die später unter dem Label „Made in Italy“ vor allem auf dem europäischen Markt verkauft wird. Rund 30 000 Chinesen sollen in den Textilfabriken arbeiten, einer Kontrolle des Ordnungsamts zufolge mehr als ein Viertel von ihnen illegal. Es ist nach Angaben von Arbeitsminister Enrico Giovannini eine der höchsten Quoten in ganz Italien.

Über das Feuer mit sieben Toten sagte der Sicherheitsbeauftragte der Stadt, Aldo Milone: „Diese Tragödie, das mag jetzt zynisch klingen, überrascht mich nicht.“ Oft haben die Behausungen der Arbeiter nach seinen Angaben minderwertige elektrische Installationen. Sanitäre Anlagen sind ebenso Mangelware, nach der Staatsanwaltschaft könnte das Feuer in einer Kochnische oder durch einen elektrischen Ofen entstanden sein. Die Sicherheitsbedingungen entsprechen laut Schätzungen in mehr als der Hälfte aller Kontrollen nicht dem Gesetz.

Die Arbeiter produzieren schnelle und billige Kleidung, an der sie selbst kaum etwas verdienen. Der Zeitung „Corriere della Sera“ sagte einer der chinesischen Angestellten, ein fertig genähtes Kleidungsstück bringe ihm etwa 40 bis 50 Cent - im Monat verdiene er so insgesamt 700 bis 800 Euro. „Das Wichtigste ist, zu arbeiten. Und Geld nach Hause schicken“, sagte ein anderer der Tageszeitung „La Stampa“.

Die italienische Öffentlichkeit reagierte geschockt auf das Unglück. „Eine Tragödie, die man vielleicht in einigen Ländern Südostasiens erwarten würde, aber es ist schwer zu begreifen, dass es in Italien passiert ist“, sagte Parlamentspräsidentin Laura Boldrini. Der Chef der Gewerkschaft Cisl, Luigi Sbarra, forderte: „Schluss mit den Tragödien. Wir brauchen mehr Schutz und Legalität.“

Doch der menschenunwürdige Umgang mit den Arbeitnehmern ist nicht der einzige Vorwurf an die Fabrikbesitzer. Nach Angaben von Giovannini wurde bei Kontrollen in 76 Prozent der Betriebe gesetzwidriges Verhalten festgestellt. „Wir haben hier Unternehmen, die häufig unter der Kontrolle der chinesischen Verbrecherringe stehen“, sagte Enrico Rossi, der Präsident der Region Toskana ist. „Wir müssen die Situation als das sehen, was sie ist: Die größte Ansammlung von Schwarzarbeit in Norditalien, wahrscheinlich sogar in ganz Europa.“

Die Zustände sind laut Medienberichten allgemein bekannt, doch die Behörden machtlos. Nach Angaben von Bürgermeister Roberto Cenni werden jedes Jahr Hunderte Firmen kontrolliert und viele von ihnen geschlossen. „Aber sie machen an einem anderen Ort mit den gleichen Produkten wieder auf.“ Staatsanwalt Piero Tony ergänzte: „Die meisten der Firmen sind so organisiert: Es ist der Wilde Westen.“

dpa

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