„Den meisten Arten geht es schlecht“: Experten schlagen Ostsee-Alarm

Seit vielen Jahren sinkt der Fischbestand in der Ostsee. Die EU will dem Problem mit neuen Fangquoten einen Riegel vorschieben. Kritik dazu hagelt es aus verschiedenen Lagern.
Hamburg/Rostock – Die Überfischung in der Ostsee ist ein Problem, vor dem Wissenschaftler seit langem warnen. Im Oktober dieses Jahres legten die Agrarminister der Europäischen Union (EU) Fangquoten fest. Diese seien viel zu hoch und die Arten nicht ausreichend geschützt, kritisierten Forscher. Die Fische kämpfen ohnehin schon mit den Folgen des Klimawandels. Auch die deutschen Ostseefischer klagen über die Fangquoten, halten sie aber für zu niedrig angesetzt – und sprechen von einer „existenzbedrohende Lage“.
Experte über zu hohe EU-Fangquoten für Ostsee: „Den meisten Arten geht es schlecht“
Es gibt immer weniger Fische in der Ostsee. Schon seit Jahrzehnten weist der Trend nach unten. Der Grund: Überfischung. Nun legte die EU die Fangquoten für Scholle und Sprotte um zehn Prozent niedriger fest, das Fischen von Hering und Dorsch ist ganz verboten. Als Beifang dürfen Fischer diese Arten allerdings weiterhin aus dem Wasser ziehen. Aus der Wissenschaft kommt dazu Kritik. „Den Fischen ist ja völlig egal, ob sie als gezielter Fang oder als Beifang gefangen werden. Das überleben sie beides nicht“, fand der Meeresbiologe Rainer Froese im Gespräch mit dem ZDF klare Worte. Experten und Umweltschützer halten die Fangquoten der EU für viel zu hoch.
So warnte etwa die Umweltorganisation WWF wegen der niedrigen Fischbestände jüngst explizit vor dem Verzehr von Hering, der in der südlichen und westlichen Ostsee gefangen wird. Dieser habe eine grundlegende Bedeutung für das Nahrungsgefüge in den Ozeanen, doch „die Biomasse des Laicherbestands“ zeige langfristig „einen rückläufigen Trend“, hieß es. Die Rechnung ist aus Expertensicht ziemlich einfach. Die entscheidende Frage sei: Wird mehr herausgenommen als nachwächst oder nicht? „Wenn man mehr herausnimmt, dann schrumpft der Bestand“, so Meeresbiologe Froese weiter. „Den meisten Arten geht es schlecht“, so Froese. Die Empfehlung der Wissenschaft laute deshalb seit Jahren, keinen Hering in der westlichen Ostsee zu fischen und nur ganz wenig vom Dorsch.
Klimawandel ist Herausforderung für die Fische und dezimiert Bestände weiter
Doch die Fischerei ist nicht das einzige Problem der Tiere, auch der Klimawandel macht ihnen zu schaffen. Die Wassertemperatur steigt, durch Überdüngung sinkt der Sauerstoffgehalt und auch die Zeiten, wann Fische laichen, ändert sich. Manche Fischarten können besser damit umgehen als andere. Der Scholle etwa gehe es gut, so der Experte Froese zum ZDF. Dorsch, Hering, Sprotte hätten hingegen Probleme. Da die Bestände so gering seien, könnten diese Arten nur einen kleinen Teil ihres Laichgebiets in der Laichzeit mit Eiern versorgen – damit verschärft sich das Problem.
Auch hier könnte man mit den richtigen Fangquoten ansetzen, so der Wissenschaftler. Mit einer „Beschränkung der Fänge für ein, zwei Jahre die Bestände wieder auf den guten hohen Stand bringen können“, kritisierte der Experte. Doch das sei nicht geschehen – und die Arten deshalb in Gefahr. Während die Handlungsanweisung aus Sicht der Wissenschaft also klar ist, regte sich Widerstand in der Wirtschaft.
Widerstand gegen EU-Fangquoten aus der Wirtschaft: „Keine auskömmliche Fischerei mehr“
Der Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, Christopher Zimmermann, bewertete die jetzigen Fangquoten als guten Kompromiss. Die nun festgesetzten Fangmengen und Bedingungen für Westdorsch und Westhering würden der Fischerei eine Fortsetzung der Fänge anderer Arten erlauben, vor allem der Plattfische, aber die Erholung des Heringsbestandes nicht behindern, meint Zimmermann. Besonders im Hinblick den Dorsch-Bestand „müssten sich die Umweltbedingungen - vor allem Überdüngung und Klimawandel - erheblich verbessern, um eine Erholung zu ermöglichen“, hieß es vom Leiter des Thünen-Instituts weiter.
Angesichts der schrumpfenden Fischbestände und der restriktiven Fangmengen sehen sich indes die deutschen Ostseefischer eigenen Angaben zufolge vor einer existenzbedrohenden Lage. Die EU-Quoten „lassen keine auskömmliche Fischerei mehr“ zu, hieß es vonseiten des Deutschen Fischereiverbandes in Hamburg. Der Wegbruch einer ganzen Branche ist im Laufe der Geschichte allerdings nichts Außergewöhnliches in der Arbeitswelt. Auch der Klimaschutz könne den Arbeitsmarkt erheblich verändern, heißt es in einer Untersuchung des Informationsdienstes des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwd). „Einige etablierte Jobs werden wegfallen, es entstehen aber auch neue Arbeitsplätze und Aufgabenbereiche“, so das iwd (bme mit dpa).




