Massenflucht aus Kathmandu

Erdbeben im Himalaya: Göttinger Geografie-Professor tot

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Tausende obdachlose Menschen warten in Kathmandu auf Hilfe.

Kathmandu - Der Leiter einer Exkursion der Universität Göttingen ist bei dem verheerenden Erdbeben im Himalaya ums Leben gekommen. Unterdessen verlassen Zehntausende Menschen Nepals Hauptstadt Kathmandu.

Der Göttinger Geografie-Professor Matthias K. ist bei dem Erdbeben im Himalaya ums Leben gekommen.

Der international renommierte 67-jährige Geografie-Professor und Eiszeitforscher Matthias K. befand sich auf einer geografischen Exkursion nordwestlich von Katmandu, als die Gruppe von dem Erdbeben überrascht wurde. Der Mann erlag nach Informationen der Hochschule seinen schweren Verletzungen. Zu den genauen Umständen, unter denen der Mann ums Leben kam, könne er noch keine Angaben machen, sagte Hochschulsprecher Thomas Richter am Dienstag.

Die übrigen Teilnehmer der Exkursion - 15 Studierende und ein weiterer Wissenschaftler - seien bei dem Unglück auf dem Weg vom Tsum Valley nach Arughat Bazar leicht verletzt worden, sagte Richter. Ihnen gehe es „den Umständen entsprechend gut“. Direkten telefonischen Kontakt zu der Gruppe habe die Universität bisher nicht bekommen können. An die Informationen sei die Hochschule mit Hilfe des Reiseveranstalters gelangt.

Der ums Leben gekommene Wissenschaftler galt als herausragender Kenner des Himalaya. Er war in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Dutzend Mal zu Forschungsreisen in dem Hochgebirge unterwegs. Sein besonderes Interesse galt der Entstehung und den Folgen von Eiszeiten.

Derzeit befänden sich die überlebenden Mitglieder der Gruppe in Arughat Bazar in Sicherheit. Sie sollen voraussichtlich noch am Dienstag nach Katmandu gebracht werden, sagte der Hochschulsprecher. Er hoffe, dass sie dann am Mittwoch den Heimflug nach Deutschland antreten können. Die Gruppe war Anfang April in den Himalaya aufgebrochen. Die Rückkehr war für den 29. April geplant.

Massenflucht aus Kathmandu

Auf der Suche nach Wasser und Nahrung haben Zehntausende Menschen das von einem Erdbeben schwer getroffene Kathmandu-Tal in Nepal verlassen. Die nepalesische Zeitung „Himalayan Times“ gab ihre Zahl am Dienstag mit mehr als 72 000 an. In der Hauptstadt des Himalaya-Landes gebe es derzeit keinen Strom und kaum Trinkwasser, sagte Philips Ewert, Einsatzleiter der Hilfsorganisation World Vision vor Ort. Bei dem Himalaya-Erdbeben starben mindestens 3900 Menschen.

Alle großen Geschäfte und Banken in Kathmandu seien geschlossen, sagte Ewert. „Außerdem wollen viele Menschen in ihre Heimatdörfer fahren und schauen, wie es ihren Familien geht.“ Auf Fotos waren Lastwagen und Busse voller Menschen zu sehen. Lokale Medien sprachen mit vielen Bewohnern, die sich bitter über die mangelnde Vorbereitung und Koordination der Behörden beklagten. Auch würden die Hilfsgüter nicht gleichmäßig verteilt.

Drei Tage Staatstrauer in Nepal

Indes hat die Regierung eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. Die Regierung erklärte außerdem erstmals öffentlich, trotz zahlreicher Warnungen vor einem bevorstehenden großen Beben nicht ausreichend vorbereitet gewesen zu sein. „Wir haben nicht genügend Mittel, und wir brauchen mehr Zeit, um alle zu erreichen“, erklärte Innenminister Bam Dev Gautam im staatlichen Fernsehen. Die Behörden hätten Schwierigkeiten, die Krise zu meistern. „Wir waren auf ein Desaster dieses Ausmaßes nicht vorbereitet“, sagte er.

Das Erdbeben der Stärke 7,8 hatte am Samstag große Teile Nepals sowie die angrenzenden Länder Indien und das chinesische Tibet erschüttert. Auf chinesischer Seite stieg die Zahl der Toten auf 25; in Indien starben 72 Menschen. Im Bebengebiet leben nach UN-Angaben etwa 6,6 Millionen Menschen. Wie viele davon wirklich stark betroffen sind, ist laut Ewert noch nicht abzusehen. Seine Organisation höre immer wieder, dass im Epizentrum die meisten Häuser zerstört seien. „Aber die Region ist noch völlig unzugänglich.“

Am frühen Morgen starteten mehrere Flugzeuge von Kathmandu und machten somit Parkpositionen für ankommende Flieger frei. Der einzige internationale Flughafen Nepals war am Vortag wegen des Andrangs überlastet. Mehrere Maschinen mit Hilfsgütern und Helfern mussten umkehren. Viele Touristen konnten auch nicht ausfliegen. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen schicken auch Teams über beschwerlichen Landweg in die betroffenen Gebiete - von Indiens Hauptstadt Neu Delhi dauert es drei bis fünf Tage.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef machte darauf aufmerksam, dass vom Beben auch eine Million Kinder betroffen sind. Sie litten besonders unter Naturkatastrophen, sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, der „Passauer Neuen Presse“. „Etwa 40 Prozent aller Kinder in Nepal sind chronisch mangelernährt. Sie sind ohnehin geschwächt. Wenn sie nun einige Nächte bei Regen draußen in der Kälte verbringen müssen, können sie leicht gefährliche Atemwegserkrankungen bekommen“, warnt Schneider. Auch Durchfallerkrankungen könnten zum Problem werden.

Fast alle Bergsteiger vom Mount Everest gerettet

Inzwischen sind fast alle Abenteurer am Mount Everest ins Tal geflogen worden. Bislang wurden 205 Bergsteiger am höchsten Berg der Welt gerettet, wie der örtliche Polizeisprecher Bhanubhakta Nepal am Dienstag sagte. Die Polizei sprach von 17 Menschen, die durch eine Lawine im Everest-Basislager gestorben seien. Ein Sprecher der Tourismusbehörde gab die Zahl mit mindestens 20 an. Das indische Militär, das bei der Rettungsaktion mithalf, sprach von 22 Toten.

Bergsteiger Daniel Mazur schrieb aus Camp 1 oberhalb des Basislagers: „Wir sind die letzten neun Sherpas und acht Kletterer am Everest.“ Die Helikopter-Landestelle liege auf 6100 Metern Höhe. „Sonnig und wolkenlos, aber das Warten ist schwer“, teilte er via Twitter mit. Mehr als 100 Bergsteiger saßen am Berg fest, weil die Aufstiegsroute - dazu gehören Leitern und Seile durch einen Gletscher - durch Lawinen zerstört worden war.

Zum Zeitpunkt des Unglücks hielten sich etwa 1000 Menschen im Basislager auf. Der bekannte US-Bergsteiger Alan Arnette schrieb aus dem Basislager, fast alle Teams um ihn herum hätten das Camp verlassen oder bereiteten sich darauf vor. Sie würden in dieser Saison den Everest nicht mehr von der Südseite aus besteigen. „Einige kleine Teams werden in ein paar Tagen entscheiden“, schreibt er in seinem Blog.

Tausende Tote bei Erdbeben im Himalaja

Tausende Tote bei Erdbeben im Himalaja

dpa

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