Teufelskreis des Bettelns in Kapstadt

"Eine ältere Dame kauft mir ab und zu Brot"

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Denzel (l.) lebt in Kapstadt auf der Straße

Kapstadt - Kapstadt gilt als eine der schönsten Städte der Welt. Für die Straßenkinder, die zwischen Tafelberg und Traumstränden um Almosen betteln, sieht die Realität anders aus. Drogen und Hunger bestimmen den täglichen Kampf ums Überleben.

Denzel redet die meiste Zeit von Essen. „Ich gehe oft hungrig schlafen“, sagt der 16-Jährige. „Und manchmal schnüffele ich Klebstoff, dann vergesse ich meinen leeren Magen.“ Zum Glück kaufe ihm „eine ältere ausländische Dame“ ab und zu Brot, erzählt der Junge mit den schmutzigen Jeans und lächelt. Denzel ist eines von Kapstadts Straßenkindern, die täglich in der schicken Innenstadt betteln. Örtliche Hilfsorganisationen schätzen ihre Zahl auf mehr als 200, rund 20 Prozent davon sind Mädchen. In den armen Vororten und Townships leben unzählige weitere Kinder ohne Zuhause - aber die Verdienstmöglichkeiten sind im Zentrum natürlich besser.

Zwischen den hübschen Kolonialstil-Cafés steht Denzel mit seinen Freunden auf dem Gehweg und stellt treuherzig sein Elend zur Schau. Wer als vergleichsweise wohlhabender Tourist diese Armut sieht, ist leicht versucht, den Kindern Kleingeld zu geben. Doch hilft es ihnen wirklich aus der Misere zu einem besseren Leben?

Mit der nun beginnenden Touristensaison in Südafrika - wenn in Deutschland Winter ist, strahlt hier die Sonne - steigen auch die Almosen der Besucher. „Besonders jetzt können Straßenkinder bis zu 120 Euro am Tag erhaschen“, sagt Theresa Uys, Vorsitzende des städtischen Komitees für Obdachlosenhilfe.

Wohlgesonnene sollten jedoch lieber an die mehr als zwei Dutzend lokalen Hilfsorganisationen spenden, sagt die Expertin. Denn wer den Kindern direkt Geld gebe, mache ihnen das Leben auf der Straße erst möglich. Laut Uys unterstützen Passanten so einen „Teufelskreis aus extremer Gewalt und Drogenmissbrauch“.

Tatsächlich ist die Droge „Tik“ das größte Problem der Kinder. In Deutschland unter dem Namen „Crystal“ bekannt, hat sich Tik am Westkap Südafrikas in den letzten Jahren rasant ausgebreitet. Das gefährliche Rauschgift macht nicht nur schnell abhängig, sondern ist auch billig: Eine Dosis ist schon für 80 Cent zu haben.

„Tik ist der Grund, warum die Kinder auf der Straße bleiben wollen“, sagt Pat Eddy, die als Sozialpädagogin für den „City Center Improvement District“ (CCID) arbeitet. Die Initiative will Kapstadts Innenstadt sicherer und schöner machen. Tik mache aggressiv und unberechenbar, erklärt Eddy. „Es kommt vor, dass berauschte Straßenkinder Passanten mit Messern angreifen. Keine Stadt will das ihren Besuchern zumuten.“

Der Soziologe Rob Pattman von der Universität Stellenbosch sieht das anders: „Sie betteln, weil sie überleben müssen.“ Nicht alle obdachlosen Kinder seien drogensüchtige Gangster. Pattman fand heraus, dass sich Straßenkinder mehr öffnen, wenn Sozialarbeiter auf Augenhöhe mit ihnen umgehen. Das Wichtigste sei dabei ehrliche Zuwendung. „Die Kinder leben in einer Welt, in der sie nicht nur materiell benachteiligt sind, sondern auch stigmatisiert werden.“

Denzel gehört zu den wenigen Straßenkindern, die kein Tik rauchen. „Aber es ist schwer, der Droge zu widerstehen“, sagt er. Denn falsche Freunde versuchen immer wieder, ihn zum Konsum zu überreden: „Manche Leute sagen, ich solle es auch rauchen, dann wäre ich unantastbar.“

Wie die meisten seiner „Kollegen“ kommt Denzel aus einem der Elendsviertel vor den Toren Kapstadts. Die Kindheits-Erinnerungen der Jugendlichen strotzen vor Gewalt oder Drogensucht der Eltern. „Meine Mutter ist an Aids gestorben, als ich neun Jahre alt war, und sonst hatte ich niemanden, der sich um mich kümmerte.“

Keiner der Nachbarn hatte Interesse daran, einen Aidswaisen durchzufüttern. Also hat sich der Junge mit Gleichaltrigen verbündet. „Wir teilen unser Essen und schlafen am selben Platz, dann sind wir sicherer.“ Jede Nacht rollen sie sich zu viert am Fuße des „Signal Hill“ zusammen, einem der majestätischen Berge Kapstadts.

Für den Soziologen Pattman steht fest: „Straßenkinder sind sehr solidarisch untereinander.“ Was Gemeinschaft und gegenseitiger Schutz bedeuten, erführen die Kinder oft erst als Obdachlose.

Jedoch gingen die zuständigen Einrichtungen oft nicht auf die Bedürfnisse der Betroffenen ein, bemängelt er. „Viele Organisationen sind zu restriktiv.“ So dürften die Kinder meist ihre Freunde nicht mehr sehen, wenn sie in einer Einrichtung unterkommen. Auch Denzel hat sich schon einmal Hilfe gesucht. „Aber ich sollte auf die Schule gehen, das wollte ich überhaupt nicht.“ Nach ein paar Tagen haute er wieder ab.

„Die Arbeit mit Straßenkinder ist nicht einfach“, sagt auch Paul Hooper, Direktor der Hilfsorganisation „The Homestead“. „Wir können dabei nicht einfach einen Plan abarbeiten.“ Viele Kinder seien traumatisiert und nicht gewohnt, sich Regeln anzupassen.

Denzel will in kein Heim mehr. Er wünscht sich, dass die „ältere ausländische Dame“ ihn adoptiert. „Ich will einfach Geld verdienen und mein Leben leben“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

dpa

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